Kunst und Krieg : «Wir haben gesiegt!»

Nr. 15 –

Während die russischen Angriffe unvermindert weitergehen, blühen in der Ukraine Kunst und Mode geradezu auf. Besuch in der Kulturstadt Lwiw, die an der Oberfläche unzerstörbar wirkt.

Taras Wozniak stosst mit einem Glas Wein an
Hüter des kulturellen Gedächtnisses: Taras Wozniak leitet die Nationalgalerie in Lwiw. Foto: Judith Schifferle

Punkt 9 Uhr ukrainischer Zeit stoppt der Zug von Przemyśl nach Kyjiw zwischen Güterwagen und Stacheldraht in trüber Einöde. Aus dem polnischen Dauerregen werden plötzlich dicke Schneeflocken. Eine sonore Lautsprecherstimme mahnt zur Schweigeminute. «Sehr geehrte Passagiere, wir sind in der Ukraine angekommen, dem Land, das seit 2022 von Russland angegriffen wird. Wir gedenken unserer Verteidiger, die ihr Leben für unser Land und unsere Freiheit gelassen haben.»

Die zweistündige Zugfahrt von der Grenze in die Kulturmetropole Lwiw im Westen der Ukraine gleicht allem zum Trotz einer Fahrt ins Blaue ohne Tonspur. Während im Wagen 1 verhaltene Ruhe herrscht und draussen Weite an uns vorbeizieht, informieren die Bildschirme in den Gängen über Strategien bei mentalem Dauerstress und machen auf Kunsttherapien, Yogakurse und Ferienresorts in den Karpaten aufmerksam. Wer mit der Bahn bis an die Front fährt, braucht ab und zu auch eine Heldengeschichte, vor allem aber immer wieder Aufklärung darüber, was seit dem russischen Vollangriff im Land am meisten gefährdet ist: die ukrainische Kulturgeschichte und ihre Zukunft. «УЗ везе – і ти вивезеш»: Das ukrainische Wortspiel ziert die Hüllen der Kopfstützen. «Die ukrainische Eisenbahn schafft – und du schaffst es auch!»

1,7 Millionen Artefakte weg

Wie überleben Künstler:innen in der Ukraine nach vier Jahren Krieg? Wie gelingt dauerhafter Schutz von Exponaten und Museen, wenn Tag und Nacht Gefahr droht? Wozu braucht es Kunst in Kriegszeiten überhaupt?

«Heute, am vierten Jahrestag des Krieges, sage ich Ihnen: Wir haben bereits gesiegt!» Taras Wozniak ist seit 2019 Generaldirektor der Lwiwer Nationalgalerie, er verantwortet damit eine der grössten Kunstsammlungen der Ukraine in rund zwanzig historischen Architekturkomplexen in und um Lwiw. In seinem Büro im Potocki-Palast mit Art-déco-Mobiliar und einem zauberhaften Wintersonnenlicht ist er so gut auf unser Gespräch vorbereitet, dass er nicht einmal mehr Fragen erwartet.

Unschwer erkennt man sein «Sentiment», wie er es formuliert, «fürs kulturelle Gedächtnis»: Unter dem Porträt des Grafen Franz Seraph von Stadion, der 1848 das Königreich Galizien und Lodomerien liberalisierte und die ukrainischen Bauern von der Leibeigenschaft befreite, liegt in Wozniaks Büro das Trümmerteil einer Shahed-Drohne. Es ist die Trophäe seines Schwiegersohns, der die Drohne am 16. Juli 2022 abgeschossen hat. «Keines seiner Ziele hat Putin erreicht», sagt der Politikwissenschaftler und frühere Sowjetoffizier Wozniak.

Ukrainische Bildung, Kultur und Kunst standen immer schon im Visier der einst sowjetischen, später russischen Aggression. Die ukrainischen Behörden schätzen, dass seit 2022 mindestens 1,7 Millionen Artefakte aus Museen und Archiven sowie Denkmäler verloren gegangen sind. «Aber schauen Sie …», sagt der Direktor strahlend und zeigt eine Statistik: «Unserer Kunst geht es sehr gut!» Die Ausstellungsbesuche haben sich seit 2022 beinahe verfünffacht, was ein deutliches Zeichen dafür sei, dass die Gesellschaft gerade in Kriegszeiten ein grosses Bedürfnis nach Kunst verspüre. In Lwiw zeigt sich das auch an den zahlreichen Galerien, die in den letzten Jahren entstanden sind.

Um die 65 000 Exponate der Nationalgalerie – von der Antike bis in die Moderne – zu schützen, hat Wozniak einen Monat vor der russischen Vollinvasion «bestimmte Massnahmen» für Haus und Personal getroffen. Der Direktor bleibt vorsichtig, wenn es um genauere Aussagen geht. Seine 300 Mitarbeiter:innen waren am 24. Februar 2022 «quasi mobilisiert», weil «bei genauer Betrachtung der politischen Umstände» der russische Angriff für ihn keine Überraschung mehr gewesen sei. Wie und wo seither rund ein Drittel der Sammlung für eine sofortige Evakuation gelagert wird, untersteht der Geheimhaltung. Andere Objekte sind in Ausstellungen ausserhalb des Landes am besten geschützt, weshalb regelmässig Leihgaben in Italien, Frankreich, Polen und im Baltikum gezeigt werden. Die Säle in Lwiw sind wie in allen grossen Museen der Ukraine derzeit Wechselausstellungen von Gegenwartskünstler:innen vorbehalten. Diese können auf die aktuellen Umstände reagieren und auch improvisierte Schutzräume für Ausstellungen nutzen.

