Nr. 17/2014 vom 24.04.2014

«Ah, der Türke, ah, der Araber»

Der Berliner Journalist Deniz Yücel liest mit seinen KollegInnen rassistische Leserbriefe vor und macht so grosses postmigrantisches Kabarett. Yücel spricht über diese Hate-Poetry-Shows, die Kunst der Polemik und sein Buch über die türkische Gezi-Bewegung.

Interview: Carlos Hanimann

Eine Art Gruppentherapie – und ein grosser Spass: Hate Poetry mit Deniz Yücel (ganz links) in Stuttgart. Foto: Kerim Arpad, DTF Stuttgart

WOZ: Deniz Yücel, Sie gelten als der am meisten beschimpfte Redaktor der Berliner «taz». Schmeichelt Ihnen das?
Deniz Yücel: Als ich mein erstes Praktikum bei einer Zeitung machte, fragte mich der betreuende Redaktor, warum ich Journalist sein wollte. Ich war siebzehn und linksradikal und sagte: Ich will aufklären und die Welt verändern. Er antwortete: Schön und gut, aber 95 Prozent der Journalisten finden es geil, ihren Namen in der Zeitung zu lesen. Das sei nicht verwerflich, sagte er. Man dürfe eitel sein, aber man müsse sich dessen bewusst sein. Also ja, natürlich schmeichelt mir der Titel. Denn er ist hart erarbeitet.

Ihre Kolumnen in der «taz» sind provokativ, gehen an die Grenze. Den deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck nannten Sie einmal einen «reaktionären Stinkstiefel», Papst Franziskus «Alter Sack der Xte». Worum geht es Ihnen bei der Polemik? Wenn jemand ein Arschloch ist …
… dann soll man das auch so schreiben. Die Gauck-Kolumne habe ich geschrieben, weil ausnahmslos alle so begeistert von ihm waren. Wenn man dann sagt, naja, irgendwie ist er nicht so toll, fällt das nicht weiter auf. Wenn man aber schreibt, der Gauck ist ein eitler Zonenpfaffe und ein reaktionärer Stinkstiefel, dann wird das zur Kenntnis genommen. Ich beschimpfe aber nicht aus Selbstzweck. Dahinter steckt immer ein Anlass. Es geht mir um die intellektuelle Provokation. Die Polemik ist ein Stilmittel der Aufklärung. Und deshalb, so hat der Autor Hermann Gremliza mal hinzugefügt, ist sie in Deutschland genauso unbeliebt wie die Aufklärung selbst. Ich glaube, da ist was dran.

Erhalten Sie eigentlich viele Hassbriefe?
Ja. Jeder Journalist erhält unflätige Mails, das gehört zum Geschäft, da darf man nicht weinerlich sein. Aber es gibt eben eine bestimmte Form von Briefen, die kriegen Kollegen, die Müller oder Meier heissen, nicht, dafür aber, wenn sie Musharbash, Gezer, Topçu oder Kiyak heissen. Diese Briefe lesen wir vor. Das ist Hate Poetry.

Hate Poetry, das heisst: Sie touren mit migrantischen Kollegen durch Deutschland und lesen auf der Bühne Hassbriefe vor. Sind das alles rassistische Briefe?
Der grösste Teil. Wir lesen auch andere Briefe, Zusammenschnitte, etwa: «Sie haben keine Ahnung von Fussball, sogar Hitler hatte mehr Ahnung.» Und nicht alle Briefe stammen von deutschen Rassisten. Es gibt Leute, die uns Verrat am Islam vorwerfen, Verrat am Vaterland. Die lesen wir ebenfalls, weil darin dieselbe Mentalität zum Vorschein kommt.

Solche Briefe bekommen Sie auch bei der linken «taz»?
Ja. Es gibt die Briefe von offensichtlichen Nazis, da ist der politische Erkenntnisgewinn relativ gering. Aber es gibt eine ganze Reihe von Leserbriefschreibern, die sich nie als rechtsextrem oder rassistisch einordnen würden. Die schreiben, ich bin links, ich bin politisch liberal, aber dann kommt genau derselbe rassistische Sermon.

Zum Beispiel?
Einer hat mir mal geschrieben: «Rassismus von einem Türken in einem fremden Land hat in meiner ‹taz› nichts verloren.» Das bezog sich auf eine meiner WM-Kolumnen, in denen ich den Boulevard parodierte. Da wurde mir Rassismus vorgeworfen und im gleichen Atemzug gesagt: Du, Türke im fremden Land, lass meine «taz» in Ruhe, und sonst geh wieder zurück. Es ist egal, ob man für die «taz», den «Spiegel» oder die «Zeit» schreibt, egal über welche Themen, egal in welcher Form. Manche Leute lesen deine Texte und sagen bloss: Ah, der Türke, ah, der Araber, der Moslem. Du wirst reduziert, du bist kein Journalist, kein Individuum, sondern eben «der Türke». Und diese Briefe, von denen viele unfreiwillig komisch sind, tragen wir vor, um – wie Yassin Musharbash am Ende der Show immer sagt – den Scheiss in die Umlaufbahn zurückzuschicken.

