Wiederaufbau in der Türkei: Lücken im Mosaik

Nr. 6 –

Beim grossen Erdbeben von 2023 wurde die türkische Stadt Antakya fast vollständig zerstört. Drei Jahre später zeigt sich: Das radikale Wiederaufbauprogramm der Regierung droht Minderheiten zu verdrängen.

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Lastwagen und Baukräne entlang einer staubigen Strasse in Antakya
Viele neue Häuser, verschwundene Pärke – und sehr viel Staub: Antakya wird radikal umgestaltet.

«6. Februar 2023, wir sind eingestürzt.» In schwarzen Grossbuchstaben prangt das Graffiti auf der grauen Hauswand. Nicht dass man nicht selbst darauf gekommen wäre – vom Geschäft sind nur drei Wände übrig geblieben.

Ein paar Meter weiter die nächste Botschaft: «Einspruch gegen Abriss eingelegt.» Möglicherweise hat der Schriftzug etwas bewirkt, denn noch steht das Wohnhaus, nur das Dach ist eingesackt. In der Altstadt von Antakya war man ansonsten nicht gerade zimperlich, schon an der nächsten Ecke beginnt eine fussballfeldgrosse Brache. Abends ist es so still, dass man die Taubenschwärme flattern hört.

Verschwundener Geist

Als im Februar 2023 im Süden der Türkei und in Syrien die Erde bebt, sterben offiziellen Zahlen zufolge mehr als 60 000 Menschen. Schätzungen gehen von mehr Opfern aus. Hunderttausende werden obdachlos in einem Gebiet, das rund eineinhalbmal so gross ist wie die Schweiz. In Antakya, wo fast 400 000 Menschen leben, stürzen achtzig Prozent aller Gebäude ein oder werden so stark beschädigt, dass sie nicht mehr bewohnbar sind.

Drei Jahre danach fahren die Lastwagen im Minutentakt vorbei, voll beladen mit Baumaterial oder Schutt. Der Staub liegt an manchen Tagen so dicht in der Luft, dass man ihn beim Atmen spürt. Über die noch unbebauten Brachen hinweg blickt man auf den Fluss, den Orontes. Dahinter ragen zwischen unzähligen Baukränen Apartmentblocks in den Himmel, die die staatliche Wohnungsbaugesellschaft TOKİ auf Hunderten Baustellen gleichzeitig baut.

Antakya kennt Katastrophen. Die Hauptstadt der Region Hatay steht auf der Ostanatolischen Verwerfung, einer Störungszone, in der die Erde immer wieder bebt. Mehrfach wurde die Stadt seit ihrer Gründung vor mehr als 2000 Jahren fast vollständig zerstört. Doch diesmal ist etwas anders. «Der Geist von Antakya ist weg» – so formulieren das viele, die man nach ihrer Stadt fragt. Sie meinen damit die religiöse und ethnische Vielfalt der Region.

Zu einer dieser Minderheiten gehört Sezar Sabagil. Er steht vor den Ruinen der griechisch-orthodoxen Kirche und deutet auf die Reste der Fassade aus hellem Kalkstein. «Dort wurde ich getauft, dort habe ich geheiratet, mein Vater auch, alle», erzählt der 35-Jährige. Jetzt ist das Gelände von einem Bauzaun umgeben, darauf haben Mitglieder der Kirchengemeinde Plakate mit Fotos der Gebäude anbringen lassen. Seit drei Jahren bemühen sie sich um den Wiederaufbau, haben aber immer noch keine Genehmigung dafür erhalten.

Vor dem Beben wohnten die meisten Griechisch-Orthodoxen in den Strassen rund um die zerstörte Kirche. 350 Familien seien sie vor dem Erdbeben in Antakya gewesen, erzählt Corc Sabagil, Sezars Onkel. Zurückgekehrt seien nur fünfzig oder sechzig Familien, fast alles alte Leute. «Wir sind völlig zerstreut.» Sezar versucht, die Dimensionen greifbar zu machen: «Früher lagen zwischen meinem Haus und dem meines Onkels vielleicht hundert Meter, jetzt sind es sechs Kilometer.»

Ohne die Kirche und den Wiederaufbau des Viertels werde es bald keine griechisch-orthodoxe Gemeinde mehr geben, davon ist der 58-jährige Corc überzeugt. Und die jungen Leute kämen ohne Arbeitsmöglichkeiten ohnehin nicht in die wirtschaftlich schwache Region zurück. Er selbst konnte sein kleines Juweliergeschäft im provisorisch aufgebauten Container-Basar wieder eröffnen. Sein Neffe Sezar ist vor einem knappen Jahr eingestiegen, auch aus Mangel an Alternativen. Hinter dem Tresen seines winzigen Geschäfts hebt Corc resigniert die Hände, wenn er an seine Gemeinde denkt: «Wir werden immer weniger werden. Uns wird es gehen wie den Juden.» Alle Mitglieder der winzigen jüdischen Gemeinde sind nach dem Erdbeben nach Istanbul oder Israel gegangen, niemand ist zurückgekehrt. «In Antakya fehlt jetzt ein Mosaikstein, eine Blume», sagt Corc.

