Nr. 13/2008 vom 27.03.2008

Der scheue Flüchtling

Von Brigitte Matern

War er ein illegitimer Sohn Kaiser Wilhelms II.? Oder vielleicht doch Jack London (der sich demnach nicht umgebracht hätte)? War er ein Halbbruder des Weimarer Politikers Walther Rathenau? Oder einfach Otto Feige, der Sohn eines Ziegelbrenners? «Verflucht noch mal!», mochte manch ein neugieriger Journalist unfreiwillig den letzten Satz eines seiner Werke zitiert haben: Die Herkunft des öffentlichkeitsscheuen Schriftstellers war einfach nicht
herauszubekommen. Immerhin bestätigte die Witwe nach seinem Tod ein anderes Gerücht: Dass er der Schauspieler und Publizist Ret Marut war, der von 1917 an in Deutschland eine verbotene anarchistische Zeitschrift herausgegeben und an vorderster Front bei der Münchner Räterepublik mitgemischt hatte. Kurz vor seiner Exekution war diesem die Flucht gelungen, sodass er 1924 in Mexiko notieren konnte: «Der Bayer aus München ist tot.» Er legte sich neue Identitäten zu, hielt sich als Ölarbeiter, Orangenpflücker, Urwaldroder, Händler über Wasser und begann Abenteuer­romane zu schreiben. Das Honorar nutzte er unter anderem für Expeditionen nach Chiapas – die Lebens­bedingungen der vom Kolonialismus geknechteten indianischen Urbevölkerung sind Gegenstand mehrerer seiner Romane. Er beschrieb deren Welt und die der GelegenheitsarbeiterInnen so grandios, dass er der ­damals noch gewerkschaftseigenen Büchergilde Gutenberg Millionenauflagen bescherte. Woher Ret Marut aber stammte und ob er wirklich so hiess, dieses Geheimnis lüftete er nicht einmal vor seiner Frau.

Unter welchem Pseudonym wurde der 1969 verstorbene Kapitalismuskritiker berühmt, der seine Asche über Chiapas verstreuen und Humphrey Bogart in der Sierra Madre nach Gold suchen liess?

Wir fragten nach B. Traven (?–1969). Sein «Das Totenschiff» wurde 1926 zum Bestseller. Mit «Verflucht noch mal!» endet «Die Regierung», der zweite von sechs Romanen des ­«Caoba-Zyklus» über die Hintergründe der Mexikanischen Revolution. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er als möglicher Nobelpreisträger gehandelt. Einige vermuten, dass sein Roman «Die weisse Rose» bei der Benennung der antifaschistischen Gruppe um die Geschwister Scholl Pate stand.

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