Nr. 06/2010 vom 11.02.2010

«Dieser Unfall hat auch unser Leben vergiftet»

Vor zehn Jahren hat sich in Rumänien ein Abwasserstausee mit hochgiftiger Zyanidlauge in Flüsse, Seen und Grundwasser ergossen. Die Menschen leiden immer noch unter den Folgen – trotzdem geht die Goldwäscherei weiter.

Von Keno Verseck, Baia Mare

Der Tierarzt Danut Ghisa steht im Hof seines Hauses und zieht einen Eimer Wasser aus dem Brunnen. Das Wasser schimmert bläulich. «Ich habe mehrmals Proben nehmen lassen, und es wurde Zyanid darin gefunden», sagt er. «Wir trinken es seit damals nicht mehr.»

Er geht ein paar Schritte über den Hof in den Garten, zu einem leeren Teichbecken. Hier war seine kleine Fischzucht. Karpfen, Plötzen; er und seine Frau Nicoleta mögen Fisch. Nach dem Unfall starben alle Fische.

Im Garten hat Danut Ghisa einen Obsthain angelegt. Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäume, alle sorgfältig aufgezogen, es hat Jahre Arbeit gekostet. Von einem Apfelbaum bricht er mühelos einen trockenen, fast armdicken Ast ab. «Ich habe alle Behandlungsmethoden ausprobiert», sagt er, «aber es hatte keinen Sinn, die Bäume gehen langsam ein. Auch Gemüse bauen wir schon lange nicht mehr an. Tomaten, Gurken ... sie wachsen erst ein Stück, dann vertrocknen sie einfach.»

Bozânta in Nordrumänien, 3000 EinwohnerInnen, ein Dorf nahe der Bergbau- und Industriestadt Baia Mare. Einen Kilometer entfernt liegt jener Abwassersee der ehemaligen australisch-rumänischen Goldfabrik Aurul, bei dem vor zehn Jahren, in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 2000, ein Damm brach. Der See war damals randvoll mit Zyanidlauge und schwermetallhaltigem Schlamm. Nach dem Dammbruch überschwemmte die Giftflut zuerst die Felder der Menschen aus Bozânta und ergoss sich dann in den Sasar. Hunderttausend Tonnen zyanidhaltiges Abwasser und Schwermetallschlamm sollen in den kleinen Fluss gelangt sein. Es war zusammen mit Seveso und Tschernobyl eine der schlimmsten Umweltkatastrophen, die Europa erlebt hat.

Über 300 Gifthalden

Am Morgen nach dem Dammbruch ging Danut Ghisa in die Nähe der Unfallstelle, er besass dort Weide- und Ackerland. Alles war schwarz, erinnert er sich, es roch nach Bittermandeln. Er ahnte, dass etwas sehr Schlimmes passiert sein musste. Wie schlimm es tatsächlich war und dass die Folgen noch zehn Jahre später spürbar sein würden, konnte er sich damals nicht vorstellen.

Danut Ghisa ist in Bozânta aufgewachsen und arbeitet seit über zwanzig Jahren als Tierarzt in der Gegend. Auch seine Kinder, vierzehn und elf Jahre alt, sind hier gross geworden. Haus und Hof hat Danut Ghisa von seinen Eltern geerbt. Er und seine Frau Nicoleta haben hier ein Zuhause für ihr ganzes Leben geschaffen, ein Zuhause, das sie auch ihren Kindern vererben wollen. Eigentlich. Jetzt fühlen sich Danut und Nicoleta Ghisa manchmal fremd, wenn sie über ihren Hof gehen und daran denken, wie viel die Nacht vor zehn Jahren zerstört hat. «Der Unfall», sagt Nicoleta Ghisa mit brüchiger Stimme, «hat auch unser Leben vergiftet.» Ihr Mann Danut nickt.

