Mission Mittelmeer

WOZ-Redaktorin Noëmi Landolt begleitet während zweier Wochen die Crew des Schiffs Sea-Watch 2 bei deren Einsatz auf dem Mittelmeer. Die Sea-Watch leistet Nothilfe für in Seenot geratene Flüchtlinge und ist zurzeit zwischen Malta und den libyschen Hoheitsgewässern unterwegs. Landolt führt in dieser Zeit ein Onlinelogbuch.

 

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01.11.2016

«There is no happy ending ...»

Von Noëmi Landolt

Dienstag, 1. November, 11.01 Uhr

Sich zusammenzureissen wird an Land immer schwieriger. Seit vorgestern sind wir wieder in Malta, nach zwei stürmischen Tagen mit bis zu sechs Meter hohen Wellen und Windstärke 8. Unser Schiff war ein grosser Schüttelbecher, das Salzwasser der Wellen tropfte von der Küchendecke, wenn man aufs Klo ging, schwappte das Wasser aus dem Spülkasten über. Zahnbürsten lagen neben Klobürsten, der Medienraum war mit losen Blättern aus irgendwelchen Ordnern übersät. Es ergab wenig Sinn, irgendetwas aufzuheben und zu versorgen. Nun, im Hafen angekommen, war grosses Reinemachen angesagt. Unsere Nachfolger, Crew 14, liess ausrichten, dass sie das Putzen für uns übernehmen würden. Doch niemand wollte das Angebot annehmen. Das Schiff wieder klarzumachen, alles zu ordnen, zu schrubben, ist auch Psychohygiene und Gelegenheit, der «Sea-Watch 2» etwas zurückzugeben. Sie, die uns so gut durch diese in vielerlei Hinsicht stürmischen Tage getragen hat. Ich erinnere mich an den ersten Tag auf See: Captain Jon sprach, als sei das Schiff ein beseeltes Wesen, dem man Sorge tragen muss. Seit Tagen sehne ich mich nach Zuhause. Doch als wir gestern unsere Sachen packten, an Land gingen, während die neue Crew die Kabinen bezog, war ich doch traurig, die «Sea-Watch 2» im Hafen zurückzulassen.

Jetzt zurück in der Burg. Es ist deutlich kühler, weniger Moskitos. Gestern grosse Debriefing-Runde mit zwei SeelsorgerInnen der SBE (Bundesvereinigung zur Stressbearbeitung nach belastenden Einsätzen e.V.). Es war merkwürdig für mich, dass dieselben Leute sich unter anderem auch um PolizistInnen, die jemanden erschossen haben, kümmern. Aber es war gut, nochmal mit allen in der Runde zusammenzusitzen. Den anderen zuzuhören. Was sie, was uns bewegt hat, was uns bleibt. Am Ende sagten alle, welches Bild sie nach Hause nehmen wollen. Für mich ist es der Vogel auf dem Kopf unseres Gastes vom letzten Gummiboot.

In dieser Runde wurde mir auch nochmals klar, was mich so traurig und wütend macht: Die Gewalt, die diesen Menschen, die über das Meer kommen, widerfährt. In der Nacht mit der libyschen Küstenwache zeigte sie sich bloss in ihrer greifbarsten Form. Es war eine schlimme Erfahrung. Aber ich trauere nicht nur um die Toten, die Menschen, die ihr Leben in jener Nacht verloren haben, die Toten der folgenden Tage, die wir geborgen haben, die Toten, von denen wir nur hören, und jene, von denen wir nichts mitbekommen (immer wieder denke ich auch an das eine Gummiboot am Horizont, das ich zu Beginn unseres Einsatzes mit dem Fernglas im Auge zu behalten versuchte, während wir zu all den näher gelegenen Gummibooten fuhren – irgendwann war es einfach nicht mehr da, verschwunden hinter dem Horizont). Ich trauere auch um die Lebenden.

Sie sehen aus wie Schiffbrüchige in Abenteuerromanen aus dem 19. Jahrhundert. Nur ist wenig Romantisches dabei. Alle barfuss, viele nur mit zerschlissenen Shorts bekleidet, von einem Stück Schnur zusammengehalten. Manche haben nicht einmal das. Die Menschen, die wir in der Nacht mit der libyschen Küstenwache aufgenommen haben, begannen ihr «neues Leben» nackt, in eine gold-silberne Wärmefolie gewickelt, um den Hals eine Schwimmweste. Folie und Weste sind längst zum allgegenwärtigen Symbol dieser sogenannten Flüchtlingskrise geworden. Ich kann sie nicht mehr sehen. Sie widern mich an. Doch es geht nicht ohne sie.

Was ist das für ein «neues Leben», das diese Menschen erwartet? Die grosse Mehrheit unserer Gäste dieser Tage - aus Gambia, dem Senegal, Togo, der Elfenbeinküste, Mali, Nigeria - haben kaum Aussichten auf Asyl in Europa, werden als «Wirtschaftsflüchtlinge» klassifiziert. Selbst wenn sie vielleicht nicht alle vor Gewalt geflohen sind, haben die meisten auf ihrer Flucht Gewalt erlebt. Doch die Gewalt hat in Europa kein Ende. Nach dieser gefährlichen Flucht, in Empfang genommen von Froschmännern und vermummten Wesen in Ganzkörperanzügen, werden sie an Land gebracht und in Lagern gehalten, verwaltet. Von Anfang an wird ihnen verständlich gemacht, dass sie nicht erwünscht sind, dass niemand auf sie gewartet hat. Am Ende steht die Ausschaffung. In der Schweiz wahlweise auch gefesselt, an Füssen, Beinen, Armen und Händen, mit einem Helm und einem über den Kopf gezogenen Spucknetz. Immer wieder dachte ich in diesen Tagen an Joseph Chiakwa. 2010 starb er am Zürcher Flughafen während den Vorbereitungen zu seiner Ausschaffung nach Nigeria, am ganzen Körper gefesselt. Ich weiss nicht viel über ihn. Aber wahrscheinlich ist auch er übers Meer gekommen.

