Landwirtschaft : Rot heisst nicht reif

Nr.  26 –

Warum bei Coop und Migros immer mehr Kirschen im Regal liegen, die kaum einen Geschmack haben.

Schön und grossfruchtig waren die Kirschen, die während der letzten Saison bei den Grossverteilern in der Auslage landeten. Doch sie überzeugten geschmack-lich nicht. Und sie kosteten neun bis zwölf Franken pro Kilo, also rund ein Drittel mehr als üblich. Wer statt dieser Luxussorten die althergebrachten Tafelkirschen kaufen wollte, wurde nur selten fündig.

Was war geschehen? Die Ernte bei den herkömmlichen Kirschen fiel zwar witterungsbedingt schlecht aus, wichtiger waren jedoch die Folgen einer Produktionsumstellung: Immer mehr ObstproduzentenInnen setzen auf Niedrigstammkulturen und damit auf die neuen Sorten, die während der Reifephase - manchmal sogar schon vorher - mit Plastikfolie überdeckt werden. Die Umstellung habe einen ökonomischen Hintergrund, erklärte letztes Jahr die landwirtschaftliche Schule Ebenrain bei Sissach in Baselland. Die Produktion herkömmlicher Kirschen sei zu aufwendig und zu teuer. Daher hätten die schweizerischen Obstproduzenten nach Alternativen gesucht - und sie, wie die KonsumentInnen letztes Jahr feststellten, auch gefunden.

Zu teuer

Doch wieso kosten denn die angeblich billigeren neuen Sorten im Laden mehr als die herkömmlichen Kirschensorten? Und gibt es für die alten Sorten keine KäuferInnen, die den angeblichen Mehraufwand gerne berappen würden? Schweizer Steinobst (nebst Kirschen auch Aprikosen und Zwetschgen) ist beliebt. Das wäre eine komfortable Ausgangslage für ProduzentInnen, auch wenn sie kaum subventioniert oder mit Direktzahlungen gestützt werden.

Die Bewirtschaftung alter Obstkulturen sei trotzdem nicht attraktiv, sagt Thomas Schwyzer vom Steinobstzentrum Breitenhof in Wintersingen BL, wo der Anbau vieler der neuen Sorten getestet wird. Das Pflücken der Kirschen ist arbeitsintensiv, die grossen, hohen Bäume bedeuten eine beträchtliche Unfallgefahr wegen der Brüchigkeit des Holzes. Schliesslich haben die schlechten Witterungsverhältnisse in den letzten Jahren das Geschäft unsicher gemacht, denn auch der Handel will keine Versorgungslücken, wenn er die Abnahme garantiert.

Die neuen Sorten sollten folglich günstiger sein als die alten. Sind sie aber nicht. Zwar ist der Aufwand tasächlich viel geringer, aber die Investitionskosten sind gross: Die Bäume haben nur eine kurze Lebensdauer, die Abdeckung und die Pflege der Kulturen kosten Geld, der Boden kann nicht zusätzlich genutzt werden. Es müssen zudem neue Maschinen für die Kalibrierung der Kirschen angeschafft werden.

Nicht bis zur Reife

Kalibrierung? Die KonsumentInnen, sagen die ProduzentInnen, wünschen heute, dass die Kirschen alle etwa dieselbe Grösse haben. Und zwar eine grosse Grösse. Die neuen, festfleischigen und eben auch grossen Sorten sehen gut aus im Offenverkauf, auch wenn der Geschmack umstritten ist. Die KonsumentInnen ziehen die neuen dunkelroten Früchte mitsamt ihrem Geschmack den herkömmlichen schwarzen vor, das belegen KonsumentInnentests. Heisst es. Auf Nachfrage kann dann aber niemand nähere Angaben über diese Tests machen. Klar ist, dass die neuen Niedrigstammkirschen einen geringeren Zu-ckergehalt aufweisen (was die KonsumentInnen wünschten, heisst es). Oder umgekehrt: Die Kirschen von ausgewachsenen Hochstammbäumen, sagt man beim Coop-Konsumentendienst offenherzig, bilden mehr Aromen und sind deshalb im Geschmack intensiver. Trotzdem werden die neuen Sorten forciert. Schliesslich, beobachten die Grossverteiler und ein Teil der ProduzentInnen, finden sie Absatz, was beweist, dass sie geschätzt werden.

