Nr. 04/2018 vom 25.01.2018

Der Gauner mit den netten Manieren

Von Brigitte Matern

War die Bussbereitschaft des Feinmechanikers echt? Er bereue seinen Fehler und werde sich bessern, soll er am 1. April 1871 nach seiner Verhaftung zu Protokoll gegeben haben. Rund 40 000 gefälschte Zwanzigrappenstücke hatte er bis dahin in Umlauf gebracht, einzeln gestanzt, geprägt und poliert. Ehrenrührig erschien ihm daran aber nichts. «Geldfabrikant» nannte er sich selbstbewusst: Mochte er auch gegen das Gesetz verstossen haben, ein Verbrecher war er nicht! Dass die Schweizer Justiz das anders sah, trug ihr zehn Jahre Spott und Hohn ein.

Zur Welt kam der hübsche Savoyer 1845 in Saint-Rémy-en-Bosses, einem Bergdorf am Südhang des Grossen St. Bernhard. Sein Vater war Schmied, was das Talent des Sohns bei der Metallverarbeitung förderte. Als 24-Jähriger musste er erstmals untertauchen, da er wegen Verdachts auf Falschmünzerei und wegen Diebstahls (ein Delikt, das er stets bestritt) steckbrieflich gesucht wurde. Er setzte sich mit seinem Handwerkszeug über die Grenze ins Wallis ab – wo zwei Jahre später aus dem Verdacht Gewissheit wurde: Als man ihn im Frühjahr 1871 in Martigny-Bourg verhaftete, hob man auch seine Fälscherwerkstatt aus, samt Esse, Hammer, Feilen, Chemikalien.

Den vier Jahren Haft im Kantonsgefängnis Sion entzog er sich jedoch durch Flucht und stanzte, prägte, polierte bald weiter. Mal hier, mal dort. Er war nicht zu fassen. Schnelle Orts- und Landeswechsel, Ermittlungspannen, nicht zuletzt aber die aufmüpfigen WalliserInnen verhinderten seine Ergreifung: Wo Polizisten auftauchten, wurden sie verlacht, ausgepfiffen, irregeführt. Es gab für sie auch wenig Grund, den freigebigen Falschmünzer auszuliefern. Dessen Rappen besassen mehr Wert als das windige Papiergeld der bankrotten Kantonalbank; selbst Gemeindepräsidenten besserten damit ihre klammen Kassen auf.

Schlussendlich stolperte der Gauner jedoch über seinen Charme. Er spielte Geige, konnte tanzen und besass so «nette Manieren», dass ihm manches Frauenherz zuflog. Als 1879 die blamierte Regierung zur finalen Hetzjagd blies – sogar ein stattliches Kopfgeld von 800 Franken war ausgesetzt –, verriet eine verschmähte Geliebte sein Versteck. Von den Verfolgern eingekesselt, stürzte der Falschgeldheld darauf bei Saillon in eine Schlucht. Ob er entkräftet ausrutschte, wie die Polizei festhielt, oder erschossen wurde, konnte nie geklärt werden.

Wer war dieser «Robin Hood der Alpen», der erst zu Tode gejagt, dann mit einer Gedenkmedaille geehrt wurde?

Wir fragten nach dem italienischen Falschmünzer Joseph-Samuel Farinet (1845–1880). Sein Leben inspirierte Charles-Ferdinand Ramuz zum Roman «Farinet ou la Fausse Monnaie» (1932), der von Max Haufler verfilmt wurde. In der Walliser Gemeinde Saillon, wo Farinet begraben liegt, wird sein Andenken noch heute gepflegt, etwa mit einem Falschgeldmuseum. Seit 2017 kann zudem in rund hundert Walliser Geschäften mit der Parallelwährung «Farinet» bezahlt werden. Empfohlene Lektüre: Willi Wottreng, «Farinet» (2008).

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