Nr. 43/2007 vom 25.10.2007

Der Wanderer

Von Brigitte Matern

Es kam ihm nicht ungelegen, als er eines Abends nach einem Ausflug vor den bereits geschlossenen Toren Genfs stand: Nach einer abgebrochenen Lehre als Gerichtsschreiber stand er in Ausbildung bei einem zur Gewalttätigkeit neigenden Graveurmeister. Das Leben musste noch etwas anderes bieten! Und so kehrte der Sechzehnjährige seiner verrammelten Heimatstadt den Rücken und marschierte in die Welt hinaus. Ein langes Wanderleben begann, das den 1712 geborenen Uhrmachersohn – nunmehr auf der Flucht –- bis nach England führte. Eine geregelte Erziehung hatte er bis dahin kaum genossen; sein Wissen speiste sich aus den Büchern seiner im Wochenbett verstorbenen Mutter, einer gebildeten Protestantin, und aus den Welt- und Kirchengeschichten seines Onkels. Bald nach seinem Aufbruch nahm sich jedoch eine adlige Waadtländerin des Jungen an. Sie legte ihm die Konversion zum Katholizismus nahe, gab ihm die Möglichkeit zur Weiterbildung und brachte ihn dann als Sekretär, Haus- und Musiklehrer in katholischen Adelshäusern unter. Er begann, Opern zu komponieren, betrieb botanische Studien, veröffentlichte musikalische Fachartikel, verletzte sich bei chemischen Experimenten und verbrannte sich schliesslich an einem Buch über Erziehung dermassen die Finger, dass er in Genf und Paris per Haftbefehl gesucht wurde. Auf seiner Flucht fand er kurzzeitig Asyl im preussischen Neuenburg; später kam er bei David Hume in England unter (mit dem er sich aber bald überwarf). Zwei seiner Bücher endeten auf dem Scheiterhaufen; seine staatstheoretischen Überlegungen machten den 1778 bei Paris verstorbenen Philosophen jedoch weit über die Französische Revolution hinaus berühmt.

Wie heisst der zweifache Konvertit, der Goethes «Werther» inspirierte und ein Leben lang Probleme mit der Blase hatte?

Wir fragten nach dem Genfer Philosophen Jean-Jacques Rousseau. Verbrannt wurden 1762 seine Schriften «Emil oder Über die Erziehung» und «Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts». Aufgrund seiner «Abhandlung über Ursprünge und Grundlagen der Unfreiheit unter den Menschen» gilt er als Vordenker des Sozialismus. Das Schicksal des verfolgten Kleinbürgers und Visionärs Rousseau bewegte die französischen Revolutionäre so sehr, dass sie seine Gebeine 1794 ins Pariser Pantheon überführten.

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