Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

Das Öl muss im Boden bleiben

Von Bettina Dyttrich

Was ist ein Klimaflüchtling? Die meisten haben wohl Bilder im Kopf: den Fischer auf den Malediven oder die Bäuerin im Küstengebiet von Bangladesch, die der steigende Meeresspiegel bedroht. Vielleicht noch den Nomaden im Sahel, dessen Weide zur Wüste wird. Man denkt, das liege in der Zukunft, und diese Menschen seien dann klar identifizierbar.

Dabei ist das Klima bereits jetzt ein gewichtiger Faktor in Konflikten. Wenn Bäuerinnen und Fischer – noch heute die Mehrheit der Menschheit – nicht mehr vom Bauern und Fischen leben können, suchen sie vielleicht einen Job in der nächsten Stadt. Oder sie brechen auf nach Europa. Sie können aber auch versuchen, ihre Regierung zu stürzen, oder sich einer Miliz anschliessen und ihren Lebensunterhalt mit Gewalt verdienen. Dem Krieg in Syrien ging eine mehrjährige extreme Dürre voraus, das Regime reagierte zu wenig, in der Region von Rakka hungerten fast die Hälfte der Kinder. Und zumindest ein Teil der Boko-Haram-Kämpfer in Nigeria sind verarmte Bauern und Hirten – in einem Staat, der von seinem Öl abhängig ist, was ihn nicht stabiler macht.

Die diesen Herbst grassierende Angst, die ganze Welt flüchte nach Europa und mache «uns» den Wohlstand streitig, ist brandgefährlich, aber nicht einfach irrational. Die Erde könnte alle heutigen Menschen ernähren und noch ein paar Milliarden dazu – aber nicht, wenn sie sich so verhalten, wie wir es tun. Die Globalisierung unseres Wirtschaftssystems bringt die gnadenlosen Verteilungsfragen zurück, die während des «Wirtschaftswunders» so angenehm abgedämpft waren. Der Kapitalismus verbraucht in atemberaubendem Tempo seine Grundlagen: Ein Viertel der Treibhausgase der Geschichte stammt aus den letzten fünfzehn Jahren.

Vor sieben Jahren hat der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer das Buch «Klimakriege» veröffentlicht. Wer es heute wieder liest, erschrickt: Die beschriebenen Mechanismen haben sich zugespitzt – die Dauerkriege, die zu einer neuen Wirtschaftsgrundlage werden, die Aufrüstung gegen Flüchtlinge, aber auch gegen innen. Zum Beispiel gegen die Klimabewegung: Was für ein bequemer Zufall, dass sich mit dem Argument der Sicherheit in Paris auch alle Demonstrationen rund um die Klimakonferenz verbieten lassen, die Anfang nächster Woche beginnt.

Dabei hat die internationale Klimabewegung ein paar wichtige Schritte gemacht. Ihr aktueller Ansatz führt weg von den komplizierten Berechnungen, wer wie viel CO2 ausstossen darf, weg von Absurditäten wie dem Handel mit «Verschmutzungsrechten». Stattdessen will sie den Irrsinn am Anfang stoppen: bei der Förderung von Kohle, Öl und Gas. Denn was aus dem Boden geholt wird, wird früher oder später auch verbrannt.

Die Idee eines Kohlenstoffbudgets geht auf Malte Meinshausen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zurück. Sein Team berechnete, wie viel Kohle, Öl und Gas noch verbrannt werden darf, ohne dass sich das Klima um mehr als die fatalen zwei Grad erwärmt: weit weniger als die heute schon erschlossenen Reserven. Die Konsequenz der Klimabewegung: Drei Viertel dieser Reserven müssen im Boden bleiben.

Dieser Ansatz hat einen grossen Vorteil: Er identifiziert eine überschaubare Zahl von Akteuren. Statt kontrollieren zu wollen, was sieben Milliarden Menschen mit fossilen Brennstoffen anstellen, konzentriert man sich auf die rund hundert grössten Unternehmen, die diese Brennstoffe bereitstellen – und versucht, sie daran zu hindern.

Das ist eine gigantische, vielleicht unmögliche Aufgabe, aber sie bietet Handlungsansätze. Direkte Aktionen sind sinnvoll, um die Kosten der Unternehmen in die Höhe zu treiben; ein schönes Beispiel dafür war die spektakuläre Besetzung des deutschen Braunkohletagebaus Garzweiler diesen Sommer. Und es braucht Druck auf Regierungen und InvestorInnen, damit sich diese von der fossilen Energie verabschieden (vgl. «Der Schweizer Finanzplatz macht zu wenig»).

Wer allerdings glaubt, man könne statt auf fossile einfach auf erneuerbare Energien setzen und weiterhin die gleichen Profite machen, täuscht sich. Die kurze, heftige Ära des scheinbar grenzenlosen Wachstums wäre ohne Kohle, Öl und Gas nie möglich gewesen. Mit ihnen geht auch sie zu Ende.

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