Nr. 50/2009 vom 10.12.2009

Bis die Malediven weg sind

Seit Montag wird in Kopenhagen die Zukunft des Planeten verhandelt. Wer bietet wie viel, wer treibt an, wer bremst, wer blufft? Eine Übersicht.

Von Marcel Hänggi

Nachdem während Monaten PolitikerInnen die Erwartungen auf den Klimagipfel in Kopenhagen dämpften, wird jetzt plötzlich verhaltende Zuversicht verbreitet. Ob es tatsächlich gelingt, verbindliche Verpflichtungen für die Zeit von 2013 bis 2020 zu beschliessen, ist allerdings nach wie vor offen. Ausserdem scheint schon jetzt ziemlich sicher, dass das Ergebnis von Kopenhagen bei weitem ungenügend sein wird.

Wenn die Erderwärmung auf plus zwei Grad begrenzt werden soll (um 0,8 Grad hat sich die Erde bereits erwärmt), müssen die Industriestaaten als Etappenziel bis 2020 25 bis 40 Prozent weniger Treibhausgase ausstossen als 1990, schätzen Fachleute. Die Schwellenländer müssten ihre Emissionen bis 2020 deutlich unter «business as usual» senken, das heisst unter den Wert, den sie ohne jegliche Massnahmen mutmasslich erreichen würden. Zum Zweigradziel haben sich die meisten grösseren Industrie- und Schwellenländer bekannt; die kleinen Inselstaaten fordern eine Begrenzung auf plus 1,5 Grad.

Die Angebote, die die TeilnehmerInnen der Klimakonferenz bislang auf den Tisch gelegt haben, resultieren aber in einer Reduktion der Emissionen durch die Industriestaaten um lediglich 8 bis 14 Prozent. Laut dem WWF International wäre man damit auf einem Kurs, der zu einer Erwärmung um global 2,8 bis 4,3 Grad führen würde – mit katastrophalen Folgen. Ausserdem ist völlig unklar, wie die nötigen Anstrengungen der Entwicklungsländer finanziert werden sollen.

Die Erde: starke Beschleunigung

Treibhausgasemissionen pro Kopf 2005: 7,4 Tonnen, davon 1,4 Tonnen, die aus der Landnutzung – im Wesentlichen aus der Abholzung – entstehen. In der Fachsprache wird dies mit LULUCF abgekürzt (Land Use, Land Use Change and Forestry).

Die globalen jährlichen Treibhausgasemissionen haben zwischen 1990 und 2005 um 22 Prozent (inklusive LULUCF) respektive 26 Prozent (ohne LULUCF) zugenommen. Die Bevölkerung ist im selben Zeitraum ebenfalls um 22 Prozent gewachsen; die Pro-Kopf-Emissionen sind folglich ungefähr stabil geblieben. Die Zunahme der Emissionen hat sich seit 2000 gegenüber den 1990er Jahren jedoch wegen des starken Wirtschaftswachstums beschleunigt.

USA: das grosse Hindernis

Pro-Kopf-Emissionen 2007: 20,6 Tonnen

US-Präsident Barack Obama will jetzt doch an der Schlussphase des Klimagipfels teilnehmen. Zudem gibt ihm eine Neueinstufung von Treibhausgasen durch die US-Umweltbehörde mehr Spielraum für Regulierungen. Das hat die Hoffnungen verstärkt, dass es in Kopenhagen zum Durchbruch kommen wird. Doch ein neuer Präsident macht noch kein neues Land. Die USA sind nach wie vor eines der grössten Hindernisse auf dem Weg zu einem wirksamen Klimaabkommen.

Die USA bieten an, ihre Emissionen bis 2025 um 17 Prozent unter das Niveau von 2005 zu senken. Ob der Kongress das dazu nötige Gesetz annehmen wird, ist ungewiss, die Lobby der Erdölkonzerne ist sehr einflussreich. Minus 17 Prozent gegenüber 2005 bedeutet allerdings nur gerade minus 3 Prozent gegenüber 1990. Gemäss Kioto-Protokoll, das die USA unterzeichnet, aber nicht ratifiziert haben, hätten die Emissionen bereits für den Zeitraum 2008 bis 2012 um 7 Prozent gesenkt werden müssen. Um ihr Ziel zu erreichen, setzt die Regierung Obama auf so problematische «Lösungen» wie neue Atomkraftwerke und – immer noch – Agrotreibstoffe.