Ganz falsch ist das nicht. KonsumentInnen verhalten sich widersprüchlich. Und viele lassen sich von den schönen neuen Sorten blenden. Manche Leute dürften vergessen haben, wie herkömmliche reife Früchte und Gemüse eigentlich schmecken. Die alten Walliser Steinobstsorten zum Beispiel sind am Verschwinden. Neue Sorten bei Tomaten garantieren eine bessere Haltbarkeit und können früher geerntet werden, was aber auch hier mit einer Geschmackseinbusse verbunden ist. Die neuen Niedrigstammkirschen sind länger haltbar, kommen aber deshalb oft nicht mehr zur Vollreife - was KonsumentInnen gerne übersehen.

Der grosse Wandel im Obstbau hat auch für Natur und Landschaft Konsequenzen. An die Stelle der alten grossen Fruchtbäume im Weideland treten Intensivkulturen, die zeitweise mit Plastik überdeckt werden. Letzteres hat immerhin einen unbestreitbaren Vorteil: Die so genannte Monilia-Krankheit, eine umweltbedingte Pilzerkrankung, die sich in den letzten Jahren rasant ausgebreitet hat, kann damit eingedämmt werden. Denn die Monilia-Krankheit, die ganze Kulturen in ihrem Bestand bedroht, liebt die Nässe. Deshalb fördert sogar die Forschungsstelle für biologischen Landbau (FiBL) neue Sorten, die in Niedrigstammkulturen angebaut und gedeckt werden. Allerdings, sagt Franco Weibel, Abteilungsleiter beim FiBL, liege das Augenmerk auf Kirschensorten aus Osteuropa, denn hier fänden sich geschmacklich befriedigende und sehr robuste Sorten, die ohne chemischen Pflanzenschutz auskommen.

Die Zucht der neuen Sorten ist ein Geschäft. Für die meisten Sorten müssen Lizenzgebühren bezahlt werden; Frankreich, die USA und neuerdings einige osteuropäische Länder teilen sich den Markt. Die Schweiz spiele dabei keine Rolle mehr, wie man bei Agroscop betont, der Eidgenössischen Forschungsanstalt in Wädenswil. Auch das gehört zur so genannten Modernisierung der Landwirtschaft, die sich den Gesetzen der Wirtschaftsliberalisierung zu beugen hat.

Schüttelkirschen

Die PromotorInnen einer naturnahen Landwirtschaft sind gefordert. Der Verband der kleinen und mittleren Bauern (VKMB), dessen Mitglieder noch oft alte Hochstammkulturen pflegen, geht einen pragmatischen Weg. Man setze auf Direktvermarktung und möchte hier noch weitere Anstrengungen unternehmen, wie VKMB-Geschäftsführer Herbert Karch sagt. Der Verkauf direkt ab Hof spielt dabei die grösste Rolle. KonsumentInnen, die wirklich frische und voll ausgereifte Ware haben wollten, müssten sich halt ein bisschen anstrengen.

Bei Pro Specie Rara hat man im Verbund mit Naturschutzorganisationen noch andere Wege ins Auge gefasst. Neben dem Direktverkauf will man vor allem die Verwertung fördern und verfolgt neue Absatzstrategien, zum Beispiel mit der Konservenindustrie. In diesem Zusammenhang gibt es sogar ein Pilotprojekt des WWF für Schüttelkirschen - die Züchtung neuer Hochstammsorten, die mit Schüttelmaschinen gelesen werden können.

Die Grossverteiler scheinen aber vor allem auf die neuen Luxussorten zu setzen. Karl Weisskopf, Mediensprecher von Coop, widerspricht vehement. Sie würden ihr Engagement für die Erhaltung der Hochstammkulturen weiterführen. Und sie seien bereit, den KonsumentInnen auch in Zukunft beides anzubieten - die neuen Sorten im Offenverkauf, die herkömmlichen im Gebinde. Bei der Migros tönt es ähnlich. Die KonsumentInnen sollen weiterhin die Wahl haben zwischen den grossfruchtigen «Premium»-Kirschen und den normalen Tafelkirschen.

Die Saison 2006 hat eben begonnen.