Zyanidlaugerei wird in der Gegend um Baia Mare seit Jahrzehnten betrieben. Der staatliche Bergbaukonzern Remin verwendete das Verfahren, um Gold und Silber aus den reichhaltigen Pyritvorkommen der Region zu extrahieren, ausserdem wurden Kupfer, Blei und Zink gewonnen. Die Rückstände sind noch heute zu besichtigen: Über 300 Halden mit schwermetallhaltigem Abraum gibt es in der ganzen Region. Die meisten sind ungesichert, immer wieder wäscht Regen Schwermetalle und anderes Gift aus und spült es in Flüsse und ins Grundwasser.

Manche der Halden enthalten noch Restgold. 1998 bekam die australisch-rumänische Firma Aurul die Genehmigung, eine solche Abraumhalde am Stadtrand von Baia Mare erneut mit Zyanid zu behandeln und die geschätzten ein bis zwei Gramm Gold pro Tonne auszuwaschen. Eilig setzte sie neben einem Neubauviertel alte Fabrikanlagen instand und baute in einiger Entfernung zur Stadt einen riesigen Abwassersee, knapp einen Quadratkilometer gross. Ende Januar 2000, nur wenige Wochen nachdem Aurul mit der regulären Goldproduktion begonnen hatte, führten Tauwetter und tagelanger starker Regen dazu, dass am schlecht gebauten See ein Damm brach.

Die Giftflut gelangte über mehrere Nebenflüsse in die Theiss und vernichtete auf einer Länge von mehreren Hundert Kilometern fast sämtliches Leben im Fluss, registriert wurden unter anderem 1200 Tonnen tote Fische. Zugleich war die Trinkwasserversorgung für mehrere Hunderttausend Menschen in Nordrumänien, der Westukraine und Ostungarn wochenlang unterbrochen.

Jetzt kommen die Russen

Vier Monate nach dem Unfall und nach einigen Sicherungsmassnahmen am Abwassersee machte die australische Firma mit der Goldproduktion weiter wie zuvor – aber unter neuem Namen: Um Schadenersatzansprüchen zu entgehen, hatte Aurul Konkurs angemeldet und war von den alten Eigentümern unter dem Namen Transgold übernommen worden. Ein erfolgreicher Trick: 2008 verlor der ungarische Staat einen Prozess gegen Aurul – mit der Begründung, es gebe keinen juristisch Verantwortlichen mehr.

Nicht nur der Staat Ungarn erhielt keine Entschädigungen für den unschätzbaren Schaden in der Theiss. Auch vor Ort gingen die direkt Betroffenen leer aus. Aurul-Transgold kaufte AnwohnerInnen aus Bozânta zwar ihre überschwemmten Felder ab und finanzierte eine Reparatur der Dorfschule und des Kindergartens. Doch Entschädigungen, etwa für die vergifteten Brunnen im Dorf, erhielt niemand.

Transgold produzierte bis Anfang 2006, dann meldeten die australischen Eigentümer erneut Konkurs an, diesmal endgültig. Das Geschäft war nicht mehr lukrativ genug, die Australier zogen ab. Die Firmenanlagen wechselten seitdem mehrere Besitzer. Inzwischen heisst die Unglücksfabrik Romaltyn Mining und gehört Polyusgold, dem grössten russischen Goldproduzenten. Der hat bei den örtlichen Behörden eine neue Betriebsgenehmigung beantragt. Die Chancen, dass Polyusgold sie erhält, stehen gut. Das jedenfalls meint Calin Crisan, der Chef des Kreisumweltamtes, schliesslich sei Zyanidlaugerei in Rumänien nicht verboten. Wenn Polyusgold alle gesetzlichen Bestimmungen einhalte, sagt Crisan lakonisch, sei nicht zu verhindern, dass der Konzern Gold produziere.