Eine neue Zerbrechlichkeit

Als Vorreiterin hat die Lwiwer Künstlerin Antonina Denisiuc hier bereits vor Jahrzehnten internationale Gruppenausstellungen kuratiert und wurde als eine der ersten ukrainischen Kunstschaffenden in den neunziger Jahren zu Ausstellungen nach Westeuropa eingeladen. Mittlerweile finden sich ihre Arbeiten auch in grossen Sammlungen.

Ende Februar sitzen wir in ihrer Wohnung in Lwiw bei Borschtsch, selbstgebackenem Brot und dampfendem Quarkkuchen. Über den Innenhof des altösterreichischen Hauses reflektiert die Abendsonne von den gelben Fassaden warmes Licht in die hohen Räume. Die Ruhe ist trügerisch, für Notfälle ist auch hier alles vorbereitet. Zwischen Backofen und Mikrowelle eine elektrothermische Linoldruckpresse: Damit werden wir an einem Abend meditativ Linolplatten schneiden und dabei nicht an den Luftalarm denken. Auch so was ist in Lwiw auf Dauer eine existenzielle Massnahme, um den Kriegswinter zu überstehen.

Antonina Denisiuc mit zwei ihrer Gemälde
«Wie kann ich untätig bleiben?»: Die Künstlerin Antonina Denisiuc ist nach Russlands Vollinvasion aus Berlin nach Lwiw zurückgekehrt. Foto: Roman Shyshak

Nach dem Vollangriff Russlands hat Denisiuc 2022 ihr Atelier in Berlin geräumt und ist ganz nach Lwiw zurückgekehrt. «Wenn mein Land im Krieg ist, wie kann ich dann untätig bleiben?», fragt sie mit leiser, entschiedener Stimme und weit offenen Augen. Auf dem Weg zu ihrem Atelier schlägt sie einen Spaziergang durch den Stryjskyj-Park vor. Eine Gegend mit Jugendstilbauten, Wohnkomplexen der Neuen Sachlichkeit, aber auch ein für die Stadt legendäres Erholungsgebiet, das unlängst denkmalpflegerisch aufgefrischt wurde: neue Sitzbänke aus Holz, ein Skulpturenpfad und am Eingang der englischen Anlage ein Wildbienenhäuschen und Infotafeln über Vogelarten im Park.

1894 fand hier mit Pomp und Klamauk die Expo des liberalen, im Westen der Ukraine gelegenen Kronlands Galizien und Lodomerien statt. Dieses erhielt 1867 mit der Bildung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn nicht nur polnische, sondern auch ukrainische Abgeordnete im Wiener Reichsrat. Die Landesausstellung am Ende des 19. Jahrhunderts lockte innert nur vier Monaten eine Million Gäste an und wurde für die Stadt mit ihren rund 100 000 Einwohner:innen zum Aushängeschild vor allem technischer Innovationen sowie internationalen Wissensaustauschs.

Europäische Kulturgeschichte ist hier überall ablesbar – wie auch der ukrainische Freiheitskampf. Unweit des Parks haben im Juli 2023 russische Raketen einen historischen Wohnkomplex an der Stryjska-Strasse zerstört. Zehn Menschen verloren im Schlaf ihr Leben. Jetzt ist das Dach schöner als zuvor mit Ziegeln gedeckt, die Wohnungen sind wieder bewohnt.

Doch das latente Gefühl der Unsicherheit wühlt sich tief in die Seelen der Menschen. Denisiuc arbeitet «mit der Materie wie mit einem Körper, der ein Trauma erlebt hat». «Neue Rhythmen, eine neue Zerbrechlichkeit, eine neue Ehrlichkeit» fordere die Kunst heraus, sagt sie, um «unsere eigenen Überlebensstrategien zu verstehen». In der Ukraine herrsche «eine unglaubliche Energie, Schnelligkeit und Flexibilität», erklärt sie. «Wir können innerhalb kürzester Zeit unter höchster Anspannung eine grosse Veranstaltung organisieren, weil wir uns auf unseren Enthusiasmus und unsere sozialen Beziehungen verlassen können.» Denisiuc will Teil davon sein. Mit dem Verkauf kleinformatiger Linolschnitte unterstützt sie Künstler:innen, die an der Front dienen, und sie begleitet ein Kunstprojekt in einem Internat für beeinträchtigte Kinder.