Unterstützung nur auf Türkisch

Für viele Menschen in Hatay ist diese Vielfalt zentraler Teil ihrer Identität. Die Region ist eine der religiös und ethnisch vielfältigsten des Landes. Hier leben Armenier:innen neben arabischen Alawit:innen, es gibt eine kleine Rom:njabevölkerung, griechisch- und syrisch-orthodoxe Christ:innen, viele davon sprechen Arabisch. Seit 2011 sind ausserdem Geflüchtete aus Syrien dazugekommen. Es ist dies der «Geist von Antakya», auch wenn das friedliche Miteinander nicht selten romantisiert wird.

Die Romantisierung ist nicht zuletzt eine Reaktion auf den Umgang der Türkei mit ihren Minderheiten in den letzten hundert Jahren. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Hatay zunächst dem französischen Mandatsgebiet Syrien zugeschlagen. Mit Hilfe der französischen Verwaltung verfolgte die Regierung in Ankara aber schon vor der Angliederung an die Türkei 1939 eine Politik der kulturellen, religiösen und ethnischen Türkifizierung: Die arabische Sprache wurde an Schulen und anderen Institutionen verboten, in der Verwaltung wurden ethnische Türk:innen bevorzugt. Wie auch in den kurdischen Gebieten wurden gezielt Menschen aus dem anatolischen Kernland hier angesiedelt.

Bei vielen Menschen in Hatay hat die Zeit nach dem Beben Erinnerungen an diese Assimilierungspolitik geweckt. Rund ein Drittel der Einwohner:innen Hatays sind seit dem Beben gegangen, die meisten davon in die nahe gelegenen Grossstädte oder nach Istanbul und Ankara. Ihr Platz, so wird nun befürchtet, könnte von den Menschen eingenommen werden, die für die Bauarbeiten in die Region kommen. Mit den fast ausschliesslich türkischsprachigen Ersthelfer:innen des Katastrophendiensts konnten sich viele der Älteren kaum verständigen. Bis heute gibt es viele Formulare für Unterstützungsangebote nur auf Türkisch. Und auch der Wiederaufbau selbst steht für viele in dieser Tradition. Ehemalige Nachbar:innen werden in weit entfernte Neubausiedlungen verpflanzt, und selbst bei Familien wird oft nicht darauf geachtet, ob die Wohnungen nah beieinanderliegen.

All das sei eine Bedrohung für Minderheiten, sagt die Anthropologin Şule Can. «Diese Gemeinschaften brauchen ihre Viertel, die gemeinsamen Räume für alltägliche Rituale. Sonst verschwinden sie», so Can. «Wenn man sie in Viertel umsiedelt, in denen kaum andere Alawit:innen, Christ:innen und so weiter leben, werden die sozialen Strukturen ausgelöscht.»

Das erleben vor allem die 200 000 Menschen, die in Hatay noch immer in Containersiedlungen leben. So wie Süheyla Kurt (66) und ihr Mann Rasim (67). Sie sind Alawit:innen, sprechen nur Arabisch. Ein paar Kilometer ausserhalb des Stadtzentrums duckt sich ihr Wohncontainer in eine flache Senke. Hier leben sie seit fast drei Jahren mit ihrer erwachsenen Tochter Aylin auf zwanzig Quadratmetern. Mit den Nachbar:innen sei alles friedlich, aber als Alawit:innen fühlten sie sich hier trotzdem allein.

Gerade erst sind neue Sorgen dazugekommen. Alle Containerdörfer sollen geräumt werden, erzählt Süheyla Kurt. Die drei hatten zwar Glück und haben eine staatlich gebaute Wohnung angeboten bekommen. Allerdings so weit weg vom Rest der Familie, dass sie abgelehnt haben. Süheyla und Rasim Kurt befürchten ausserdem, dass sie den Anspruch auf einen Kredit für den Wiederaufbau ihrer alten Wohnung verlieren, sollten sie in den Neubau ziehen.

Wie es nun weitergeht, wissen sie nicht. Süheyla Kurt zuckt mit den Schultern: «Vielleicht wohnen wir dann wieder im Zelt auf unserem alten Grundstück.» Während aus dem zuständigen Stadtplanungsministerium immer wieder vage Räumungspläne zu hören sind, verspricht der Gouverneur der Region, kein Erdbebenopfer würde auf die Strasse gesetzt. Aber Vertrauen in den Staat hat fast niemand.

