Nr. 46/2006 vom 16.11.2006

Der Antinationalist

Von Brigitte Matern

Als man 1868 das Militär gegen streikende Bandweber mobilisierte, lag er noch in der Wiege. Und selbstverständlich wusste er auch noch nicht, dass ein Arbeiter zu jener Zeit im Schnitt nur 35 Jahre alt wurde. Fern vom Überlebenskampf des Industrieproletariats wuchs er in einer kooperativ organisierten bäuerlichen Umgebung auf und bereitete sich auf eine Theologenlaufbahn vor.

Das notwendige Studium absolvierte er in Jena, Basel und Berlin. Mit 22 übernahm er dann die erste Pfarrei, mit 34 war er Münster­pfarrer. 1903 stellte ein Streik, gegen den erneut Truppen aufgeboten wurden (es war bereits das vierte Mal seit Beginn des neuen Jahrhunderts), endgültig die Weichen: Er stieg auf die Kanzel und erklärte öffentlich seine Solidarität.

Während die einen ob solcher Aktivitäten entsetzt waren, stimmten andere ihm zu, und es entstand eine Bewegung, die auf religiöser Basis Partei für die ArbeiterInnen und den Aufbau einer gerechten Gesellschaft nahm. Von nun an kämpfte der radikale Pazifist gegen Kapitalismus, Krieg und bürgerliche Gewaltstrukturen. Angesichts seiner Kritik auch an der institutionalisierten Kirche war es dann nur konsequent, dass er 1921 von seiner Professur für Systematische und Praktische Theologie zurücktrat, die er dreizehn Jahre lang innegehabt hatte. Von einem schmalen Redaktorengehalt lebend, widmete er sich nun der Arbeiterbildung und seinen Visionen von Sozialismus und Weltfrieden. Ausreichend Argumentationsstoff fand er dafür in der Bibel.

Wie heisst der auch international bekannte Schweizer Theologe, der Genossenschaften für die ideale Wirtschaftsform hielt und Gott in der Sozialdemokratie am Werk sah?

Wir fragten nach dem Schweizer Theologen Leonhard Ragaz, dem Mitbegründer der religiös-sozialistischen Bewegung in der Schweiz. Seine siebenbändige politische Interpretation der Bibel («Die Bibel – eine Deutung») erschien 1947, zwei Jahre nach seinem Tod. Er hob auch die Zeitschrift «Neue Wege» mit aus der Taufe, die in diesem Monat ihr hundertjähriges Bestehen feiert.

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