Das gute Leben : «Jungs, wir müssen reden»
Von Ohrfeigen und Zuneigung – ein Workshop für junge Männer
«Man weiss nie so genau, wie viele es dann schlussendlich sind, die an einem Samstag hier eintrudeln», sagt Jugendarbeiter Adrian Kiefer. Das Plakat zur Veranstaltung mit dem Titel «Babo oder Bluff – männlich genug?» verweist auf die Intention hinter dem Abend: Es geht darum, Jugendliche und junge Männer zu einem Gespräch einzuladen, um gemeinsam Männlichkeit zu reflektieren.
Eine hohe Erwartung an einen Samstagabend, an dem sich zehn pubertierende, sehr junge Männer – um nicht zu sagen, sehr alte Jungen – eingefunden haben, die eigentlich doch lieber Billard spielen möchten. Jetzt geht es erst mal darum, auszuhandeln, wer denn den Billardtisch zuerst benutzen darf.
Im Jugendtreff Chillout im Basler Klybeckquartier bietet die Quartierarbeit Klyck zusammen mit dem Rapper Nativ und mir diesen Workshop an. Es ist 19.15 Uhr, und ich muss als Moderator das Billardspiel nun unterbrechen. Wie schaffe ich es jetzt, die Jugendlichen dazu zu bringen, sich gemeinsam hinzusetzen? Haben sie überhaupt Lust, mit uns über ihre sich entwickelnde Männlichkeit zu sprechen?
Das Eis bricht überraschend schnell. Als Impuls dienen Szenen aus der Dokumentation über den Rapper Haftbefehl. «Babo» haben alle gesehen; der Film bietet reichlich Stoff. «Ich schaue ständig, dass alle alles haben. Aber wer schaut eigentlich nach mir?», fragt der Rapper darin ein wenig selbstmitleidig, aber immerhin ehrlich hinsichtlich seines Bedürfnisses nach Zuneigung. Nativ greift das auf und erzählt freimütig von sich selbst: Er habe gelernt, wie wichtig es sei, Zugang zu den eigenen Gefühlen zu haben, sie auszudrücken und sich nicht in sich selbst zu vergraben.
Auf die Frage nach männlichen Vorbildern hat jeder etwas zu sagen. Es sind Väter und Grossväter («behandeln meine Mutter immer gut»), der Bruder, der aus seiner kleinkriminellen Vergangenheit gelernt haben soll («das macht er jetzt alles nicht mehr»), oder der Onkel, der nach dem Verschwinden des Vaters einsprang. Mit ihm könnten auch Themen besprochen werden, die mit der Mutter nicht so einfach zu bereden seien («halt paar Sachen wegen Sexualität und so»).
«Eine Ohrfeige vom Papa gehört dazu, so lernen wir Disziplin», sagt einer. Ob er selber seine Kinder schlagen würde? «Natürlich nicht.» Man müsse sehen, was der Vater alles erlebt habe: «Das wird von Generation zu Generation immer besser. Glauben Sie, er hatte einen Workshop im Jugendtreff?»
Die Jugendlichen stellen sich vor, wie sie als erwachsene Männer sein wollen. «Nett, lieb – auch gemütlich, weisst du, emotional gelassen», sagt einer. Nach zwei Stunden intensiven Gesprächs zieht er in einer kleineren Runde sein Fazit: «Schaut mal, wie gut es tut, alles zu besprechen. Jungs, wir müssen einfach auch viel mehr miteinander reden.» ●