Leitartikel : Die dritte Welle der Selbstzerstörung

Nr. 17 –

Schweizer Medien wurden vom Techfieber gepackt. Sie schaden sich einmal mehr selber, meint Renato Beck.

«I celebrate me, for the woman I became», singt Inga Rose mit grosser Soulstimme in ihrem Hit, der weltweit gerade die Charts anführt. Bloss, dass Inga Rose nie jene Frau geworden sein kann, weil Inga Rose noch nicht mal ein Mensch ist, sondern die Ausgeburt einer KI. Schon vor diesem Erfolg hatten sich Musiker:innen gegen ihre Verdrängung gestemmt.

«Shy Girl» heisst der Horrorroman von Mia Ballard, der es aus den Untiefen der Selbstpublikation in den renommierten Verlag Hachette geschafft hatte und drauf und dran war, mit viraler Wucht zum Bestseller zu werden, bis er vor kurzem als von einer KI geschrieben enttarnt wurde. Ein veritabler Skandal war die Folge.

Es sind die Vorboten einer neuen Normalität, in der Menschengemachtes von künstlich Generiertem nicht mehr zu unterscheiden sein wird. Doch wenn alles echt sein kann oder alles falsch, dann hat nichts mehr einen Wert.

Das gilt genau gleich für die Medienbranche. Nur wehrt sich dort anders als in der Musikindustrie und im Literaturbetrieb kaum jemand gegen den inflationären Gebrauch von KI. Dabei sind die Umwälzungen mindestens ebenso fundamental. Gerade in der Schweiz setzen Konzerne wie Start-ups ungehemmt auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz. Für sinnvolle Anwendungen, aber auch für geradezu selbstvernichtende.

Mit KI-Tools lassen sich Interviews einfach verschriftlichen oder riesige Datenmengen wie etwa die Epstein-Files in Sekundenschnelle auswerten. Das bringt nützliche Entlastungen für kleingesparte Redaktionen. Doch ist die KI nicht nur Hilfsmittel für Journalist:innen – sie ist längst auch deren Bedrohung.

Wer heute etwa eine Zeitung aus dem Medienuniversum Tamedia aufschlägt, kann nicht wissen, wer die Texte darin verfasst hat. Die zeichnenden Journalist:innen oder die KI? Nahezu ganze Texte, das machte die WOZ unlängst publik, können der Maschine entstammen, ohne deklariert zu werden. Shy Girl recherchiert und schreibt Leitartikel. Dabei sollte für Artikel nicht weniger gelten als für Poulets oder Mais: Wurden Antibiotika eingesetzt oder Gentechnik – oder eben Chat GPT –, gehört das ausgewiesen. Medien leiden sowieso schon unter einer Vertrauenskrise, mit dem KI-Boom verschärft sich diese nochmals dramatisch.

Die Schweizer Medienbranche kennt sich mit der Entwertung der eigenen Erzeugnisse bestens aus. Die Aussicht auf schnelle Gewinne hat immer schon dazu verleitet, das eigene Fundament zu untergraben. Erinnert sei an die Epoche der Pendlerzeitungen in den nuller Jahren, als die Medienkonzerne ein halbes Dutzend Gratiszeitungen mit riesigen Auflagen auf den Markt warfen, um ihre Konkurrenz auszuschalten. Und diese dann grösstenteils wieder einstampften, weil die Leute im Zug lieber aufs Handy schauten. Die Leidtragenden waren die Journalist:innen, die dutzendfach engagiert und kurz darauf wieder entlassen wurden. Und die Bezahlzeitungen, die rapide an Auflage verloren, weil Journalismus plötzlich kostenlos zu haben war.

Die Entwertungsstrategie kultivierten dieselben Verlage weiter, als sie im Onlinemarkt neue Gewinne witterten und deshalb umfassende publizistische Angebote digital kostenfrei verfügbar machten. Mit einem Klick liess sich gratis lesen, was am nächsten Tag in der abonnierten Zeitung stand. Als die Manager:innen dann Bezahlschranken hochzogen, um die Onlinereichweiten zu monetarisieren, stellten sie erstaunt fest, dass nur wenige Leute bereit waren, für etwas zu bezahlen, das eben noch gratis war.

Derzeit läuft die dritte Welle der Selbstzerstörung der Schweizer Medien. Vom Techfieber gepackt, überbieten sie sich mit dem flächendeckenden Ersatz von redaktionellen Prozessen durch KI. Kürzlich erklärte Ringier-CEO Marc Walder, wie er sich die Medienzukunft der Schweiz vorstellt: «Blick», «20 Minuten» und die NZZ würden digital überleben, alle anderen Titel eingehen. Walder muss nicht recht behalten, doch die Verlage wirken genau darauf hin. Noch dieses Jahr könnte es erstmals bei einem Grossverlag wegen der «Effizienzgewinne» mit KI zur Massenentlassung kommen.

Eine Gegenbewegung dazu ist leider nicht auszumachen. Eine öffentliche Debatte findet kaum statt und wenn, ist sie geprägt von naiver Techgläubigkeit. Und auch die Gewerkschaften scheinen nicht zu verstehen, was für gewaltige Veränderungen im Gang sind. Sie veröffentlichen wohlfeile Empfehlungen, statt gegen die Verlage mobil zu machen. Dass es auch anders geht, zeigt sich in den USA, wo vor zwei Wochen das Investigativportal «ProPublica» wegen des Unwillens, den Einsatz von KI zu begrenzen, bestreikt wurde.

Bei der WOZ finden wir, dass Texte selber geschrieben und korrigiert gehören, Bilder selber fotografiert und Illustrationen selber gezeichnet sein sollen. Das mag teuer sein und länger dauern. Doch es hat: einen Wert. ●