Nr. 47/2005 vom 24.11.2005

Der Ketzer

Von Brigitte Matern

Er war Koautor des Luis-Trenker-Films «Flucht in die Dolomiten», und in dem Spaghettiwestern «Requiescant» mimte er einen Pastor. Ansonsten aber war er Dichter, Romanschriftsteller, Filmemacher, Literaturkritiker, streitbarer Kolumnist – und am liebsten alles gleichzeitig, denn, so hat der 1922 geborene Marxist einmal gesagt, man dürfe nicht nur eine Sache im Kopf haben, es müsse eine ganze Konfusion sein. Kaum einer seiner Romane und Filme konnte ohne staatlichen Eingriff erscheinen: Rund dreissig Prozesse wurden gegen ihn angestrengt, meist wegen «Verletzung des Schamgefühls» oder «Verunglimpfung religiöser Symbole»; einige Anklagen zielten aber auch auf seine persönliche Integrität ab.

Obwohl er von den Vorwürfen immer freigesprochen wurde, herrschte in der Öffentlichkeit eine Stimmung gegen ihn, die zeitweilig an Lynchjustiz grenzte. Was das Bürgertum so empörte, war, dass er nicht nur Kommunist, sondern auch noch homosexuell war und der Gesellschaft Diskussionen aufdrängte, die sie nicht führen wollte.

Immer wieder legte er sich auch mit der Kommunistischen Partei an, warf ihr Verbohrtheit und gedankenlosen Konformismus vor, was ihn schliesslich zum Einzelkämpfer werden liess. Gerne hätte er am Ende noch der christdemokratischen Regierung den Prozess gemacht, die das ganze Land zu Schanden ritt. Doch dazu kam er nicht mehr: Gerade 53-jährig, wurde er unter Umständen ermordet, die bis heute nicht völlig aufgeklärt sind.

Wie heisst der Dichter und Denker, der bereits in den sechziger Jahren sagte, dass es nach dem Siegeszug des Neoliberalismus keine Bürger, sondern nur noch Konsumenten geben werde?

Wir fragten nach dem Filmregisseur, Dichter und Publizisten Pier Paolo Pasolini.

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