Uğur Gültekin (urg)

Digitale Kanäle

In mir die Wände (17): Die Stimme

Wenn du lange genug in der Enge lebst, beginnt die Architektur des Draussen den Ton deines Inneren zu bestimmen. Die Wände stehen dann nicht mehr nur um dich herum. Sie werden zu deinem Resonanzraum. Sie formen den Hall, in dem du sprichst. Sie werden zum Farbton deiner eigenen Stimme.


In mir die Wände (16): Endlich bald

Es gibt dieses eine Foto aus dem Flüchtlingsheim in Rorschach: Silvesterabend 1988, wir sind seit ein paar Wochen in der Schweiz, gerade erst dem Kanton St. Gallen zugeteilt worden. Auf dem Bild ist meine Mama zu sehen, wie sie zur Musik tanzt.


In mir die Wände (15): «Unbefriedigend»

Mit Frau Hochgasser, meiner Lehrerin, verstand ich mich nicht wirklich gut; ich fühlte mich oft unterfordert, und mir war langweilig. Also störte ich immer wieder den Unterricht, was verständlicherweise Frau Hochgasser störte. Der Raum, die Regeln, das Sitzen – das war mir alles zu eng.


In mir die Wände (14): Ich bin

Wir sassen im Wohnzimmer einer befreundeten kurdischen Familie, in einem anderen Dorf des St. Galler Rheintals. Der Geruch von Çay vermischte sich mit dem süsslichen Duft von selbstgebackenem Gebäck, und in einer Schale auf dem Tisch lagen die gerösteten Çekirdek.


In mir die Wände (13): Frequenzen

Kinder hören Frequenzen in Bereichen, die für ältere Menschen oft nicht mehr hörbar sind.


In mir die Wände (12): Die Glut

Als Kinder erfahren wir als Erstes, was Nähe bedeutet. Wir lernen, dass sich Wärme nicht allein erzeugen lässt, sondern erst entsteht, wenn da jemand bleibt, dich jemand hält, sieht, hört, wenn jemand mit dir spricht.


In mir die Wände (11): Treibsand

An diesem Tag regnete es. Auf meinem Programm stand das Fussballspiel, das ich fein säuberlich vorbereitet hatte: Es spielte der FC Rheintal im Champions-League-Final gegen Inter Mailand.


In mir die Wände (10): Dazwischen

Flüchtlingskind. Fremd. Unterschicht. Kein Schweizer. Das Nichtdazugehören wird zu deinem Rückgrat, Balanceakt, Kartenhaus. Es ist kein Gefühl, das mal kommt und mal geht.


In mir die Wände (9): Von unten

Was macht unsere Identität aus? Vielleicht ist sie wie Holz – entstanden aus dem, was vor uns war. Aus Schichten, die sich verdichtet haben, aus den Bedingungen, in die wir hineingewachsen sind, aus dem Druck, der uns geformt hat.


In mir die Wände (8): Husten

Es riecht nach aggressivem Putzmittel. Hohe Decken, Holz und Stahl – wir sind klein in diesem Raum. Ich sitze auf dem Plastikstuhl, meine Beine baumeln in der Luft, erreichen den Boden kaum. Mama hat gesagt: Nicht bewegen. Still sein. Ein Formular vor Papa.