Dabei tut die Regierung viel dafür, den dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. Innerhalb eines Jahres würden die zerstörten Städte neu entstehen, versprach Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan kurz nach dem Beben vor drei Jahren. Stadtplanungsminister Murat Kurum spricht mittlerweile von einer «Erfolgsgeschichte»: Mehr als 75 Milliarden US-Dollar seien in den Wiederaufbau geflossen. Bis Ende 2025 sollten 450 000 moderne Wohnungen fertiggestellt werden. Regelmässig veranstaltet die Regierung offizielle Zeremonien, auf denen feierlich die Schlüssel für neu fertiggestellte Wohnungen an die künftigen Bewohner:innen übergeben werden. Verteilt werden sie nach einem Losverfahren, an dem nur ehemalige Wohnungsbesitzer:innen teilnehmen dürfen, die einen Teil der Baukosten übernehmen. Für den privaten Wiederaufbau gibt es staatliche Kredite. Diejenigen, die ihre Wohnungen gemietet hatten, sollen erst später berücksichtigt werden.

Bedrohtes Gedächtnis

Auf die Erfolgsmeldungen angesprochen, lächelt Mustafa Özçelik gequält. «Das erste Jahr haben sie nur Trümmer weggeräumt.» Der Vorsitzende der Architektenkammer in Hatay hat nach dem Beben die ersten Wochen im Auto übernachtet. Notdürftig haben er und seine Kolleg:innen sich mittlerweile in einem Container am Stadtrand eingerichtet. Unter dem Druck von Erdoğans Versprechen gehe nun alles viel zu schnell.

«Nirgendwo wird so schlecht gebaut wie hier!», sagt Özçelik. Erdbebensicher seien die Neubauten schon. Anstatt aber eine sensible Stadtplanung zu verfolgen, würden überall in Windeseile die gleichen achtstöckigen Wohnblocks hochgezogen, ohne Grünflächen, Schulen, Geschäfte. Als Beispiel malt Özçelik aus dem Gedächtnis einen Stadtplan auf ein Blatt Papier, markiert den ehemaligen Atatürk-Park im Süden der Innenstadt und streicht ihn dann energisch durch. Dem ruhigen und höflichen Mann ist der Ärger anzusehen. «Wir hatten hier unsere Geschichte, unsere Kultur und unser Sozialleben», sagt Özçelik. «Aber TOKİ achtet auf nichts davon. Und so zerstören sie Antakyas Gedächtnis.»

Dabei müsste man nicht so radikal vorgehen, ist Mustafa Özçelik überzeugt. Auf seinem Handy hat er Hunderte Fotos gespeichert, alles Aufnahmen beschädigter Altbauten. Die Architektenkammer hat sie nach dem Beben besichtigt. «Man hätte viele Gebäude aus osmanischer Zeit und auch die Viertel retten können. Aber sie wurden einfach abgerissen.» In der Altstadt werden vorerst nur die als historisch wichtig eingestuften Gebäude wieder aufgebaut: einige der Moscheen, der Basar, die erste beleuchtete Strasse der antiken Welt, die Kurtuluş Caddesi. Wer dort leben, ein Geschäft besitzen darf, wie viel das kosten wird – alles unklar. Alle privaten Baumassnahmen sind untersagt, denn die gesamte Altstadt wurde als «Risikogebiet» eingestuft. Die Hoheit liegt beim Stadtplanungsministerium.

Das gilt auch für das griechisch-orthodoxe Viertel. «Wir wollen die Kirche wieder aufbauen, haben aber noch keine Erlaubnis bekommen», erzählt Corc Sabagil. Ob es im neuen Basar Platz für sein Juweliergeschäft geben wird, weiss er ebenfalls nicht.

Steckt hinter dem staatlichen Wiederaufbau die Absicht, Antakya «türkischer» zu machen und Minderheiten gezielt zu vertreiben? So direkt will das niemand sagen, auch nicht die Anthropologin Şule Can: «Natürlich steht das nicht explizit in irgendwelchen Wiederaufbauplänen. Aber wenn man Minderheiten und ihre Rechte nicht berücksichtigt, dann hat das genau diesen Effekt.»

Und auch bei Sezar und Corc Sabagil macht sich das Gefühl breit, unerwünscht zu sein. Die beiden diskutieren kurz, Arabisch und Türkisch mischen sich. Die Frage ist ihnen sichtlich unangenehm. Dann sagt Corc zaghaft: «Vielleicht wäre der Staat sogar glücklicher, wenn wir weggehen.»