Einzelne Mitglieder unserer Crew sind bereits abgereist. Wir versuchen, die Abschiede kurz und schmerzlos zu halten. Mein Flug ist morgen. Ich sitze auf der Terrasse der Burg, bin zum ersten Mal seit zwei Wochen alleine, der Rest der Crew ist auf einem Stadtspaziergang. In regelmässigen Abständen fährt einer dieser Touristen-Doppeldecker-Busse mit offenem Dach vorbei, vollbesetzt. Wie ein Ende finden für diesen Blog, ein positives, hoffnungsvolles Ende? Vielleicht mit Gedanken an unsere Crew. Crew 13. Viele wollen nächstes Jahr wieder mit auf einen Einsatz mit der «Sea-Watch», zurück an die libysche Küste. Unermüdlich und unverwüstlich im besten Sinne des Wortes. Crew 14 wird dieser Tage in See stechen, Captain Jon geht mit ihnen. Es ist gut, sie da draussen auf dem Meer zu wissen, Ausschau haltend auf Monkey Island. Antonin, der RIB-Fahrer aus Frankreich, mit dem ich jeweils Nachtwache geschoben habe, setzt sich zu mir. Sein Flug geht in zwei Stunden. Wir werden noch eine Runde Backgammon spielen. Aber wie diesen Blog beenden? Antonin: «I think there is no happy ending at the moment.»

29.10.2016

Das rettende letzte Boot

Von Noëmi Landolt

Shuttleservice zur «Asso Venticinque».

Samstag, 29. Oktober, 21.08 Uhr

Wir liegen seit gut fünf Stunden vor Malta. Warten darauf, in den Hafen gelassen zu werden. Doch die See ist noch zu unruhig, zu grosse Dünung, zu viel Wind. Morgen Mittag sollte es möglich sein. Habe die letzten 36 Stunden mehr oder weniger schlafend verbracht. Jetzt wieder wohlauf. Weniger Geschaukel. Sehne mich dennoch nach Stillstand. Vierzehn Tage lang pausenlos in Bewegung zu sein, selbst im Schlaf, ist anstrengend für den Körper.

Denke noch immer viel an unseren letzten Rettungseinsatz. Gegen zehn Uhr am Donnerstagmorgen haben wir es gefunden: Ein Gummiboot voll mit 137 Menschen, die uns freudig zuwinkten und dann direkt von ihrem Boot zu uns an Bord kletterten. Manche liessen sich gleich auf den Boden fallen – nicht vor Schwäche und Erschöpfung, sondern um den Boden zu küssen, zu beten. Oder sie fielen uns um den Hals. Ich werde die Frau nie vergessen, die mich an sich drückte und sagte: «I've missed you so much.» Es war ein besonderes Boot mit Menschen voll unfassbarer Zuversicht. «Wir hatten gerade noch über den Tod gesprochen», sagt einer. «Und nun sind wir bei euch wie bei Freunden.» An Bord der «Sea-Watch 2» beginnen sie zu tanzen und singen: «Forza! Forza! Forza!» Die meisten so jung, dass man meinen könnte, TeilnehmerInnen einer Klassenfahrt aufgegabelt zu haben. Viele Paare und FreundInnen, die sich umeinander kümmern. Alle kommen aus demselben Camp in Libyen.

Zum Beispiel Kalissa. Sie passt auf ihre Freundin Joy auf, die im Medic-Raum schläft. Kalissa ist zwanzig, hat vor vier Jahren ihre Heimat Togo verlassen und in Kuwait, Saudi Arabien und Ägypten als Hausangestellte gearbeitet. Sie spricht fliessend Französisch, Englisch, Arabisch. Ein globalisiertes Leben, nur sind ihr die angenehmen, klimatisierten Reisewege der «global players» verschlossen. Bereits zwei Nächte vor der Überfahrt war sie mit einem Sack über dem Kopf auf der Ladefläche eines Lastwagens vom Camp an irgendeinen Strand gebracht worden. Hatte Stunden im Sand eingegraben auf das Kommando gewartet, war aufs Boot gerannt – und gut eine halbe Stunde später von der libyschen Küstenwache abgefangen und zurück an Land geschleppt worden. Jetzt beim zweiten Versuch hat es geklappt. Für diesen musste sie nochmal zahlen. 1000 Dinar. «Es ist nicht einfach», sagt sie immer wieder. Aber es ist mehr eine Feststellung als eine Klage. Man muss sich halt durchschlagen. Jetzt nach Deutschland, wo ihr Freund bereits auf sie wartet.

Immer wieder schaut auch Abdul-Aziz aus Gambia im Medic-Raum vorbei. Die schlafende Joy ist seine Freundin. Kennengelernt haben sie sich im Camp in Libyen, wo er geschlagen und misshandelt wurde, wo sein bester Freund vor seinen Augen erschossen wurde. Was mit den Frauen geschieht, darüber will niemand sprechen. «Für sie ist es noch schlimmer», sagt Abdul-Aziz nur. Gerade mal siebzehn, hat er die letzten drei Jahre in Libyen verbracht. Als Zwangsarbeiter. Und er spricht, als hätte er in dieser Zeit täglich Zeitung gelesen. Über den Syrienkonflikt, den Ausnahmezustand in der Türkei, Wirtschaftskrise in Griechenland, Korruptionsaffären um Sepp Blatter … Dies ist ist sein fünfter Versuch, nach Europa zu kommen. Diesmal scheint es zu klappen. So wie alles an diesem Tag. Für einmal läuft alles wie gewünscht. Gegen Abend kommt das italienische Versorgungsschiff Asso Venticinque. Im Sonnenuntergangslicht mit schäfchenwolkigem Himmel shutteln wir unsere Gäste auf das Schiff, das sie nach Italien bringen wird. Auch die kleinen Vögel, die unser Schiff schon seit Tagen begleiten, machen mit: Das Rotkehlchen lässt sich auf dem Kopf eines Gasts nieder, der schon im Schnellboot sitzt. Noch einmal lachen wir zusammen und winken uns auf Wiedersehen. Dieser Tag, dieses Boot, diese Menschen, sie haben auch mich gerettet, irgendwie.

