Nr. 42/2006 vom 19.10.2006

Der Anarchist

Von Brigitte Matern

Dann eben Bürgermeister! Jahrzehntelang hatte er die Misswirtschaft in seiner Wahlheimatstadt ­beobachtet. Nun, da es Chancen auf eine Veränderung gab, traute er dem allzu harmoniebedürftigen linken Establishment die notwendige Radikalität nicht zu. So bewarb er sich halt selbst um den Posten – dazu bedurfte es eines Verrückten, meinte er, «und da gabs wohl nur mich». Dass er bereits in den Vorwahlen unterlag, nahm er mit Erleichterung auf, immerhin war er schon 79 Jahre alt.

Sein Platz war ja auch eher auf der anderen Seite der Barrikaden. 1926 geboren und in einem engagierten Elternhaus aufgewachsen – seine Mutter versteckte WiderstandskämpferInnen, sein Vater schleuste jüdische Flüchtlinge in die Schweiz –, hatte er nach dem Krieg Kunst und Architektur studiert. Er entschied sich jedoch bald für die Bühne und fand dazu auch die passende Partnerin. Bertolt Brecht verpflichtet, wurde er einer der originellsten und beliebtesten Gesellschaftskritiker.

Der begnadete Lästerer, der sich um politische Korrektheit nicht schert und seinen Stücken gern lange Titel gibt, nahm alles aufs Korn, was Politik und Bourgeoisie an Angriffspunkten boten, und machte dabei auch vor Päpsten nicht halt. Immer wieder bezog er für seine Frechheiten Prügel: Vor allem in den siebziger Jahren stand Zensur für ihn auf der Tagesordnung, mehrfach wurde er direkt von der Bühne weg verhaftet, er erhielt sogar Morddrohungen. Und die beleidigten USA liessen ihn lange Jahre erst gar nicht einreisen.

Wie heisst der Dramatiker und Volksschauspieler, der bei der Überreichung eines renommierten ­Preises die illustren Jurymitglieder fragte, ob sie nun vollends den Verstand verloren ­hätten?

Wir fragten nach dem italienischen Komödienschreiber Dario Fo. Zum Erstaunen der Fachwelt und zum Entsetzen der Politik erhielt er 1997 den Literaturnobelpreis. Seine Partnerin, mit der er sich den Preis inoffiziell teilte, ist Franca Rame. 2004 brachte er, noch unter der Regierung Berlusconi, das Stück «L’anomalo bicefalo» («Das anomale Doppelhirn») auf die Bühne: Silvio Berlusconi und Wladimir Putin werden Opfer eines Attentats. Berlusconi, am Kopf schwer verletzt, wird eine Hirnhälfte des toten Putin eingesetzt. Nach der Rechnung «negativ plus negativ ergibt positiv» wird Berlusconi zum guten Menschen, der seine frühere Schlechtigkeit nicht fassen kann. Da die Aufführung des Stücks im Fernsehen nur ohne Ton gezeigt wurde, legten linke Verlage eine Videoaufnahme des Stücks ihren Zeitungen bei.

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