Nr. 49/2007 vom 06.12.2007

Bruder der Vergessenen

Von Brigitte Matern

In den Gerichtssaal führte man ihn in Handschellen, galt er doch als «Individuum mit ausgewiesenem kriminellem Potenzial». Angeklagt war er des Hausfriedensbruchs: Zusammen mit Hunderten Arbeits­losen hatte er «widerrechtlich ein Grundstück besetzt». Das Grundstück war allerdings nur eine marode Staatsstrasse, und die sollte nicht besetzt, sondern instand gesetzt werden. Dass er die Menschen dazu gebracht hatte, die Verbesserung der Infrastruktur selbst in die Hand zu nehmen und damit ihr Recht auf Arbeit einzufordern, trug dem Sozial­aktivisten fünfzig Tage Haft ein. Es sollte nicht sein letzter Prozess sein. Dabei hätte er es durchaus gemütlicher haben können. 1924 bei Triest geboren, war er bereits ein anerkannter Architekt und wirtschaftlich vorteilhaft verlobt. Sein soziales Gewissen hatte ihn 1952 jedoch in das sizilianische Fischerdorf Trappeto geführt, wo ihn das Elend und die Ignoranz der Behörden derart erschütterten, dass er blieb und eine Witwe mit fünf Kindern heiratete. Er lebte mit den Menschen, begann ihre Bedürfnisse und Wünsche wahrzunehmen und zeigte ihnen schliesslich, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können, wenn sie nur zusammenstehen. So entstanden nach und nach gegen Mafia-Interessen und korrupte Politiker ein Kinderhaus, ein Staudamm, ein Studien- und Initiativzentrum für Vollbeschäftigung, Produktionskooperativen, eine Schule. Dabei setzte der ehemalige Kriegsdienstverweigerer auf absolute Gewaltlosigkeit und Hungerstreiks, was die internationale Öffentlichkeit interessiert verfolgte und mit Spenden honorierte.

Wie heisst der umstrittene, 1997 verstorbene «Gandhi ­­Siziliens», zu dessen UnterstützerInnen auch Ber­trand Russell und Noam ­Chomsky zählten?

Wir fragten nach dem italienischen Sozialreformer, Antimafia-Kämpfer und Dichter Danilo Dolci. Seine Sozialstudien – unter anderem «Banditen in Partinico» und «Umfrage in Palermo» – führten Italien und der Welt erstmals die elenden Lebensumstände in Sizilien, aber auch die fatale Verstrickung von Politik und Mafia vor Augen. Seine Reformschule Mirto gab weit über Italien hinaus Denkanstösse für eine neue Pädagogik. Danilo Dolci wurde mehrmals für den Friedensnobelpreis nominiert.

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