 

28.10.2016

Die Sonne im Sturm

Von Noëmi Landolt

Freitag, 28. Oktober, 17.14 Uhr

Es stürmt dermassen, dass ich kaum schreiben kann. Die See wild und aufgewühlt und wunderschön und tanzende Schaumkronen und über allem scheint die Sonne. Eine für mich unbekannte Kombination: Sturm und Sonnenschein. Seit über zwölf Stunden versuche ich, meine Koje nicht zu verlassen. Sobald ich aufstehe, geht es mir übel. Man muss sich gut festhalten, will man nicht heftigst gegen Wände und Türrahmen geschleudert werden. Die Mehrheit unserer Tassen hat nun keine Henkel mehr. Also bleibe ich liegen und denke an gestern. An den schönsten Tag aller.

Wir bargen ein Boot mit 137 weitgehend gesunden Leuten, die uns umarmten, sangen und tanzten, als sie an Bord kamen. Ich denke an sie und es geht mir besser. Und wenn ich schlafe, drehe ich mich auf den Bauch, klemme meine Hände und Füsse zwischen Matratze und Wand ein, damit ich nicht aus der Koje kullere.

26.10.2016

Ein Grab mitten im Friedhof

Von Noëmi Landolt

Mittwoch, 26. Oktober, 20.54 Uhr

Die See liegt da wie ungebügelte Satin-Bettwäsche. Seit gestern sind wir nur noch Toten begegnet. Am Abend kam ein Schnellboot der «Bourbon Argos» vorbei, um uns den Körper der toten Frau, den wir gegen Mittag geborgen hatten, abzunehmen. Und um uns gleichzeitig ein «migrant boat» mit 18 Leichen zu übergeben. Die «Bourbon Argos» hatte an jenem Tag zwei Boote geborgen, darin fanden sich auch 29 tote und 6 lebende Personen, die so rasch wie möglich in ein richtiges Spital gebracht werden mussten. Dem grossen MSF-Schiff fehlte der Platz und die Zeit, alle Toten aufzunehmen. So übernahmen wir das MigrantInnenboot über Nacht und banden es an der «Sea Watch 2» fest. Ein Beiboot voller Leichen, ein kleines Massengrab an unserer Seite, das wir über den grossen Friedhof, der das Mittelmeer ist, neben uns her zogen. Die Blinklichter der Schwimmwesten, die noch im Boot waren, leuchteten während der ganzen Nacht weiter, obwohl es für ihre TrägerInnen keine Rettung mehr gab.

Heute morgen um 11 Uhr kam die «Vos Hestia» von Save the Children, um die Leichen zu übernehmen. Sie baten uns, das Wasser, das noch im Boot war, abzulassen. Ingo, Head of Mission, und Peter, erster Maschinist, stiegen mit Gummistiefeln in das elf Meter lange Boot, versuchten diese elende Mischung aus Benzin, Meerwasser und Körperflüssigkeiten, die ihnen bis über die Knöchel reichte, abzupumpen. Sie mussten dabei über die Leichen junger Menschen steigen, die vielleicht von den Benzindämpfen ohnmächtig geworden und in der einige Zentimeter tiefen Brühe ertrunken waren. Vielleicht hatte es auch eine Massenpanik gegeben und sie waren niedergetrampelt worden. Mit dem Gesicht nach unten lagen die meisten da, über- und untereinander. Das Benzin hat die Pigmente ihrer Haut grossflächig weggeätzt, manche Körperstellen und Gliedmassen weiss bis hellrosa zurückgelassen. Ein Mann und eine Frau lagen eng umschlungen im Boot. Vielleicht ein Paar, das Arm in Arm gestorben war.

Die «Vos Hestia» liess das Gummiboot zum Mutterschiff schleppen, wo jeder Körper einzeln per Kran an Bord gehoben wurde, um sie nach Italien zu bringen, wo sie beerdigt werden sollen. (Ich bin froh, dass ich das nicht gesehen habe. Ich war im Medienraum dabei, das «Search and Rescue»-Logbuch zu aktualisieren.)

Morgen ist unser letzter Tag in der Rescue Zone. Wir hoffen, noch lebende Menschen finden und bergen zu können. Übermorgen kommt ein Sturm.

25.10.2016

… weil sonst niemand da ist

Von Noëmi Landolt

Dienstag, 25. Oktober, 19.28 Uhr

Keine Boote für uns heute. Das MRCC Rome schickt unseren grossen MSF-Freund «Bourbon Argos» nach Osten, um zwei Gummiboote zu bergen. Auf dem Weg dahin übermittelt uns diese die Koordinaten der Stelle, an der eine Leiche im Wasser treiben soll. Zu sechst halten wir Ausschau – und finden sie schliesslich tatsächlich. Den grossen aufgeblähten weissen Körper einer Frau, die mit dem Gesicht nach unten in den Wellen schaukelt. Sie wird wohl schon vor einigen Tagen ertrunken sein. Es ist nicht einfach, sie an Bord zu bringen. Der Geruch der Verwesung macht sogar den erfahreneren Seeleuten in unserer Crew zu schaffen, sodass sie sich übergeben müssen. Er verbreitet sich auf dem ganzen Schiff, ich bin fast dankbar, seit ein paar Tagen erkältet zu sein und eine verstopfte Nase zu haben. «Ich hoffe, dass wir heute noch ein Boot mit lebenden Menschen finden und bergen können, sodass dies nicht das Einzige ist, was wir heute getan haben», sagt Steffen, unser zweiter Maschinist, im «normalen Leben» Jura-Student. Im Moment sieht es allerdings nicht danach aus. Wir fahren Richtung Osten, der «Bourbon Argos» entgegen, die uns den toten Körper abnehmen wird.

