13.04.2000

Chronologie Zürich

Recherche: Sabine Fischer

Herbst 1979 Die Arbeitsgemeinschaft Rock als Revolte (RAR) formiert sich. Ihr Anliegen ist es, die Musikszene in Zürich zu verbessern, das heisst, eine Alternative zu hochkommerzialisierten Konzerten zu schaffen sowie Räumlichkeiten fürs Musikmachen, Festen und Diskutieren zu erwirken.
Februar 1980 Die Aktionsgruppe Rote Fabrik (ARF) wird gegründet, um den Forderungen nach Freiräumen Nachdruck zu verschaffen. Sie besteht aus verschiedenen Einzelpersonen, aus den Gruppen Rock und Revolte, Kommunistischer Jugendverband, Jungsozialisten, Freaks am Friitig usw. Der Stadtrat geht auf keine Verhandlungen ein.
17./18. 5. 1980 An einem Protestfest in der Roten Fabrik diskutieren Jugendliche, wie sie Forderungen nach Räumen für ihre Kul-tur Nachdruck verschaffen können. Auf Freitag, den 30. Mai, wird eine Demonstration gegen die Opernhausvorlage angekündigt.
30. 5. 1980 Am Abend des 30. Mai gehen – organisiert durch die ARF – rund 200 Personen auf die Strasse, um vor dem Opernhaus für die Förderung einer alternativen Kultur in der Stadt Zürich zu demonstrieren. Sie wollen die OpernhausbesucherInnen im Vorfeld der städtischen Abstimmung über den 60-Millionen-Kredit für den geplanten Opernhausumbau auf die Bedürfnisse eines alternativen Zürcher Kulturbetriebs aufmerksam machen. Es kommt zum Opernhauskrawall.
4. 6. 1980 Stadtpräsident Widmer und Stadträtin Lieberherr nehmen – zusammen mit rund 2000 Jugendlichen – an einer VV im Volkshaus teil. Zur Einstimmung wird ein Videofilm einer Gruppe von EthnologiestudentInnen über den Opernhauskrawall gezeigt. In Bezug auf das geforderte Jugendzentrum zeigt sich der Zürcher Stadtrat gesprächsbereit – unter der Bedingung, dass keine weiteren Ausschreitungen stattfinden. Sie fordern die Versammelten auf, eine Delegation zu bilden, welche die anstehenden Verhandlungen führen soll. Die VV ist nicht bereit, auf diesen Vorschlag einzugehen, sie beharrt auf direkten Verhandlungen mit dem Stadtrat.
6. 6. 1980 Der kantonale Erziehungsdirektor, Regierungsrat Gilgen, lässt den Videofilm über den Opernhauskrawall wegen politischer Agitation mit wissenschaftlichem Material konfiszieren.
9. 6. 1980 Vor der Universität Zürich findet eine Manifestation statt. Der sofortige Rücktritt von Regierungsrat Gilgen wird gefordert. Am 12. Juni führen an der Universität 2000 StudentInnen einen Protesttag durch.
21. 6. 1980 Nachdem rund 5000 bis 6000 auf dem Helvetiaplatz versammelte Menschen von Präventivverhaftungen von «Rädelsführern der Bewegung» erfahren haben, beschliesst eine Mehrheit, die Diskussion um die von der SP unterbreiteten Vorschläge bezüglich Trägerschaft für ein AJZ zu vertagen und stattdessen sofort zu demonstrieren. Der Menschenzug setzt sich in Richtung Innenstadt in Bewegung. Auf der Quaibrücke trifft er auf die Polizei, welche sich dann aber zurückzieht, worauf die Demonstration friedlich zu Ende geht.
25. 6. 1980 Im Volkshaus beschliesst die Vollversammlung, den Vermittlungsvorschlag der SP anzunehmen, unter der Bedingung, dass das Haus autonom geführt und am darauf folgenden Samstag, dem 28. Juni, geöffnet werden kann.

Von der Eröffnung bis zur ersten Schliessung des Autonomen Jugendzentrums

28. 6. 1980 Das Autonome Jugendzentrum wird eröffnet.
15. 6. 1980 Die «Müller-Show» im Fernsehen DRS: Die Bewegung delegiert Anna und Hans Müller an ein Rundtisch-Gespräch mit Vertretern des Stadtrats, der Polizei und der SP. Die «Müllers» nehmen mit ernster Miene den Standpunkt von rechtschaffenen Bürgern ein, fordern mehr Ruhe und Ordnung und scharfe Massnahmen gegen die Krawallmacher. Der Fernsehskandal ist perfekt. Der Begriff «Müllern» wird zur stehenden Wendung für spassige Dialogverweigerung der Jugendbewegung.
1. 8. 1980 4000 Personen beteiligen sich an einer Grossdemonstration für die Einstellung der Strafverfahren. Die Demonstration endet für manche Bewegte mit einem Bad im See sowie mit der Plünderung einer Hotelbar.
9. 8. 1980 JournalistInnen protestieren gegen Druckversuche, die von Politikern und Wirtschaftskreisen auf die Medien ausgeübt werden.
4. 9. 1980 Nach einer Razzia im AJZ beschliesst der Stadtrat, das AJZ zu schliessen. Am Abend kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen in der Gegend des Hauptbahnhofs.