Verkaufstheke mit Kuchen in einem Kaffehaus in Lwiw
An den Krieg gewöhnt man sich nie, aber an vielen Ecken blüht die Stadt auf: Kaffehaus in Lwiw. Foto: Judith Schifferle

Oberflächlich wirkt Lwiw mit seinen modernen Cafés, üppigen Kaffeehäusern, regionalen Boutiquen, jungen Modelabels, Start-ups, Plattenläden, den unzähligen Galerien und Jazzclubs in Hinterhöfen unzerstörbar. Man weiss, worauf es ankommt – und doch: An den Krieg gewöhnt man sich nicht. Aneignen lassen sich Strategien, schnelle Reaktion oder auch Hoffnungslosigkeit. Angst aber schreckt die Menschen immer und immer neu.

Antonina Denisiuc will daher weniger ein «Bild» als vielmehr einen physischen Zustand festmachen: «Die Schwingung, den Schmerz, die Spannung, die zerbrechlichen Momente des Lebens.» Sie sagt: «Alle meine Serien nach dem 24. Februar 2022 sind Versuche, die innere Landschaft eines Menschen zu erfassen, der inmitten einer Katastrophe lebt und weitermacht.» Materialien, erklärt sie, hätten «ihre eigene Erinnerung und ihre eigene Körperlichkeit»: Federn, Silikatkleber, Stein, Acryl, Papier. Diese verschiedenen «Stimmen» verbinden sich in ihrem Werk, und aus unvereinbaren Texturen entsteht eine «neue Sprache»: «Subtiler, körperlicher, gleichzeitig metaphysischer.»

Olesia Hryn begutachet mit einer Mitarbeiterin einen bedruckten Stoff
Gelbe Blüten gegen die Kälte: In Olesia Hryns Atelier rattern pausenlos die Nähmaschinen. Foto: Roman Shyshak

«Warum so viele Engel?»

Die Modedesignerin Olesia Hryn erzählt davon, wie ihre Branche in den letzten zwanzig Jahren aufgeblüht sei. Ihre Leidenschaft gilt der traditionellen Stickerei, deren Blumenmuster sie ihrem persönlichen Stil unterwirft und vom Wind der Gegenwart bestäuben lässt. Seit fünfzehn Jahren arbeitet sie selbstständig und hat zwölf Mitarbeiter:innen. Pausenlos rattern im kleinen Atelier die Nähmaschinen und übersäen den Stoff mit gelben Blüten gegen das Schneetreiben auf der Strasse. Hryns Kollektionen werden in der Innenstadt verkauft oder individuell auf Bestellung angefertigt. «Es gibt praktisch keine Wiederholungen», erklärt sie. Vor ihr liegen weiche, aber robuste Leinenstoffe, anmutig gezeichnete Entwürfe im Stil des japanischen Designers Kenzo. Hochwertige Naturfasern aus Italien, teils Mischgewebe.

Stil, betont sie, müsse nicht immer «schön» sein, und zieht aus einem Stapel von Zeichnungen und Stoffen ihr Lieblingsstück hervor: ein fest geformtes, sperriges Kostüm aus eingenähten Metalldrähten und einer Maske. Es könnte eine Uniform gegen Corona sein, genauso wie gegen Intoleranz gegenüber queeren Ideen oder selbstbestimmter Identität. Ihre ausgefallenen Stücke seien ausserhalb der Ukraine noch nicht erhältlich, bedauert Hryn. Erst in den letzten zwanzig Jahren habe sich im Land eine eigene Modesprache herausgebildet.

Modedesignerin Olesia Hryn sitzt an der Nähmaschine
Traditionelle Muster sieht sie als «Reservoir meditativer Kraft»:  Modedesignerin Olesia Hryn. Foto: Roman Shyshak

Lokales Gewerbe und ukrainische Kleiderläden begannen, wie Pilze aus dem Boden zu schiessen; unter der wachsenden Repression des Janukowytsch-Regimes unmittelbar vor der russischen Annexion der Krim 2013 sind viele von ihnen ebenso schnell wieder verschwunden. «Mode repräsentiert die Gefühle der Menschen», erklärt Hryn, «und sie ist ein sozialer Spiegel.» In traditionellen Mustern fänden die Menschen ihre Wurzeln und ihre Identität wieder. Kleidung sei «der Stoff, der uns im Leben am meisten berührt». Sie liest an ihm die Zeichen der Zeit und bezieht aus dem traditionellen Handwerk für die Gegenwart «ein Reservoir meditativer Kraft».

Im Zug zurück nach Polen ertönt kurz vor der Grenze noch einmal der Luftalarm. «Wir warten, bis die Drohnen gelandet sind, dann fahren wir in den Bahnhof ein», informiert uns die Zugbegleiterin stoisch. Im Schlafwagen von Odesa nach Przemyśl ruft eine Siebenjährige mit heller Begeisterung von der oberen Liege herab: «Mama, jetzt weiss ich, was ich einmal bekommen werde: einen Jungen namens Angel und ein Mädchen namens Angelina!» – «Warum so viele Engel?», fragt die Mutter zurück.

Wenige Tage später postet Künstlerin Antonina Denisiuc weisse Apfelblüten auf Facebook: Ihr Gemälde von 2008 trägt den Titel «Blumen aus dem Paradies». «Herzlichen Glückwunsch, Freunde! Diesen Winter haben wir gemeinsam überwunden!»