Der Einsatz mit der «Sea-Watch» fordert viel von der Crew, bestehend aus Leuten, von denen die meisten ansonsten ein relativ unspektakuläres Leben führen. Ich bewundere ihren Mut und ihre Ausdauer. Und ihre anscheinend unerschütterliche Zuversicht. Und gleichzeitig macht es mich wütend. Es kann doch nicht sein, dass die Rettung von Flüchtlingen in Seenot einem Haufen AmateurInnen wie uns überlassen wird. Die meisten von uns können, wie Captain Jon kürzlich bemerkte, nicht mal einen anständigen Knoten knüpfen. Und doch waren wir in den letzten Tagen an der Seenotrettung von weit über 1700 Flüchtlingen beteiligt. - Auch weil sonst einfach niemand da war.

 

24.10.2016

Putzen, schlafen, nachdenken

Von Noëmi Landolt

Gäste auf dem Brückendeck der «Sea-Watch 2».

Montag, 24. Oktober, 17.40 Uhr

Wir sind nun gut siebzig Meilen von der libyschen Küste entfernt. Heute ist unser freier Tag. Das bedeutet: aufräumen, putzen, Schwimmwesten waschen und zum Trocknen aufhängen. Schlaf nachholen und vielleicht auch Zeit finden, über die vergangenen drei Tage zu sprechen und nachzudenken.

Gestern Abend haben wir unsere 163 Gäste der spanischen Küstenwache übergeben, die sie nach Italien bringt. Unter ihnen auch der achtjährige Richard aus Ghana, der in der vorangegangenen Nacht um 3 Uhr als einer der Ersten zu uns an Bord gekommen war und sofort hoffnungsfroh fragte: «We go to Italy now?» Und der seelenruhig eine Stunde darauf wartete, dass seine Familie nachkommen würde. Mit ihm waren auch zwei Kindern im Kindergartenalter und ein Baby, das sich in einem Schockzustand zu befinden schien. Beinahe regungslos lag es in meinen Armen, die weit aufgerissenen Augen ins Leere gerichtet. Zu viel Angst für so einen kleinen Körper. Unter den 163 Menschen auch eine Gruppe von jungen Männern aus Bangladesch, die zum Teil ohnmächtig an Bord gehievt wurden.

Die italienische Küstenwache hatte keinen Platz für unsere Gäste. Also blieben sie über Nacht auf der «Sea-Watch 2». Dicht an dicht schliefen sie in Wärmefolien gehüllt, mit Schwimmwesten als Kopfkissen, draussen im Wind. Die Nachtwache hangelte sich jeweils der Reling entlang, um auf niemanden draufzutreten. Seltsam war auch die Stille: In den 36 Stunden, die sie bei uns verbrachten, wurde kaum gesprochen. Nur einmal gegen Mittag hörte ich eine Gruppe von Nigerianerinnen leise singen. Und wieder kamen mir die Tränen.

Es ist nichts Neues, aber wenn ich vom Aussichtsturm auf unsere Gäste blickte, wird mir bewusst, wie wenig Wert das Leben eines nichtweissen Menschen hat in dieser Welt. Wenn irgendein irrer Europäer gesponsert und mit Hightechausrüstung über den Atlantik segelt und dabei ums Leben kommt, wird er als Held gefeiert. Niemand spricht vom unglaublichen Mut der Menschen aus Afrika, dem Nahen Osten und Asien: Ohne schwimmen zu können, barfuss und ohne Gepäck steigen sie in ein Gummiboot, das wohl nicht einmal auf dem Bielersee zugelassen würde, dessen Tank nur so weit gefüllt ist, dass das Boot es aus der Zwölfmeilenzone herausschafft. Und dann sitzen sie dicht gedrängt während Stunden in der praller Sonne auf dem Meer treibend, auf dem Bootsboden ein Gemisch aus Meerwasser, Benzin, Erbrochenem und Urin.

Auf einem früheren «Sea-Watch»-Einsatz ist einmal die Schwimmweste einer Journalistin ins Wasser gefallen. Weil die mit einem sogenannten AIS-Sender ausgerüstet war, wurde auf allen umliegenden Schiffen ein Alarm ausgelöst. Alle meldeten sich bei der «Sea-Watch 2», um sicherzugehen, dass alles in Ordnung sei. Fällt die Schwimmweste einer Europäerin ins Wasser, geht ein Alarmsystem los. Wenn aber Hunderte, Tausende Menschen vor Lampedusa ertrinken, dann wird das zwar bedauert, aber machen kann man halt nichts, als handle es sich um Opfer einer Naturkatastrophe. Natürlich, Unfälle kann es immer geben. Gehen MigrantInnenboote unter, ist das jedoch kein Unfall, sondern so gut wie unausweichlich. Keines dieser Boot würde es jemals von alleine ans europäische Festland schaffen. Dass dies einfach so hingenommen wird, zeugt von der Geringschätzung menschlichen Lebens, wenn es sich nicht um weisse Menschen handelt. Die Mitarbeiter der Küstenwachen und auf Frontex-Schiffen tragen weisse Ganzkörperanzüge, Mundschutz und Handschuhe, wenn sie die Flüchtlinge an Bord nehmen (die italienische Küstenwache hat jeweils sogar einen orange gekleideten Froschmann dabei). Es ist keine Begegnung zwischen Menschen. Die Frontex- und Küstenwachenleute sehen aus, als wären sie Roboter, die kontaminiertes Gut an Bord nehmen.

