Diesseits von Gut und Böse : Kurzzeitig besessen

Nr. 12 –

Es war einfach nur eine Idee. Ich las auf dem iPad ein E-Book, das es als Hörbuch nicht gab, hätte es mir aber gern beim Wäscheaufhängen vorlesen lassen. Kann kein Problem sein, dachte ich, die KI von Apple kann das sicher. Zwei Minuten später hatte ich die Funktion namens Voice Over gefunden, aktivierte sie erwartungsfroh – und erweckte einen Dämon zum Leben.

Mit blecherner Stimme liest Voice Over alles vor, was auf dem Bildschirm steht: Fünf – Zehn – Uhr – Sieben – Und – Dreissig – Gesperrt – Code – Ein – Geben. Und so weiter und so fort. Ich hatte vorher gelesen, dass man den Teufel mittels mehrmaligem Tastendruck bedient: Ich tippte, drückte und klopfte auf meinen Codezahlen herum. Vergebens. Es hiess nur emotionslos: Drei – De – E – Ef et cetera, reagierte aber nicht.

Ich fragte die Community auf dem zum Glück noch meinen Fingern gehorchenden Mac, wie ich den Geist wieder in die Flasche bekäme, und erhielt jede Menge Treffer mit der gleichen Klage. Voice Over hält offenbar viele Nutzer:innen in Geiselhaft, die ebenso erfolglos auf ihre Bildschirme klopfen.

Schliesslich gelang es mir, über «Bedienungshilfen» den Geist zu bodigen. Doch bei bestimmten Bewegungen aktivierte er sich hinterlistig von selbst und las mir aus der Tasche heraus monoton die Uhrzeit vor. Völlig entnervt rief ich den menschlichen Support an, und siehe da: Meine Klopferei hatte einen Kurzbefehl aktiviert, der das Gerät mit bestimmten Berührungen zum Reden bringt. Jetzt schweigt es. Hoffentlich immerdar.