Literatur : Collage mit Honigkuchenpferd
Philipp Ammons modernes Drama «Get Your Kicks» interpretiert das alte Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Lukas-Evangelium neu und überträgt es auf unsere heutige pluralistische Gesellschaft. Die Frage nach Nächstenliebe steht auch bei Ammon im Zentrum: Ein Verletzter liegt am Boden, und niemand hilft.
Die Protagonist:innen, die den Verletzten sehen, sind laut und schrill. Wir treffen auf Konservative, Liberale und Leute, die ihre Heilslehren ausbreiten, den Überfall selbst bezweifeln oder ihn gar uminterpretieren. Sie verstricken sich dabei in platte Parolen, Meinungen und Deutungen, anstatt dem Verwundeten zu helfen – und spiegeln mit ihrem Verhalten sowohl gewisse Staatsrepräsentant:innen als auch aktuelle Dynamiken in den sozialen Medien wider.
Polyphon wie die Meinungen der Protagonist:innen ist der Text im formalen als auch inhaltlichen Sinn: Formal ist er eine Collage, die implizit ihre eigenen Prämissen hinterfragt. Inhaltlich bunt ist das Stück, weil der Autor Liedzeilen, allerlei biblische Zitate und Parolen einbaut. Dabei erschafft er eine groteske Atmosphäre mit abgründigem Humor und absurden Figuren wie einem Honigkuchenpferd, dem Frontschwein und dem flinken Ferkel Gotschi.
Vieles erschliesst sich inhaltlich nur mit Kenntnissen der christlichen und jüdischen Literaturtradition sowie über den Kapitalismus und die Kapitalismuskritik. Wenn diese Hintergründe fehlen, kann man sich einfach auf die groteske Stimmung und die originellen Sprachspiele des Autors einlassen.
Philipp Ammon, Historiker und Kaukasiologe, liefert in seinem schmalen Band «Get Your Kicks» keine Antworten, sondern wirft Fragen auf. Klare Erkenntnisse und Standpunkte lassen sich keine ausmachen, da jeder fixe Standpunkt relativ geworden zu sein scheint – somit bleibt alles im Absurden und Grotesken verhaftet.