18.10 Uhr

Soeben haben wir die Nachricht erhalten, dass heute vierzehn Gummiboote von der libyschen Küste gestartet sind. Noch sind nicht alle gefunden worden. Die «Juventa», das Schiff von «Jugend rettet», ist etwa gleich gross wie die «Sea-Watch 2» und hat 300 Menschen an Bord genommen. Wir beschliessen, den freien Tag abzubrechen und fahren gegen Süden.

 

22.10.2016

In der Hölle auf See

Von Noëmi Landolt

Samstag, 22. Oktober, 18.53 Uhr

In den letzten drei Tagen insgesamt viereinhalb Stunden geschlafen. Die Nacht mit der libyschen Küstenwache, ein wahr gewordener Albtraum, scheint mir schon ewig her zu sein, aber vergessen werde ich sie nie. Kurz nach Mitternacht, am frühen Freitagmorgen, erhalten wir den Auftrag, zu einem in Seenot geratenen «migrant boat» mit 150 Personen 14,5 Meilen nördlich der libyschen Küste, also ausserhalb des libyschen Hoheitsgebiets, zu fahren. Ein Tanker sei in der Nähe, habe aber keine Möglichkeit, das Boot zu bergen. Vor einigen Tagen habe ich geschrieben, dass es nichts Verloreneres als ein orientierungsloses Gummiboot gibt, das im Meer treibt. Da hatte ich noch nie ein orientierungsloses Boot voller Migranten, das nachts im Meer treibt, gesehen.

Um halb drei Uhr kommen wir beim Boot an, im Dunkeln leuchten die Lichter des Tankers Okyroe. Wir lassen wie immer unsere beiden RIBs ins Wasser, für den ersten Kontakt und das Verteilen der Schwimmwesten, den Scheinwerfer unseres Mutterschiffs immer aufs Migrantenboot gerichtet, als plötzlich ein Patrouillenschiff der libyschen Küstenwache auftaucht. Darauf stehen vielleicht sechzehn junge, uniformierte und zum Teil bewaffnete Männer, denen man lieber nicht im Dunkeln begegnen würde; aufgestellt wie auf einem Playmobilschiff, perfekt inszeniert, jeder hat seinen Platz. Ihr Auftritt ist lächerlich und bedrohlich zugleich. Verständigen können wir uns nicht, wir sprechen kein Arabisch, sie kein Englisch. Immer wieder brüllen sie: «Go out!» Wir wissen nicht, was sie damit meinen, haben aber den Eindruck, dass sie wollen, dass wir die Migranten mitnehmen, out, weg von Libyen.

Doch dann drängen sie mit einem gefährlichen Manöver eines unserer RIBs vom Flüchtlingsboot ab, einer ihrer Männer springt mit einem Seil an Bord, schlägt auf die Flüchtlinge ein und beschimpft sie. Wir hören die Leute schreien. In ihrer Panik springen vier Menschen vom Boot ins dunkle Wasser. Leute auf einem unserer RIBs ziehen sie ins Boot und bringen sie zur «Sea-Watch 2». Wir helfen den vier jungen Männern an Bord, die zittern vor Kälte oder Angst oder beidem, setzen sie auf das Achterdeck, wickeln sie mit Wärmefolien ein. Ich höre Ingo, unseren Head of Mission, auf dem Frontdeck per Megafon brüllten: «Boat is sinking! Men overboard! Men overboard!» Ich höre Menschen schreien, will nicht hinsehen und bleibe bei den vier jungen Männern, ich bringe ihnen gerade zwei Tassen mit Tee, die Schreie sind ganz nah an meinem Ohr, ich weiss nicht, wo die Teetassen hingekommen sind, jedenfalls helfe ich plötzlich mit, einen jungen Mann an Bord zu ziehen, nass und mit entblössten Genitalien, ich möchte ihm die Hose hochziehen, doch die Hölle ist schon losgebrochen. Immer mehr nasse, teils ganz nackte Körper fallen neben mir schreiend, wimmernd, zitternd auf den Boden. Ich stürze zur Reling, werfe mit den anderen unzählige Schwimmwesten über Bord, gegen den Wind. Sie kommen nie dort an, wo ich hinziele. Leinen, Rettungsringe. Irgendwann ist das sinkende Boot so nahe, dass wir ihre Hände greifen können. Ein schmächtiger Jugendlicher neben mir, gerade erst selbst an Bord geklettert, zieht mit einer unglaublichen Kraft einen nach dem anderen an Bord. Ich greife nach Händen, Beinen, Hosenbünden, schlüpfrigen Armen, die mir entgleiten, und plötzlich sind sie doch oben.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemanden habe ertrinken sehen in jener Nacht. Das kann fast nicht sein, zwischen zwanzig und dreissig Menschen sind ertrunken. Your mind plays tricks on you. Ich kann mich erinnern, dass im sinkenden Boot zwei Körper mit dem Gesicht nach unten und mit entblösstem Unterkörper trieben. Ich kann mich erinnern an den grossen, kräftigen Mann, der mit hängenden Armen im Boot stand, stumm, mit weit aufgerissenen Augen zu uns hochschaute, während das Boot sank. Irgendwann hatten wir auch ihn an der Hand, zogen ihn aufs Deck. Viele von ihnen rissen sich sofort die Kleider vom Leib, die Mischung aus Benzin und Meerwasser verätzte ihnen die Haut. Die beiden RIBs suchten die Umgebung ab, bargen weitere Menschen aus dem Wasser, darunter auch vier Tote. 124 konnte die «Sea-Watch»-Crew retten.

Ich weiss nicht, wie viel Zeit verging, um all die Leute an Bord zu holen. Wir verteilen Rettungsdecken und Wasserflaschen, duschen ihnen mit Schläuchen das ätzende Benzin vom Körper. Manche der Flüchtlinge helfen uns dabei, viele schlafen bald ein, das Rascheln der Rettungsdecken im Wind. Wir fahren nach Norden. Als es hell wird, sehen wir, dass die meisten unserer «Gäste» noch sehr jung sind. Junge Männer um die zwanzig. Manche vielleicht sogar erst zwölf oder vierzehn. Nur wenige um die dreissig.

