Nr. 15/2008 vom 10.04.2008

Der faule Schüler

Von Brigitte Matern

Als man ihn in die Grundschule zwang – nach einer Flucht vorsichtshalber in Begleitung zweier Soldaten –, war ihm, als führe man ihn in die ewige Knechtschaft. «Spiel den Idio­ten», hatte ihm seine Familie geraten, «dann lassen sie dich wieder gehen!» Und so gab er sich – wie die meisten seiner Klassenkameraden - die grösste Mühe: Er zerbrach das Schreibwerkzeug oder verlor es, stellte sich faul, und wenn es hiess, Stöckchen zu sammeln, um damit zählen zu lernen, schleppte er ganze Äste an. Wozu sollte die Schule auch gut sein: Er musste eine fremde Sprache lernen (die eigene zu sprechen war verboten) und sich die Geschichte eines Landes aneignen, das er gar nicht kannte
Irgendwann aber ging ihm auf, dass er das Wissen durchaus nutzbringend einsetzen könnte. Er absolvierte Schule und Militärdienst und schlug sich dann – Anfang der siebziger Jahre etwa zwanzig Jahre alt – in das Land durch, das sein Volk so lange unterjocht hatte.

Das Ethnologiestudium nahm er ernst; wichtiger und hilfreicher aber waren die Kontakte, die er knüpfte: EntwicklungshelferInnen, Präsidentengattinnen, JournalistInnen, Filmschaffende. Sie alle halfen ihm, das Leiden seines Volkes publik zu machen. Dessen Gebiet war seit der Entkolonialisierung auf drei Staaten verteilt. Dürrekatastrophen und staatliche Unterdrückung drohten die einst stolzen «blauen Menschen» kulturell und physisch auszulöschen. Als sie sich mit Waffen zur Wehr setzten, wurde er ihr Verhandlungsführer. Zwar erlebte er 1994 noch die Unterzeichnung eines Friedensvertrages; dessen Umsetzung einzufordern, gelang ihm aber nicht mehr: Auf dem Weg zum Premierminister des Niger explodierte sein Flugzeug.

Wie heisst der Reisebürobesitzer, der 1986 an der Rallye Paris-Dakar teilnahm?

Wir fragten wir nach dem Tuareg-Freiheitskämpfer Mano Dayak, der um 1950 im nigrischen Air-Bergland zur Welt kam und in der Sahara aufwuchs. Er studierte in Paris Ethnologie und gründete ein Reiseunternehmen, das westlichen TouristInnen die Möglichkeit gab, Leben und Kultur der Tuareg-Nomaden kennenzulernen. Deren Stammesgebiet ist seit dem Rückzug der französischen Kolonialmacht Anfang der sechziger Jahre im Wesentlichen auf die Staaten Niger, Mali und Algerien verteilt. Dayaks Autobiografie, «Geboren mit Sand in den Augen», ist 1997 im Unionsverlag erschienen.

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