Auf allen Kanälen : Spüren und zweifeln für die SVP
Die Deutschschweizer Medien sind wieder drauf und dran, einer rechtspopulistischen Initiative zum Durchbruch zu verhelfen.
Es sind sehr einfühlsame Interviews, die derzeit mit Schweizer Politiker:innen geführt werden. «Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie mit dem Zug von Altdorf nach Bern fahren?», fragte die «NZZ am Sonntag» die Urner Ständerätin Heidi Z’graggen zum Einstieg ins Gespräch. Pendlerin Z’graggen antwortete besorgt mit Blick aus dem Fenster: «Ich sehe sehr viele Baukräne. Die enorme Bautätigkeit fällt mir ins Auge. Man merkt, dass immer mehr Menschen in der Schweiz leben.»
Nicht merken, sondern spüren durfte Marcel Dettling, seines Zeichens SVP-Präsident. Die Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers» wollte von ihm wissen, wo er eine Zuwanderungsskepsis spüre, wobei sie das Wort nicht einmal mehr in Anführungszeichen setzte, als sei diese Skepsis längst ein rezeptpflichtiger Schmerz. Dettling hat ihn zuletzt an einem Podium im linken Zürich gespürt, wo er für seine Aussage, man wolle doch nicht wie in China in Hasenställen leben müssen, spontanen Applaus erhalten habe, so die Antwort.
SP-Altnationalrat Rudolf Strahm schliesslich musste nicht spüren, aber durfte zweifeln. In der NZZ wurde er gefragt, warum er denn bei der Abstimmung über die «10-Millionen-Schweiz» mit seiner Partei hadere. Strahm konnte darauf seinen Zorn gegen Asylsuchende auf einer Doppelseite entladen. Wobei es dem geschichtslosen Inlandredaktor nicht in den Sinn kam, wenigstens noch festzuhalten, dass Strahm in Migrationsfragen zeitlebens oder spätestens seit dem Gurten-Manifest von 2001 mit der Linken hadert.
Chalet, Bauernhof, Waldrand
Überhaupt hätte es weitere verdienstvolle Fragen zum Hintergrund der Interviewten gegeben. Zum Beispiel, wo genau denn all die Expert:innen für den «Dichtestress» wohnen, um noch eine weitere dieser kaum mehr hinterfragten Formeln in den Medien zu zitieren. Google Maps hilft: Heidi Z’graggen ist in einem Chalet ausserhalb von Erstfeld zu Hause, Marcel Dettling bewirtschaftet einen Bauernhof in Oberiberg, und Rudolf Strahm wohnt am Waldrand in Herrenschwanden. Lauter schöne Wohnsitze an ruhiger Lage.
Vielleicht wäre den Journalist:innen so auch aufgefallen, dass sie mit einfühlsamen, affirmativen Interviews am Kern der SVP-Initiative vorbeizielen. Diese appelliert zwar an alle möglichen Gefühle und Emotionen, aber sie wird für intakte Landschaften, gegen steigende Mieten oder überfüllte Züge überhaupt nichts bringen. Das ganze Parteiprogramm der SVP arbeitet bekanntlich in die gegenteilige Richtung.
Die Mahnung von 2014
Schlimmer noch: Die Deutschschweizer Medien sind wieder einmal drauf und dran, den Job für die Rechtsaussenpartei zu machen. Das war schon 2014 bei der Abstimmung über die «Masseneinwanderung» so – ein weiterer dieser längst selbstverständlich akzeptierten Begriffe. Damals veröffentlichten sie ein Foto der Street Parade nach dem andern, um den bildhaften Nachweis zu erbringen, dass die Schweiz überrannt werde. Die Berichterstattung trug entscheidend dazu bei, dass die SVP-Initiative knapp angenommen wurde.
Liess diese noch Spielraum bei der Umsetzung zu, schreibt die neuste die Folgen direkt in die Verfassung: eine Rückkehr zum menschenrechtswidrigen Saisonnierstatut, die Aufkündigung völkerrechtlicher Normen, das Ende der bilateralen Verträge mit der EU. Was genau die Redaktionen der Konzernmedien antreibt, nicht griffig über diese drohenden Auswirkungen zu berichten, bleibt vorerst offen: Ist es Schlafwandlertum, ist es Dienstfertigkeit oder beides?
Im schlimmsten Fall haben sie bereits die Forderung nach «Ausgewogenheit» verinnerlicht, wie sie dem SVP-Medienminister vorschwebt. Eine Ausgewogenheit, die der SVP mindestens die Hälfte der gesamten Sendezeit und Aufmerksamkeit zubilligt und Kampfbegriffe wie «Zuwanderungsskepsis», «Dichtestress» und «Masseneinwanderung» als völlig normal erscheinen lässt. Und dank derer die dramatischen Forderungen einer Initiative mit Hasenwitzen weggelächelt werden können. Was überhaupt können die Hasen dafür? ●