Nr. 06/2011 vom 10.02.2011

Amerikanisches Pendel

Die DemonstrantInnen in Kairo distanzieren sich von ausländischer Einmischung. Sie wollen die Zukunft Ägyptens selbst gestalten.

Von Astrid Frefel, Kairo

«Für den Übergang brauchen wir eine vertrauenswürdige Persönlichkeit. Es könnte sogar Barack Obama sein», sagt der Ladenbesitzer Atef. Er schaut zu, wie auf einer wichtigen Strassenverbindung die Schäden beseitigt werden, die aufgrund der Auseinandersetzungen der letzten Woche entstanden sind.

Atef, der selbst regelmässig auf den Tahrir-Platz geht, ist eine Ausnahme. Die meisten DemonstrantInnen betonen immer wieder, dass das ihre Revolution ist und sie sich jede Einmischung von aussen verbieten. «Nein zu ausländischer Intervention», steht gross in Arabisch und Englisch auf einem der Transparente der ManifestantInnen.

Beliebte Verschwörungstheorien

Die auch nach zwei Wochen immer noch namenlose Revolution ist für die AnhängerInnen der Prodemokratiebewegung eine rein ägyptische Angelegenheit. Die OrganisatorInnen der Demonstrationen achten sorgsam darauf, dass sie nicht mit ausländischen Interessen in Verbindung gebracht werden. Die Jugendbewegung des 6. April, die die Facebookkampagne zum Tag des Zorns am 25. Januar lanciert hatte, hält in ihren Grundsätzen fest, dass sie kein ausländisches Geld annimmt.

Präsident Hosni Mubarak hatte in seiner letzten Rede ausländische Mächte beschuldigt, den Protest zu organisieren, und damit versucht, die Opposition zu diskreditieren. Verschwörungstheorien sind in diesem Teil der Welt eine beliebte Waffe. Von seinen Schlägertrupps, die er letzte Woche auf die Strasse schickte, hat man genau dieses Argument immer wieder gehört. Die Mubarak-Anhänger wurden nicht müde zu behaupten, die Manifes­tantInnen auf dem Tahrir-Platz würden vom Ausland bezahlt. Ihr Ziel sei es, das Image des Landes zu schädigen.

Politik der Stabilität um jeden Preis

Viel aufgestaute Wut entlädt sich bei den DemokratieaktivistInnen, wenn sie auf die Rolle westlicher Regierungen angesprochen werden. Über Jahrzehnte haben diese die ­autoritären Langzeitregenten in der arabischen Welt unterstützt und dabei geflissentlich über Menschenrechtsverletzungen hinweggesehen. Noch im letzten November hat die ganze Welt zugeschaut, wie am Nil die Wahlen gefälscht wurden. Um den Preis der Stabilität wurden alle andern Überlegungen verdrängt und so den Despoten das Überleben gesichert. Wird der Diktator abgesetzt, drohe Chaos, lautete die Argumentation. Darum hätte das Ausland jetzt die Verpflichtung, Mubarak nach dessen Abgang aufzunehmen, findet ein engagierter Industrieller unter den DemonstrantInnen. Wenn man in Ägypten vom Ausland spricht, so sind an erster Stelle immer die USA gemeint, die den Nahen Osten als ihre Einflusssphäre betrachten.

Wer die DemonstrantInnen darauf anspricht, dass im Ausland viel von der Gefahr der Muslimbrüder die Rede ist, erntet meist unwirsche Reaktionen. «Sind wir weniger wert? Menschen zweiter Klasse, die es nicht verdienen, in Würde und ohne Angst vor Polizeiwillkür zu leben und unsere eigene Führung frei zu wählen?», fragt eine Architekturprofessorin auf dem Tahrir-Platz. Auch nichtreligiöse DemonstrantInnen pochen vehement darauf, dass man ihrem Land freie Wahlen zugesteht und aufhören soll, sie zu bevormunden. «Wir sind das Volk», ist oft zu hören. Bei der Mehrheit der ÄgypterInnen hat die jahrelange staatliche Panikmache, es gebe nur die Wahl zwischen Mubarak und den IslamistInnen, nicht die gleiche Wirkung erzielt wie im Ausland.

Neues Selbstwertgefühl

Die Haltung der westlichen Staatschefs in den letzten Tagen hat das Misstrauen der ägyptischen Opposition gegenüber dem Ausland nur noch bestärkt. Kein ausländischer Regierungschef hat bisher Mubarak seine Unterstützung entzogen, nicht einmal nach den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen mit den vielen Toten, die er mit seinen Schlägern angezettelt hatte. Vielmehr hat sich der Eindruck verfestigt, dass etwa die US-Regierung die Pendelbewegungen in Ägypten immer nur nachvollzieht. Gewinnt die Protestbewegung an Boden, stellt sie sich hinter ihre Forderungen nach Demokratie, scheint sich das Regime zu erholen, plädiert sie für eine schrittweise Transformation.

Den DemonstrantInnen auf dem Tahrir-Platz ist bewusst, dass der neue starke Mann, Vizepräsident Omar Suleiman, sowohl für die USA als auch für Israel ein Garant dafür ist, dass die bisherige Aussenpolitik in vielen Punkten eins zu eins weitergeführt wird. Das würde darauf hinauslaufen, dass die Kluft zwischen den Regierenden und der Mehrheit der Bevölkerung zu zentralen regionalpolitischen Belangen wie der Palästinafrage weiter bestehen bleibt.

Für die AktivistInnen spielen solche aussenpolitischen Überlegungen derzeit aber keine Rolle. Jetzt geht es erst einmal darum, sich das Recht zu erkämpfen, die Zukunft des Landes mit neuem Selbstwertgefühl selbst zu gestalten.

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