China: weiterwachsen

Pro-Kopf-Emissionen 2005: 5,6 Tonnen

Am meisten Treibhausgase aller Staaten stösst China aus – allerdings mit fünfmal mehr EinwohnerInnen als die USA. Die Führung Chinas, dessen Landwirtschaft bereits heute unter dem Klimawandel leidet, hat in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Wandel durchgemacht. Dennoch sind die Zusagen ungenügend. China will weiter stark wachsen, verspricht jedoch die Treibhausgasemissionen im Verhältnis zu seinem Bruttoinlandsprodukt bis 2020 um 40 bis 45 Prozent zu senken. Eine verbindliche Verpflichtung will der Staat jedoch nicht eingehen. Wächst Chinas Wirtschaft weiter wie bisher, lägen seine Emissionen – wenn China sein Ziel erreicht – 2020 doppelt so hoch wie 2005 und dreieinhalbmal so hoch wie 1990.

Europäische Union: nur knapp genügend

Pro-Kopf-Emissionen 2007: 10,5 Tonnen

Auf dem klimadiplomatischen Parkett ist die EU als drittes Emissionsschwergewicht hinter den USA und China der Antreiber. Dennoch ist auch ihr Angebot bestenfalls knapp genügend. Bis 2020 will die EU ihre Emissionen um 20 Prozent gegenüber 1990 senken und dieses Angebot auf 30 Prozent erhöhen, falls genügend andere Industriestaaten mitmachen. Dabei sind die Verpflichtungen unter den EU-Mitgliedern unterschiedlich verteilt. Deutschland oder Schweden streben (wie auch Nichtmitglied Norwegen) eine Reduktion um 40 Prozent an. Ob freilich die nationalen Klimapolitiken genügen, diese Ziele zu erreichen, ist namentlich in Deutschland fraglich. Zu den grossen Bremsern in der EU gehören Polen und Italien.

Schweiz: knausrig

Pro-Kopf-Emissionen 2007: 7,2 Tonnen

Die Schweiz weist von allen OECD-Staaten die tiefsten Pro-Kopf-Emissionen auf, weil die meisten Industriegüter, die wir konsumieren, nicht im Land hergestellt, sondern importiert werden. Der Schweizer Konsum verursacht weltweit Treibhausgasemissionen in derselben Pro-Kopf-Grössenordnung wie Kanada. Umso wichtiger wäre eine Zusage zur finanziellen Unterstützung ärmerer Länder in der Klimapolitik. Bundesrat Leuenberger hat die Idee lanciert, die Finanzierung über eine globale CO2-Abgabe zu regeln; über den Vorschlag wird in Kopenhagen verhandelt. Woher die Schweiz das Geld nehmen will, sollte es in Kopenhagen zu einem Vertrag kommen, wusste Leuenberger auf Anfrage der WOZ nicht zu sagen – das werde man später diskutieren.

Im Bezug auf die Emissionsreduktionen schliesst sich die Schweiz der EU an: minus 20 Prozent bis 2020, allenfalls minus 30 Prozent. Wäre die Schweiz EU-Mitglied, hätte sie sich als reiches Mitglied zu höheren Reduktionen verpflichten müssen. Das Angebot liegt weit hinter dem, was die Schweiz zu leisten imstande wäre.

Russland: weniger als nichts

Pro-Kopf-Emissionen 2007: 14,2 Tonnen

Russland gehörte bei den Verhandlungen um das Kioto-Protokoll zu den grossen Bremsern. Nun hat es angekündigt, seine Emissionen bis 2020 um 25 Prozent senken zu wollen. Das sieht gut aus – aber nur auf den ersten Blick.

Russlands Mitmachen im Kioto-Prozess wurde dadurch erkauft, dass das Land im Zeitraum 2008 bis 2012 jährlich gleich viele Treibhausgase ausstossen darf wie 1990. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind aber die Emissionen zwischen 1990 und 1998 um 40 Prozent eingebrochen, das heisst, Russland hat viel mehr Emissionen zugestanden erhalten, als es braucht. Die Emissionsrechte werden jetzt gehortet und sollen später durch den Verkauf Milliardeneinnahmen bringen. Auch mit einem Reduktionsziel von 25 Prozent dürfte Russland bis 2020 noch mehr Emissionen ausstossen, als es in einem «business as usual»-Szenario ausstossen würde. Russland verpflichtet sich also zu weniger als nichts.

