Slopaganda : Was ist Slopaganda?

Lego-Clips zu Battle-Rap, in denen sich das brutale iranische Regime als sympathischer Underdog inszeniert. Donald Trump, der als gekrönter Kampfpilot aus dem Jet heraus die «No Kings»-Protestierenden mit Fäkalien bombardiert. Unzählige Tiktoks, in denen der ermordete rechtsradikale Aktivist Charlie Kirk in den Himmel auffährt. Und nicht zuletzt riesige Mengen von Clips und Sharepics, mit denen rechte Social-Media-Accounts apokalyptische Bedrohungsszenarien ebenso wie nostalgische Idyllen verbreiten. All das und vieles mehr ist «Slopaganda» – massenhaft auf Social Media geteilte, KI-generierte politische Propaganda.

Der Begriff ist noch kaum ein Jahr alt. Geprägt hat ihn der Kognitionswissenschaftler Michał Klincewicz 2025 in einem gemeinsam mit zwei Kollegen verfassten Aufsatz. «Slopaganda» ist ein Kofferwort, zusammengesetzt aus «slop» und «Propaganda». «Slop» meint so viel wie Pampe, Brackwasser oder Essensabfall – buchstäblich das, was man an Schweine verfüttert. Nicht zuletzt wegen seiner lautmalerischen Eingängigkeit hat sich «AI Slop» rasch als Bezeichnung für fragwürdigen synthetischen Content etabliert, der dank der Verbreitung von KI-Bild- und Videogeneratoren in immer grösseren Mengen die Feeds und Timelines flutet. 2025 kürte das Wörterbuch Merriam-Webster «slop» zum Wort des Jahres – nicht zuletzt der virale Erfolg der iranischen KI-Propaganda könnte «Slopaganda» bald ebenso populär machen.

Slop ist zirkulationsoptimierter Content: Er soll sich in sozialen Netzwerken rasch viral verbreiten und von möglichst vielen Menschen gesehen werden – ob sie ihn nun sehen wollen oder nicht. Die frühesten Beispiele für AI Slop, der berüchtigte «Shrimp Jesus» von 2024 etwa, zielten vor allem darauf ab, möglichst oft geteilt, gelikt und kommentiert zu werden und so über die Monetarisierungsangebote der Plattformen Geld einzuspielen. Inzwischen hängt an diesem Geschäftsmodell eine globale Industrie von Slop-Farmen, die eine Vielzahl von Genres bedienen – von nostalgischen Zeitreisen bis zu surrealem «Food Brainrot», in dem anthropomorphe Früchte Szenen aus Realityshows und Soap-Operas nachspielen.

Anders als gewöhnlicher Slop nutzt «Slopaganda» die Mechanismen sozialer Medien nicht allein zur profitablen Aufmerksamkeitsgenerierung, sondern zur politischen Einflussnahme. Von klassischer Propaganda unterscheidet sie sich nicht zuletzt im Hinblick auf Menge, Geschwindigkeit und Reichweite: Generative KI erlaubt die schnelle Massenproduktion von Content, der sich über soziale Medien rasch global verbreiten kann. Aber «Slopaganda» ist kein bloss quantitatives Phänomen. Sie ist auch verteilte, partizipative Propaganda – Propaganda zum Mitmachen. An ihrer Produktion und Verbreitung sind viele beteiligt, keineswegs ausschliesslich politische Akteur:innen. Doch wer produziert «Slopaganda»? Worauf zielt sie? Ist sie immer reaktionär? Was macht sie mit uns, und was machen wir mit ihr und gegen sie? Um solche Fragen soll es in den kommenden Wochen in dieser Kolumne gehen.

Der Bild- und Medienwissenschaftler Roland Meyer ist Brückenprofessor für Digitale Kulturen und Künste an der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). In seiner sechsteilgen WOZ-Onlinekolumne «Slopaganda» rückt er gezielt KI-generierte Propaganda in den Fokus.