Acht Jahre prozessiert

Vasile Tatar will es verhindern. Er glaubt, dass er es schafft. Der 62-jährige Rentner kann die Fabrikanlagen sehen, wenn er aus seinem Wohnzimmerfenster schaut, es sind etwa 150 Meter Luftlinie. Der Anblick der beige gestrichenen Tanks und der vielen Rohrleitungen erinnert Vasile Tatar jeden Tag daran, wie die Krankheit seines Sohnes ausbrach. «Damals haben sie unter freiem Himmel Mineralstaub mit Zyanid vermischt und dann in die Fabrikanlagen gepumpt», sagt er wütend. «Sozusagen direkt vor unserer Haustür.»

Tatar wohnt im Plattenbauviertel Decebal am Stadtrand von Baia Mare. Er ist ein grosser, korpulenter Mann, kahler Schädel, entschlossener Blick. Acht Jahre lang hat er wegen des Zyanidunfalls gegen die Fabrik und den rumänischen Staat prozessiert, David gegen Goliath. Am Ende hat Goliath verloren.

Alles begann vor zehn Jahren. Vasile Tatars Sohn Paul, damals neunzehn Jahre alt, litt an Heuschnupfen. Kurz nachdem Aurul mit der Goldproduktion begonnen hatte, bekam Paul Tatar erste Erstickungsanfälle – ein typisches Anzeichen einer Zyanidvergiftung (vgl. Kasten). Binnen Monaten wurden sie immer häufiger und schwerer, Ende 2000 stellten Ärzte dann die Diagnose: Bronchialasthma, nicht heilbar.

Vater Tatar klagte gegen die Fabrik, vor einem halben Dutzend gerichtlicher Instanzen verlangte er ihre Schliessung. Er verlor jedes Mal. Sein Sohn war inzwischen aus Baia Mare weggezogen, er konnte mit seiner Krankheit nicht länger in der Stadt leben. Doch Vasile Tatar wollte die Tatsachen nicht so einfach hinnehmen. Er wandte sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg.

Vor fast genau einem Jahr, am 27. Januar 2009, sprachen die Richter das Urteil: Rumänien habe das Recht seiner Bürger Vasile und Paul Tatar auf eine saubere, gesunde Umwelt missachtet, verkündeten sie. Artikel 8, Absatz 2 der Europäischen Menschenrechtskonvention sei verletzt worden. Es war das erste Mal, dass der Strassburger Gerichtshof einen Staat wegen Umweltvergehen gegen seine BürgerInnen verurteilte.

Wenn Vasile Tatar von der Verhandlung in Strassburg spricht und vom Moment der Urteilsverkündung, dann ist er erfüllt von ehrfürchtiger, geradezu kindlicher Dankbarkeit. Dank für ein Europa, das ihm recht gegeben hat, dem kleinen Rentner mit seinem kranken Sohn aus dem Plattenbau in der Provinz, der in seiner eigenen Heimat nicht die geringste Chance gehabt hätte, sich gegen einen mächtigen und korrupten Apparat durchzusetzen. Der Apparat allerdings ignoriert das Urteil. Die Behörden haben in dem einen Jahr, das seither vergangen ist, nichts getan, um den Richterspruch umzusetzen. Freilich, das Urteil enthält keinen Massnahmenplan. Doch Vasile Tatar will erreichen, dass die Goldproduktion in Baia Mare und am besten in ganz Rumänien endgültig verboten wird. Deshalb verklagt er den Staat jetzt auf die Umsetzung des Urteils. Wieder steht ihm eine Prozesslawine bevor, und am Ende könnte der Fall wieder in Strassburg landen.

«Ich kann sehr beharrlich sein», sagt Vasile Tatar. «Vielleicht werde ich es auch gar nicht mehr erleben, dass das Urteil umgesetzt wird, sondern erst meine Kinder und Enkel. Aber eines Tages werden die Regierenden merken, dass sie uns nicht für dumm verkaufen können. Wir sind es, die hier leben, und wir sind es, die über unser Leben entscheiden.»