Der Kampf um die Wiedereröffnung des AJZ

6. 9. 1980 Die Bewegung ruft zu einer Grossdemonstration auf: «Für die sofortige Wiedereröffnung des AJZ, aber subito, susch tätschts!» Es kommt zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Demonstrierenden und der Polizei bis in die frühen Morgenstunden. Mehrere hundert Personen werden verhaftet.
10. 9. 1980 Die Bewegung diskutiert das weitere Vorgehen an einer VV im Limmathaus. Rund 2500 Bewegte sowie MedienvertreterInnen aus aller Welt sind anwesend. Für die Bewegten ist klar, dass eine fremde Trägerschaft nur dann akzeptiert wird, wenn diese die Autonomie weiterhin gewährleisten kann.
14. 10. 1980 Unbekannte Täter verüben einen Brandanschlag auf eine Baufirma. Es entsteht ein Sachschaden von 2 Millionen Franken.
15. 10. 1980 An der VV in der Roten Fabrik distanziert sich ein Teil der Bewegten von Gewaltakten, andere sind der Ansicht, dass es keine andere Wahl gibt, als solche Wege zu beschreiten.
24. 10. 1980 Die erste Ausgabe einer zweiten Bewegungszeitung – «Der Eisbrecher» – erscheint in einer Auflage von 10 000 Exemplaren.
25. 10. 1980 Teileröffnung der Roten Fabrik.
1. 11. 1980 Premiere des Videofilms «Züri brännt» in der Roten Fabrik.
15. 11. 1980 In zahlreichen Städten machen Jugendliche am Wochenende an einem gesamtschweizerischen Aktionstag mit Demonstrationen auf ihre Anliegen aufmerksam.
24. 12. 1980 An Weihnachten kommt es zu schweren Zusammenstössen zwischen DemonstrantInnen und der Polizei, nachdem Jugendliche versucht hatten, sich Zugang zum geschlossenen AJZ zu verschaffen.
16. 1. 1981 Bereits wenige Tage nach dem Erscheinen der letzten Nummer vom «Eisbrecher» kommt eine neue Zeitung, «Brächise», heraus.
31. 1. 1981 Die TeilnehmerInnen einer unbewilligten Grossdemonstration gegen die Justiz und die laufenden Prozesse werden beim Landesmuseum von der Polizei eingekesselt. Es kommt zu Gewaltexzessen von Seiten der Polizei. Rund 700 Personen müssen sich einer Personenkontrolle unterziehen.
12./14. 2. 1981 Der Verein Pro AJZ organisiert im Volkshaus ein Tribunal, an dem massive Vorwürfe gegen die Behörden und die Polizei erhoben werden.
21. 3. 1981 An der bewilligten Frühlingsdemonstration nehmen rund 8000 Personen teil. Es kommt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und in der Folge zu schweren Sachbeschädigungen in der Gegend des Hauptbahnhofs.
29. 3. 1981 Der Stadtrat orientiert über den
Vertrag, der mit den Landeskirchen und der Pro Juventute, welche die Trägerschaft für ein Jugendzentrum an der Limmatstrasse 18/20 übernehmen, abgeschlossen wurde.
Von der zweiten Eröffnung bis zur autonomen Schliessung des AJZ
3. 4. 1981 Das AJZ wird mit einer VV und einem Fest ein zweites Mal eröffnet.
23. 5. 1981 Die Bewegung schliesst vorübergehend das AJZ: Einerseits als Protest gegen die verschärfte Repression, aber auch als Signal für jene AJZ-BenützerInnen, die das AJZ als «Konsumtempel» und «Obdachlosenasyl» benützen.
Ende August 1981 Bis Ende August 1981 sind insgesamt fast 4000 Personen im Zusammenhang mit den Jugendunruhen verhaftet und rund 1000 Strafverfahren eingeleitet worden.

Das Ende des AJZ

12. 10. 1981 Die überforderten Mitglieder der verschiedenen Arbeitsgruppen des AJZ geben auf: Sie schliessen das AJZ.
24. 12. 1981 Das AJZ geht mit einer VV und einem Fest von neuem für 14 Tage auf. Rund 600 Leute nehmen an der Wiedereröffnung teil.
Anfang Januar 1982 Nach dem 14-tägigen Provisorium diskutieren rund 300 Bewegte an einer VV, ob das AJZ weiterhin geöffnet bleiben soll.
17. 3. 1982 Die Trägerschaft des AJZ gibt resigniert auf. Sie löst den Vertrag mit der Stadt Zürich per sofort auf und gibt die Schlüssel für die Gebäude an der Limmatstrasse 18/20 zurück.
23. 3. 1982 Das AJZ wird abgebrochen.

Die weitere Entwicklung

1982 bis 1990 Unter der Administration Wagner wird das Budget für alternative und freie Kulturformen von knapp 1 Million auf gut 11 MiIlionen erhöht (inklusive Rote Fabrik, Gessnerallee, Kanzleizentrum, Rock- und Popkredit, Koprod usw.)
25. 4. 1982 Die Vorlage für ein Zürcher Jugendhaus im Drahtschmidli wird von den StimmbürgerInnen der Stadt Zürich gutgeheissen.
1. 9. 1984 Eröffnung des Quartier- und Kulturzentrums Kanzlei.
1. 1. 1988 Nach einer siebenjährigen Versuchsphase kann das Kulturzentrum Rote Fabrik – vom Souverän abgesegnet – seinen definitiven Betrieb aufnehmen.
1990 Das Kino Xenix erhält nach zehnjährigem Bestehen den Kulturpreis.
8. 12. 1991 Das Zürcher Stimmvolk spricht sich für die definitive Schliessung des Kanzlei aus.

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