Ist Hate Poetry demnach auch eine Art Gruppentherapie?
Natürlich. Und ein grosser Spass: Ihr wollt uns erniedrigen, ihr Spackos? Wir nehmen euer Zeug, machen daraus eine Abendshow von zwei, drei Stunden, unterhalten 300 Leute damit, und manchmal verdienen wir auch noch Geld mit eurem Scheiss.

Was war der schlimmste Brief, den Sie je gekriegt haben?
Zuletzt habe ich einen Brief vorgelesen, in dem es hiess: «Nette Dönerverkäufer abknallen, aber Deniz Yücel stehen lassen. Wo ist der NSU, wenn man ihn braucht?» Das ist an der Grenze dessen, was wir vortragen. Die schlimmsten Briefe lesen wir bei Hate Poetry ja gar nicht.

Sind solche Briefe nicht beunruhigend?
Ich hatte mal einen Stalker, der in Briefen Gewaltfantasien ausbreitete. Den Inhalt fand ich weniger schlimm, aber er hatte etwas Manisches, er schrieb mir eine Unzahl von Briefen. Das war das einzige Mal, als ich dachte: Dem möchte ich nicht unbedingt begegnen. Er schrieb mir stets in der Annahme, dass man einen türkischen Mann am besten provoziert, indem man ihn homoerotisch angeht. Also mit einer rassistischen Unterstellung: Ah, der Türke. Wie kann man den am besten attackieren? Indem man seine Ehre als Mann angreift. Der Türke ist ja schwulenfeindlich.

Als im Mai vor einem Jahr die ersten Proteste in der Türkei ausbrachen, sind Sie nach Istanbul gefahren. Erst nur für wenige Tage, dann wurde ein halbes Jahr draus und ein Buch: «Taksim ist überall».
Es ging mir wie vielen deutschtürkischen Journalisten: Da passierte etwas Neues; etwas, das wir nicht einordnen konnten. Eine Freundin hat mir geschrieben: Du musst kommen, das Istanbul, das du kennst, gibt es nicht mehr. Ich habe meiner Redaktion gesagt, ich gehe jetzt, und bin hingefahren. Ich hatte ein Ticket für vier Tage. Daraus wurden sechs Wochen und dann sechs Monate und am Ende das Buch.

Das Buch ist sehr persönlich geworden, obwohl Sie sich selbst sehr zurückhalten und die Protagonisten der Gezi-Bewegung zu Wort kommen lassen. War der Aufenthalt in der Türkei für Sie mehr als ein journalistischer Auftrag?
Auf jeden Fall. Zu Beginn wollte ich das bloss sehen. Aber natürlich ist ein solcher gesellschaftlicher Aufbruch auch journalistisch interessant.

Wird man da irgendwann selber Teil der Bewegung?
Es war eine Situation, in der alle Medien zur Partei wurden: CNN International berichtete vom Taksimplatz, während CNN Türkei eine Dokumentation über Pinguine zeigte. Partei waren beide. Dass die Kundgebungen grösser wurden, hatte zum einen mit der Polizeigewalt zu tun. Aber gleich danach kam die Empörung über die türkischen Massenmedien, die anfangs nicht darüber berichteten.

Warum haben Sie das Buch geschrieben?
Ich wollte wissen: Wer waren diese Leute, die am Taksimplatz und anderen Plätzen der Türkei zusammenkamen? Was trieb sie dorthin? Wie leben sie? Und wie wollen sie leben? Die Antworten fallen in den verschiedenen Milieus, über die ich erzähle, sehr unterschiedlich, teils gegensätzlich aus. Und diese Unterschiede sind durch Gezi nicht verschwunden. Aber es gab Momente, in denen sich die Leute zuhörten und Empathie zeigten.

Eine emotionale Angelegenheit?
Ja, aber nicht nur. Mein Bezug zur Türkei war schon früher politisch gewesen, ich komme aus einem kommunistischen Elternhaus und habe früher schon zur Türkei gearbeitet. Viele Deutschtürken hatten einen emotionalen Bezug zur Türkei, Verwandte, Freunde, Ferien, aber erst mit Gezi hat sich diese Emotion politisiert. Und zwar vollkommen losgelöst von den Diskussionen hierzulande, wo immer gefragt wird: Was sagt die Bindung zur Türkei über die Integrationsbereitschaft aus? Die Anteilnahme an Gezi war von diesem ganzen Unsinn komplett losgelöst.

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