Um 7 Uhr finden wir ein Holzboot mit vierzehn weiteren Männern an Bord. Aus Libyen und Syrien, steigen sie trockenen Fusses mit Rucksäcken und Rollkoffern an Bord. Wir nehmen Kurs auf zum Tanker Okyroe, um ihm die Geretteten zu übergeben. Während des Morgens tauchen immer wieder neue Gummiboote auf, insgesamt acht an der Zahl. Alle gefüllt mit rund 150 Menschen. Unsere RIBs sind ständig auf dem Wasser, versorgen die Flüchtlinge mit Rettungswesten, shutteln sie von den Gummibooten zum Tanker, wo sie eine gut 25 Meter lange Strickleiter hochklettern. Wir auf der «Sea-Watch 2» versuchen, unsere Gäste mit dem Nötigsten zu versorgen, sortieren Schwimmwesten, nehmen weitere Personen an Bord, unser Schiff füllt sich langsam, mindestens 200 Leute. Darunter eine Gruppe völlig entkräfteter Frauen, eine davon alleine mit ihren zwei Kleinkindern unterwegs, die, kaum an Deck, sofort einschlafen. Bei Sonnenuntergang verlassen die letzten fünf unser Schiff Richtung Tanker, nachdem sie sich von ihrem toten Bruder, der im Medic Room aufgebahrt lag, verabschiedet haben.

Wir räumen notdürftig auf. Irgendwann kommt ein Speedboot der «Sien Pilot» (ein norwegisches Frontex-Schiff) mit Männern in weissen Ganzkörperanzügen. Sie erscheinen mir wie Ausserirdische. Sie nehmen uns die vier Toten ab. Ein Speedboot eines spanischen Kriegsschiffs fordert uns auf, das Flüchtlingsboot zu versenken. Wir versuchen einigermassen aufzuräumen, beschliessen, möglichst weit nordwärts zu fahren. Raus aus der 24-Meilen-Zone, um zumindest einen halben Tag Pause machen zu können und unser Equipment zu ordnen. Um halb zwölf gehe ich ins Bett. Drei Stunden später werden wir wieder alle geweckt. Wieder Rufe aus dem Dunkeln, wieder ein Gummiboot mit 150 Menschen. Darunter viele Frauen und einige Kinder. Die Bergung verläuft problemlos. Doch noch während wir dieses erste Boot bergen, tauchen am Horizont weitere Gummiboote auf: sieben, acht, zehn, zwölf … es hört nicht auf. Bis zu 2000 Leute treiben in Gummibooten. Das MSF-Schiff Dignity, die norwegische «Sien Pilot» und auch wieder der Tanker Okyroe, eigentlich auf dem Weg nach Thailand, sind an der Bergung beteiligt. Unsere RIBs sammeln die Leute von vier grossen und einem kleinen Gummiboot ein. Dazwischen wieder «engine fishers», Speedboote, Hubschrauber.

Am frühen Abend kommt die italienische Küstenwache und evakuiert alle Boote, die sich um uns herum gesammelt haben. Die Tage und Abläufe verheddern sich in meinem Kopf. Was war gestern? Was war heute? Als Kind hatte ich einen kleinen Nintendo mit einem simplen 8-bit-Game, in dem man mit einem Ruderboot Falschirmspringer auffangen musste. Mit der Zeit kommen immer mehr Fallschirme immer schneller vom Himmel, bis irgendwann zu viele ins Wasser fallen, Game over. Mir kommt es vor, als befänden wir uns ebenfalls in einem grossen, perversen Spiel. In einer riesigen Arena, die aus Wasser besteht, in deren Mitte ein grosses Tankschiff liegt und wo aus allen Himmelsrichtungen neue Player auftauchen. Doch was wird hier überhaupt gespielt?

20.10.2016

Der erste Rettungseinsatz

Von Noëmi Landolt

Die «Bourbon Argos», Flüchtlingsboote und Kutter, die es auf die Motoren der Flüchtlingsboote abgesehen haben.

Donnerstag, 20. Oktober, 20.46 Uhr

Wo anfangen? Es fällt mir schwer, den Tag zu rekapitulieren. Das Gefühl, in die «Tagesschau» katapultiert worden zu sein, kenne ich aus Idomeni. Heute den ganzen Tag mitten in einem Agentursymbolbild zur «Flüchtlingskrise» verbracht. Irgendwie surreal, dass die Leute wirklich so eng zusammengepfercht auf einem Gummiboot sitzen. Rittlings auf den Schläuchen, ein Bein im Boot, das andere im Meer, sodass die Gefährte an riesige Tausendfüssler erinnern. Und gleichzeitig doch unendlich klein sind, in diesem grossen, schönen, tödlichen Meer.

Als ich heute Morgen kurz nach Sonnenaufgang das erste Gummiboot vom Aussichtsposten auf Monkey Island entdecke, schiessen mir die Tränen in die Augen. Es gibt wohl nichts Verloreneres als ein überladenes Gummiboot, das führungslos im Meer treibt, kein Land in Sicht. Ich muss die Tränen zurückhalten und möchte gleichzeitig etwas kaputtschlagen. Europa. Die Welt.

Als unsere Festrumpfschlauchboote (RIBs) mit den Schwimmwesten bei den Geflüchteten ankommen, jubeln sie laut, klatschen in die Hände. Auch ein unglaubliches Gefühl. Ein Tag der (emotionalen) Superlative. Doch lange hinschauen kann ich nicht. Meine Aufgabe auf Monkey Island ist es, den Horizont abzusuchen. Neue «targets» auszumachen und sie nicht aus den Augen zu verlieren. Noch nie in meinem Leben habe ich so intensiv und so lange geschaut. Und es wird nicht einfacher im Laufe des Tages. Immer mehr Boote tauchen auf. Flüchtlingsboote, Boote der libyschen Küstenwache, die gigantischen Militärschiffe am Horizont, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen, die kleinen Boote der «engine fishers». In Sichtweite stets der grüne Rumpf des MSF-Schiffs Bourbon Argos, das uns wie ein grosser Freund folgt und die Geflüchteten, die von der «Sea-Watch» entdeckt und mit Rettungswesten versorgt wurden, an Bord nimmt.

