Nr. 07/2008 vom 14.02.2008

Straflosigkeit, Gewalt und Poesie

Berichte über Gewalt, Drogen und Entführungen prägen die Wahrnehmung des Andenlandes. Der interne Konflikt dauert schon so lange, dass kaum noch jemand weiss, was eigentlich seine Ursachen sind.

Von Sonja Wenger

Immer wieder demonstrieren Millionen KolumbianerInnen gegen die Gewalt in ihrem Land, zuletzt Anfang Februar gegen die Guerillabewegung Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (Farc): «Keine Entführungen mehr, keine Lügen mehr, keine Farc mehr», stand auf den Bannern. Gleichzeitig kritisierten kolumbianische Menschenrechtsorganisationen, dass die «schweren und permanenten Verletzungen des humanitären Völkerrechts» auch durch andere bewaffnete Gruppen - einschliesslich der Armee - kein Thema wären und die Medien nur am Rand darüber berichteten.

Wie kommt es zu solchen widersprüchlichen Wahrnehmungen? Wie ist es möglich, dass der Präsident eines Landes über beste Beziehungen zu einem weltbekannten Drogenboss verfügt, in aller Offenheit mit paramilitärischen Gruppen verbunden sein kann - und trotzdem ein zweites Mal gewählt wird? Und welche Strukturen sind in einem Land wirksam, in dem immer wieder kritische Menschen in öffentliche Ämter und an die Spitze von sozialen und gewerkschaftlichen Bewegungen nachrücken, obwohl sie sich damit ein fast sicheres Todesurteil einhandeln?

Werner Hörtner hat viele Entwicklungen und Veränderungen in Kolumbien miterlebt. Seit Anfang der siebziger Jahre bereist er immer wieder das Land und hat dabei mit Guerillaführern, Präsidenten und AktivistInnen gesprochen. Der Titel seines Buches ist Programm: «Kolumbien verstehen - Geschichte und Gegenwart eines zerrissenen Landes». Und es ist keine leichte Kost. Indem er die Geschichte Kolumbiens seit der «Entdeckung» durch seinen Namensgeber Christoph Kolumbus in chronologischer Form aufzeigt, setzt er das Bild eines Landes zusammen, das beinahe unlösbar verstrickt ist in einem Teufelskreis aus zweckgerichteter Gewalt, chronischer Korruption und politischer Heuchelei.

Terrorisierte Bevölkerung

Das Buch ist streckenweise eine schwer verdauliche Aufzählung von Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten, die jeder Form des internationalen Völkerrechts spotten. Es zeigt das Schicksal einer Bevölkerung, die seit Jahrzehnten in unvorstellbarem Ausmass den Blutzoll in einem internen Dauerkonflikt bezahlt, bei dem es nie auch nur im Ansatz um die Bedürfnisse der Menschen ging. Mal sind es paramilitärische Einheiten, die mit der Armee zusammenarbeiten und die eigene Bevölkerung terrorisieren oder aus wirtschaftlichen Interessen von ihrem Land vertreiben. Mal ist es der gross angelegte Drogenhandel, der die Menschen zu Gefangenen macht. Dann wieder verschiedene Guerillas, die längst ihre Legitimation als FreiheitskämpferInnen verloren haben.

Insofern ist Hörtners Buch ein wichtiger Beitrag. Gerade weil es vor allem Fakten bietet und relativ frei von Pathos geschrieben ist, bietet es Gelegenheit, sich ein eigenes Bild zu machen, das nicht durch einseitige Stellungnahmen getrübt wird. Die Sympathien des Autors liegen ausschliesslich aufseiten der Bevölkerung. Eines seiner Hauptanliegen ist es zudem, neben rein politischen und historischen Informationen auch noch andere Aspekte über Kolumbien zu vermitteln. So hatte die Hauptstadt Bogotá lange die höchste Mordrate der Welt - gleichzeitig verfügt sie aber seit Jahren über eine fortschrittliche Verkehrspolitik, dank derer jeden Sonntag die Strassen für Autos gesperrt sind und sich die Bevölkerung mit Fahrrädern oder zu Fuss den urbanen Raum wieder aneignen kann.

Verständlich und analytisch

Durch kleine Einschübe, beispielsweise über die Initiative der Friedensdörfer oder das internationale Poesiefestival von Medellín, das als «Samen des Friedens» bezeichnet wird, durchbricht der Autor die allzu triste Darstellung der kolumbianischen Realität. Dennoch wünschte man sich noch mehr Beispiele und Geschichten des Widerstands und der Hoffnung. Auch ist «Kolumbien verstehen» kein Nachschlagewerk zu einzelnen Fragen. Zwar bietet die zweite, aktualisierte Ausgabe neu eine chronologische Übersicht, dennoch fehlt ein Glossar oder ein Stichwortverzeichnis. Man muss sich also auf das Buch einlassen. Dann allerdings versteht man tatsächlich, in welcher Form und vor allem in welchem Ausmass die «violencia», die Gewalt, bis heute als ein Mittel der Politik und zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen eingesetzt wird.

Zu viel erwartet wäre es, nach der Lektüre auch ein Verständnis für die Allgegenwart von Gewalt und die daraus resultierende Angst und Hilflosigkeit der Bevölkerung entwickeln zu können. Ein Blick auf die vielen einzelnen Schicksale würde den Rahmen des Buches sprengen. Das Buch bietet einen sehr verständlich geschriebenen analytischen Blick auf die Situation. Es benennt die «strukturellen Ursachen der Gewalt», klagt die beinahe vollständige Straflosigkeit der TäterInnen an und bildet eine hervorragende Grundlage: Nach der Lektüre kann man die widersprüchliche Berichterstattung über Kolumbien besser einordnen.

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