Diesseits von Gut und Böse: Voll daneben

Nr. 2 –

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Eiskalt und dunkel war es tagelang in Berlin, bei nächtlichen Temperaturen von bis zu minus acht Grad Celsius. Ein Brandanschlag hatte das Gaskraftwerk Lichterfelde lahmgelegt. Vom Stromausfall betroffen waren Zehntausende Haushalte in den südwestlichen Stadtteilen. Dreizehn Schulen waren geschlossen, in Spitälern konnte nur mit Notaggregaten gearbeitet werden. Für die frierende Bevölkerung wurden Notunterkünfte geöffnet. Das zumindest sind die Fakten. Daneben gilt vorerst: Nichts Genaues weiss man nicht – oder vielleicht doch?

Da gibt es einerseits das 21-seitige Bekennerschreiben der sogenannten Vulkangruppe, die bereits für diverse Brandanschläge verantwortlich ist. Auf der anderen Seite schiessen die Spekulationen ins Kraut, dass der Anschlag Teil der russischen Hybridkriegsführung war. Festgemacht wird Letzteres an bestimmten Formulierungen oder Fehlern im Schreiben, das die Polizei aber aufgrund von «Täterwissen» für authentisch hält.

Vieles auf den 21 Seiten würde ich sofort unterschreiben, zum Beispiel Wortgewaltiges wie: «In der Gier nach Energie wird die Erde ausgelaugt, ausgesaugt, verbrannt, geschunden, niedergebrannt, vergewaltigt, zerstört.» Oder: «Lebensräume verschwinden unter den Fluten bei Überschwemmungen oder aufgrund des steigenden Meeresspiegels.» Der Anschlag gelte der fossilen Energiegewinnung: «Die einzelnen Haushalte sind nicht Ziel der Aktion.» Tja, kann man da nur sagen: Dumm gelaufen.

Der «taz» sagte ein linker Aktivist, der «das Konzept der ‹friedlichen Sabotage›» vertritt, diesen Anschlag könne er «nicht gutheissen», und man müsse «radikal-linke» Täter:innen in Betracht ziehen, «anstatt zu sagen, so was würden Linke nie machen». Aber offenbar hat man in diesen Kreisen den Ratgeber «Wie gewinne ich meine Mitmenschen für mein Anliegen?» nicht gelesen. Und der- oder diejenige, die im Bekenntnis «unsere gemeinwohlorientierte Aktion ist gesellschaftlich sinnvoll» formulierte, wurde vermutlich als Kind zwecks Einsicht und Lerneffekt in den kalten, dunklen Keller gesperrt.

Dass man ihre «gemeinwohlorientierte Aktion» jetzt den Russen zuschieben will, hat die Vulkangruppe übrigens beleidigt: Am Mittwoch hat sie ihr Bekennerschreiben bekräftigt.