Während die «Sea-Watch»-Crew alle Hände voll zu tun hat, pausenlos zwischen Mutter- und Flüchtlingsschiffen hin- und herfährt, um noch mehr Schwimmwesten zu holen, dümpeln neben uns die kleinen Nussschalen der «engine fishers». Sie tragen grosse Strohhüte, haben gemütlich die Füsse hochgelegt, warten, bis das Flüchtlingsboot evakuiert ist, und nehmen dann (manchmal auch schon vorher) den Motor ab, um ihn in Libyen wieder an die Schlepper zu verkaufen. Die libysche Küstenwache mischelt im gleichen Business mit, schleppt einmal aber auch ein Flüchtlingsboot zur «Bourbon Argos». Es geschieht vieles, wofür wir keine Erklärung haben. Zwei «engine fishers» schenken uns vier grosse glänzende Fische, die es heute zum Abendessen geben wird.

Am Himmel kreisen Flugzeuge, es ist Hochbetrieb, Rushhour auf See, und doch scheint kaum jemand für die Seenotrettung unterwegs zu sein. Sind die Boote evakuiert, fahren die Kriegsschiffe ran, um sie in Brand zu setzen. Immer wieder steigen Rauchsäulen in den Himmel.

Wir fahren kreuz und quer durch die 24-Meilen-Zone vor der libyschen Küste, immer den Punkten am Horizont hinterher. Ich weiss nicht mehr, wie viele Boote wir aufgesucht haben, sechs oder sieben. Am Abend höre ich, dass es 802 Leute waren, die nun von der «Bourbon Argos» nach Italien gebracht werden. Zwei völlig entkräftete Frauen haben wir für kurze Zeite an Bord genommen, die eine gerade erst 19, die andere hochschwanger. Kaum auf der «Sea-Watch 2» angelangt und von unserem Medic Team versorgt, fielen sie in einen tiefen komatösen Schlaf.

Debriefing bei Sonnenuntergang auf dem Deck: Kritischster Moment des Tages war, als ein Junge einer ins Wasser gefallenen Rettungsweste hinterhersprang, glücklicherweise schwimmen konnte und schliesslich an Bord des einen «Sea-Watch»-RIBs kletterte. Gefährlich daher, dass leicht eine Massenpanik hätte ausbrechen können und dann auch andere Leute ins Wasser hätten springen können. «Wir haben nicht oft genug geübt», sagt Kapitän Jon. «Aber wenn wir geübt hätten, bis alles perfekt läuft, wären wir heute nicht hier, um das zu tun, wofür wir gekommen sind.»

Die «Bourbon Argos» ist auf dem Weg nach Italien, die «Topaz Responder» ist zwar noch da, hat aber keinen Platz mehr, um Leute aufzunehmen. So wie es aussieht, sind wir morgen auf uns alleine gestellt. Morgen soll der Wind von Süden her kommen. Und mit ihm kommen auch die Flüchtlingsboote.

 

20.10.2016

Von Ratten und Nasenbluten

Von Noëmi Landolt

Mittwoch, 19. Oktober, 21.16 Uhr

Morgens Schwimmwesten gezählt und zum Auslüften aufgehängt. Um 12.35 Uhr erster Notruf über Funk. Ein Gemisch aus Italienisch und Arabisch: «Aiuto, aiuto! – Hilfe, Hilfe! Wir haben eine sterbende Person an Bord.» Die Funkverbindung ist so schlecht wie mein Italienisch und das des Anrufers. Ingo, Head of Mission und Garagist aus Hamburg, fragt nach den Koordinaten. Informiert das Maritime Rescue Coordination Center (MRCC) in Rom, das alle Rettungseinsätze vor der lybischen Zwölfmeilenzone koordiniert und uns den Auftrag gibt, hinzufahren. Eine Übersetzerin der «Bourbon Argos», eines Schiffs von Médecins Sans Frontières (MSF), kommt uns zu Hilfe, spricht ausführlich auf Arabisch mit dem libyschen Fischerboot, das den Notruf gesendet hat. Wir hören per Funk mit. Alles klingt nun weniger dramatisch. Ein Mann habe einen Fischerhaken in der Nase und blute, sei aber nicht am Sterben. Als wir beim Fischerboot ankommen, fährt es uns davon, (warum, fragen wir uns noch immer), wir hinterher. Am Schiff weht die libysche und einer der Fischer schwenkt eine weisse Flagge. Die «Bourbon Argos» kommt ebenfalls hinzu und schickt ein Schnellboot mit einem arabisch sprechenden Arzt hin. Es nimmt die Verletzten an Bord, macht aber auf halber Strecke Richtung Mutterschiff kehrt und bringt die Fischer wieder zurück auf ihr eigenes Boot – mit dem Rat, nach Zuwara ins Krankenhaus zu fahren. Kein Notfall, wie sie uns etwas später über Funk mitteilen.

Friedrich, der Koch, hat sich derweil auf die Suche nach dem Ursprung des üblen Geruchs in meinem Zimmer gemacht. Hinter dem Täfer der Aussenwand findet er schliesslich eine Ratte, die sich dort wohl schon vor einer Weile zum Sterben hingelegt hatte. Zum Dank mache ich Friedrich eine Virgin Pina Colada. Er sagt, dass er nun hoffe, jeden Tag eine Ratte zu finden.

Bei Sonnenuntergang das erste Mal im Meer geschwommen. Ich finde eine schwimmende Ananas. Das Wasser ist unglaublich warm.

