Was weiter geschah : Mit Bulldozern gegen die Armen
Durch Kathmandu fliessen mehrere Flüsse, an deren Ufern Tausende Menschen in informellen Siedlungen wohnen. Sie sind häufig arm, häufig der Arbeit oder des Bürgerkriegs wegen in die Hauptstadt gekommen und finden hier sonst keinen bezahlbaren Wohnraum.
In den vergangenen Jahren sind diese Bewohner:innen zunehmend unter Druck geraten: Zum einen sind da die Überschwemmungen, die mit der Klimaerhitzung immer gefährlicher werden und die Siedlungen regelmässig fluten. Zum anderen ist da ein Mann, der in der Öffentlichkeit stets eine Sonnenbrille und grosse Ambitionen zur Schau trägt: Balendra – genannt Balen – Shah versuchte schon 2022, gewisse Siedlungen gewaltsam räumen zu lassen. Damals, als Bürgermeister von Kathmandu, scheiterte er. Die Bewohner:innen wehrten sich, und die damalige Regierung untersagte Shah den Einsatz bewaffneter Polizist:innen.
Mittlerweile wurden die Karten neu gemischt. Im Herbst 2025 protestierten in Nepal Tausende meist junge Menschen gegen Nepotismus und Korruption. Insgesamt starben während der Unruhen über siebzig Menschen. Die Regierung trat daraufhin zurück. Die Partei von Balendra Shah gewann die Neuwahlen sehr deutlich, diesen März wurde er als Premierminister vereidigt.
Eine seiner ersten Amtshandlungen war es nun, das nachzuholen, was ihm einst verwehrt worden war. In den vergangenen Wochen liess er die informellen Siedlungen in und um Kathmandu mit Polizei und Bulldozern grossflächig räumen und zerstören. Wie viele Menschen genau betroffen sind, ist unklar. Gemäss Medienberichten registrierten sich bei einer offiziellen Meldestelle bis Mitte letzter Woche über 600 Menschen neu als obdachlos, die Uno spricht von mehreren Tausend Betroffenen.
In der nepalesischen Zivilgesellschaft regt sich Widerstand gegen das rabiate Vorgehen der neuen Regierung. Die nationale Menschenrechtskommission wirft ihr autoritäres Handeln vor, eine Gruppe von Aktivist:innen hat gegen die Räumungen Klage beim Obersten Gericht eingereicht, und inzwischen haben auch Uno-Menschenrechtsexpert:innen Premierminister Shah aufgefordert, die «massenhaften Zwangsräumungen» zu stoppen. Derweil wächst jedoch die Befürchtung, dass die Aktion bald auf weitere Landesteile ausgeweitet werden könnte.
Nachtrag zum Artikel «Nepal: Das Dilemma» in WOZ Nr. 4/25.