Kanada: schlimmer Bremser

Pro-Kopf-Emissionen 2007: 24,4 Tonnen, davon 1,4 Tonnen LULUCF

Im Gegensatz zum südlichen Nachbarn hat Kanada das Kioto-Protokoll ratifiziert und sich darin zu einer Reduktion der Emissionen um 6 Prozent verpflichtet. 2006 hat die Regierung aber mitgeteilt, dass sie nicht mehr gedenke, dieses Ziel erreichen zu wollen. Tatsächlich haben die kanadischen Emissionen bis 2007 um 23 Prozent zugenommen, wenn die Waldverluste nicht berücksichtigt werden, oder um 46 Prozent inklusive der Waldverluste.

Nun will Kanada seine Emissionen bis 2020 um 20 Prozent gegenüber 2006 (3 Prozent gegenüber 1990) senken. Für den britischen Journalisten und Buchautor George Monbiot ist Kanada der schlimmste Bremser der internationalen Klimapolitik. Der Grund: Kanada ist, seit es seine Ölsandvorkommen ausbeutet, das Land mit den weltweit zweitgrössten nutzbaren Ölreserven (hinter Saudi-Arabien). Die Ölsandbarone bestimmen die Politik im Land.

Australien: die Macht der Kohlelobby

Pro-Kopf-Emissionen 2007: 39,9 Tonnen, davon 13,6 LULUCF

Australien ratifizierte das Kioto-Protokoll erst nach dem sozialdemokratischen Wahlsieg 2007. Obwohl das Land derzeit von Hitzewellen und Trockenheit gebeutelt wird, leisten die starke Kohlelobby und die konservative Opposition massiven Widerstand gegen die Klimapolitik der Regierung. Der Versuch, einen Emissionshandel in Australien einzuführen, scheiterte vergangene Woche im Parlament. Australien will seine Emissionen bis 2020 um 5 Prozent gegenüber 2005 senken, was einer Zunahme von 13 Prozent gegenüber 1990 entspräche. Australiens Emissionen sind von 1990 bis 2007 um 82 Prozent gestiegen – auch wegen der starken Abholzungen.

Indien: Emissionen verdoppeln

Pro-Kopf-Emissionen 2005: 1,7 Tonnen

Auch in Indien hat die Regierung in den letzten Monaten zu realisieren begonnen, dass der Klimawandel für das Land verheerende Auswirkungen haben wird. Premierminister Manmohan Singh setzt aber sehr stark auf ein Entwicklungsmodell für sein Land, dessen Symbol und wichtigster Pfeiler die Massenmotorisierung ist. Bis 2020 will Indien – ohne sich verbindlich zu verpflichten – seine Emissionen im Verhältnis zum BIP um 20 Prozent senken. Angesichts des zu erwartenden Wirtschaftswachstums heisst das, die Emissionen werden mehr als verdoppelt. Allerdings würde Indien auch dann noch zu den Staaten mit eher geringen Pro-Kopf-Emissionen gehören.

Brasilien: will Abholzung stark reduzieren

Pro-Kopf-Emissionen 2005: 13,4, davon 7,9 LULUCF

Brasilien gehört zu den wenigen Staaten, deren klimapolitische Ziele vom WWF International als «genügend» eingestuft werden. Brasilien will seine Emissionen gegenüber «business as usual» bis 2020 um 36 bis 39 Prozent senken und läge damit in absoluten Zahlen leicht über seinen Emissionen von 1990. Die jährliche Abholzung im Amazonas will Brasilien bis 2020 um 80 Prozent reduzieren. Im internationalen Kontext wichtig ist vor allem Brasiliens Rolle bei den Verhandlungen um den Waldschutz. Brasilien wehrt sich dagegen, den Waldschutz international über Marktmechanismen zu regeln. Eine marktbasierte Lösung würde auch nach Meinung von Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Die Malediven: Reduktion auf null

Pro-Kopf-Emissionen 2005: 2,1 Tonnen

Die Malediven haben angekündigt, ihre Emissionen bis 2019 auf null zu reduzieren. Wenn klimapolitisch nicht mehr läuft als derzeit angekündigt, dürfte der Inselstaat im Indischen Ozean sein Ziel zumindest auf einen späteren Zeitpunkt todsicher erreichen – weil dann die Atolle, aus denen das Land besteht, im Meer versunken sein werden.

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