Die See war heute den ganzen Tag ruhig. Östlich von Tripolis hat die «Minden» 140 Leute gerettet. Sieben sind ertrunken, als das Holzboot zerbrach. Uns ist nicht klar, wieso zurzeit nicht mehr Boote kommen. Versuchen herauszufinden, was in Libyen los ist. Vielleicht ist wieder einmal eine Gummibootfabrik abgebrannt, wie vor einigen Monaten. Morgens um zehn haben wir am Horizont zwei Rauchsäulen gesehen, daneben ein grosses Schiff. Vermutlich ein Militärschiff, das im Rahmen der Schlepperbekämpfungsmission «Sophia» zwei Boote abfackelt.

Trotz des allgegenwärtigen Schaukelns vergesse ich manchmal, dass ich auf einem Schiff bin. Vor allem beim Aufwachen bin ich immer für eine Millisekunde erstaunt, wenn ich draussen das Meer sehe. Nur Meer. Wasser, soweit das Auge reicht. Die «Sea-Watch» ist mittlerweile zu meinem Haus, die Crew zu einer Art WG geworden. Sechzehn Menschen, die sich vorher nicht gekannt haben, verbringen zwei Wochen in einer Metallkiste auf hoher See. Guter Stoff für eine Realityshow. Das dachte sich auch der Journalist, der letztes Jahr bei der allerersten Fahrt der «Sea-Watch 1» täglich eine Sendung über den Alltag auf dem Schiff senden wollte. Doch die Crew hatte keinen Bock auf «Big Brother», setzte den Journalisten in Lampedusa ab und fuhr ohne ihn weiter.

21.40 Uhr

Die Nachtwache auf der Brücke hört Radio. Am Horizont steigt ein Feuerball auf. Ich habe mich immer gefragt, wie ein blutroter Mond aussieht und wo es den zu sehen gibt. Ich weiss es noch immer nicht. Denn blutrot ist der Mond auch hier nicht. Aber knallorange. Und riesengross.

19.10.2016

Delfine und Kriegsschiffe

Von Noëmi Landolt

Monkey Island, die Aussichtsplattform, von wo aus der Horizont mit Ferngläsern nach Flüchtlingsbooten abgesucht wird.

Mittwoch, 19. Oktober, 07.54 Uhr

Heute um halb sieben aus dem Schlaf hochgeschreckt. Ich schaue auf den Gang und sehe keine Schuhe vor den anderen Kabinen stehen. Alle schon wach. Ich ziehe mich schnell an und eile aufs Deck. Drei Leute sitzen schon auf Monkey Island, der Aussichtsplattform, von wo aus der Horizont mit Ferngläsern nach Flüchtlingsbooten abgesucht wird. Dabei ist die Sonne noch nicht einmal aufgegangen.

Seit Montagabend sind wir im Suchgebiet an der 24-Meilen-Zone vor der libyschen Küste. Obwohl die See ziemlich ruhig ist, haben wir bisher noch kein Flüchtlingsboot entdeckt. Uneindeutige Objekte auf dem Radarschirm können sich als Vogelschwarm oder als treibende Fischerutensilien entpuppen. Nachts sehen wir das Leuchten der libyschen Städte am Horizont, den orangen Vollmond am Himmel.

Bisher gleicht unsere Mission einem netten Ausflug mit netten Leuten. Das Training mit den RIBs (Rigid Inflatable Boats), den Schnellbooten, die als Erste zu den Flüchtlingsbooten hinfahren und Schwimmwesten verteilen werden, macht Spass. Das Aussichthalten auf Monkey Island erinnert mich daran, wie wir als Kind PiratInnen gespielt haben. Und doch bleibt ein seltsames, schwer in Worte zu fassendes Gefühl: Das nächtliche Leuchten am Horizont kommt aus einem Land, in dem Krieg herrscht. Während wir mit unseren Laptops auf Deck sitzen, fährt vielleicht nicht weit entfernt eine kleine Nussschale von einem libyschen Strand los, und wir sehen es nicht, weil wir gerade in die falsche Richtung schauen. Gestern hat die «Golfo Azurro» der Boat Refugee Foundation östlich von uns 130 Menschen von einem Boot geborgen. Ausser uns und der «Golfo Azurro» sind die kleine «Minden», die «Topaz Responder» von Moas sowie die «Bourbon Argos» von Médecins Sans Frontières unterwegs, um Geflüchtete aus Seenot zu retten. Dazwischen patroullieren Kriegsschiffe der «Operation Sophia» im von der EU ausgerufenen Kampf gegen Schlepperei. Auf unserem Radarschirm werden sie als unidentifizierbare Objekte angezeigt.

Gestern Abend hat uns bei Sonnenuntergang eine Gruppe Delfine besucht. Selten habe ich etwas so Schönes gesehen. Jon, unser Kapitän, und ich lehnten uns weit über den Bug, vor dem die Delfine herschwammen. Immer wieder drehte sich einer zur Seite und schaute zu uns hoch. «Sie wissen, dass es uns gibt», sagte Jon. Jon Castle, Mitte sechzig, ist eine Legende. Der alte Greenpeace-Kapitän mit heute weissem Vollbart war unter anderem auf der «Rainbow Warrior», als diese 1985 von französischen AgentInnen vor Neuseeland versenkt wurde, besetzte Ölplattformen und sass schon in unzähligen Ländern im Gefängnis. Wortkarg, aber stets gelassen und freundlich, mit einem scheinbar unendlich grossen Wissen ausgestattet, begleitet er nun die Sea-Watch auf ihrer Mission. Während wir den Delfinen zuschauen, pfeift er eine Melodie – und die Tiere schwimmen auf Steuerbordseite davon. «Ihnen hat wohl mein Pfeifen nicht gefallen», murmelt er lächelnd in seinen Bart. «Aber sie kommen wieder. Dann rufe ich dich.»

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