Spatzen auf Kanonen : Porträt als Rorschachtest
Wer lässt sich heute noch in Öl malen? Eine oberflächliche Recherche ergibt: primär Blaublütler. König Charles etwa, seine Mutter Elizabeth selig, und auch die dänische Königsfamilie bestellte 2013 gleich ein ganzes Gruppenporträt bei einem angesagten Maler. Stumm ertragen sie danach jeweils auch den Spott des Fussvolks: wie gut dressierte, vergoldete Zirkusponys – die sie ja auch sind.
Nicht so der Demokrat Martin Neukom. Wie es langjähriger Brauch ist, lassen sich Zürcher Regierungsratspräsident:innen für eine Ahnengalerie im Walcheturm malen. Bloss war der grüne Regierungsrat auch mit der dritten Porträtskizze des Malers Hans Witschi noch nicht zufrieden. Der «SonntagsBlick» machte den Fall publik, mitsamt Neukoms Rückmeldungen an den glücklosen Maler. Sein Bild zeige einen «ängstlichen Mann, der demnächst aufgibt. Das bin ich nicht.» Er habe sich «drei Adjektive notiert: jung, modern, frisch. Wenn ich das Porträt anschaue, ist es das Gegenteil davon.» Aufhorchen lässt ausserdem der Satz: «Ich fühle mich entstellt.»
Ins Staunen kommt man nicht nur über den kümmerlichen Kunstverstand – ist Kunst nicht per se Entstellung? –, sondern auch darüber, dass der Politiker schlecht recherchiert hat. Wie die naseweise Schwarmintelligenz im Netz sofort verkündete: Witschi ist keine Katze im Sack, sein Stil ist bekannt. Neukom hatte freie Künstler:innenwahl, entschied sich für Witschi – und wirft ihm nun vor, ein Witschi-Bild gemalt zu haben. Die Lage ist verfahren.
Was spricht gegen ein Fotoporträt? Die Fotografie ist ein, na ja, junges, modernes, frisches Medium, in dem sich etwa französische Staatspräsidenten und Bundesrät:innen gern porträtieren lassen. Allerdings ist da das Problem der Haltbarkeit, wie die Regierung einst zu Protokoll gab: Ölgemälde sind langlebiger. Bloss muss man dann fragen: Wer wird sich in ferner Zukunft noch für einwandfrei konservierte Porträts von Regierungsrät:innen im Sitzungszimmer 267 eines Zürcher Verwaltungsgebäudes interessieren? ●
Hans Witschi darf sich immerhin mit dem Hofmaler Hans Holbein dem Jüngeren verwandt fühlen. Dieser hatte bei einer Brautschau die künftige Frau des englischen Königs Heinrich VIII. zu schön gemalt – und fiel in Ungnade.