Diesseits von Gut und Böse: Weibliche Optimierung
Bevor ich das letzte «Magazin» der «NZZ am Sonntag» las, hielt ich die einst verbreitete Auffassung, die Frau sei ein Mängelwesen, für mehr oder weniger überwunden. Das Editorial verhiess: «Dieses Magazin ist Frauen gewidmet, die in der Mitte ihres Lebens den Spass nicht verlieren.»
Spass hab ich auch gern, drum las ich die Titelstory: «Ladies, wenn ihr schlau seid, nehmt ihr Testosteron», und zwar, «um sich in Job und Leben fitter zu fühlen». Testosteron könne «nicht nur der Libido auf die Sprünge helfen. Es kann auch gegen Erschöpfung, Konzentrationsverlust und Muskelschwäche helfen.»
Im Umkehrschluss heisst das: Jenes Geschlecht, dem die Testosteronproduktion quasi in die Wiege gelegt wurde, hat nicht nur gern ständig Sex, sondern ist dazu auch ein scharf denkendes, energiegeladenes Kraftbündel – eben ein Mann!
Der weibliche Testosteronmangel erklärt endlich alle Rätsel einer um Gleichberechtigung ringenden Gesellschaft: Drum sind in typischen Frauenberufen die Löhne tiefer, haben auch Frauenteams oft männliche Chefs und gibts auf höchster Führungsebene immer noch kaum Frauen.
Eine Überdosis des Wunderhormons kann zwar «eine tiefe Stimme, Haarausfall, eine vergrösserte Klitoris oder Bartwuchs» verursachen, was die Reize der libidotrunkenen Frau schmälert. Doch wo sich diese ihre Weiblichkeit zurückerobern kann, stand ebenfalls im «Magazin»: in den Kursen der Japanerin Junko Sakai, wo sie lernt, auf sechzehn Zentimeter hohen High Heels zu trippeln. Das macht nämlich irre Spass.