Nr. 40/2008 vom 02.10.2008

Der Kirchenfeind

Von Brigitte Matern

In London, Rom, Lissabon, Berlin, Brüssel und Zürich hatte die Polizei alle Hände voll zu tun, aufgebrachte DemonstrantInnen von den spanischen Botschaften fernzuhalten. In Paris gab es sogar einen Toten und Verletzte. «Die feigen Mörder in Madrid» hatten es tatsächlich gewagt, den fünfzigjährigen Freimaurer hinzurichten. Die Anklage des Militärgerichts lautete auf «geistige Urheberschaft an einem Arbeiteraufstand». Verteidigen durfte sich der «Staats- und Kirchenfeind Nr. 1» nicht. Am 13. Oktober 1909 wurde er erschossen. Natürlich hatte der 1859 bei Barcelona geborene Buchhalter sozialistische Ideen im Kopf; wegen Teilnahme an Aufständen verbrachte er fünfzehn Jahre im französischen Exil. Zum Verhängnis wurde ihm jedoch, dass er dort das von der Kirche dominierte spanische Schulsystem infrage zu stellen begann. Zurückgekehrt, machte er sich sofort daran, eine Schule aufzubauen, in der statt religiöser Dogmen wissenschaftliche Erkenntnisse gelehrt wurden – im «Land der Analphabeten und Mönche» eine ungeheure Provokation. Schlimmer noch war, dass diese auf Vernunft, Freiwilligkeit und Solidarität basierenden Schulen grossen Zuspruch und bald auch Nachahmer fanden. Als sich 1906 die Möglichkeit bot, den Freidenker auszuschalten, griff die spanische Justiz zu: Nach einem Attentat auf das Königspaar verhaftete man ihn wegen angeblicher Mitwisserschaft. «Solange man in Spanien die Freiheit des Lesens, der Lehre und des Denkens aufrechterhält», würden sich solche Verbrechen wiederholen, bejubelte eine katholische Zeitschrift die Festnahme. Beweise fanden sich aber keine, und so wurde der Verhaftete dieses Mal noch freigelassen.

Wie heisst der Reformpädagoge, der die ArbeiterInnen aufforderte, sich selbst um die Ausbildung zu kümmern, da der Staat sich nur an den Bedürfnissen der Mächtigen orientiere?

Wir fragten nach dem Reformpädagogen und Publizisten Francisco Ferrer i Guàrdia (1859–1909). Er gründete 1901 die Escuela Moderna, die Moderne Schule, und gab verschiedene Schriften zu einer freiheitlichen und auf Solidarität setzenden Erziehung heraus. Mit der Gründung der in Paris ansässigen Internationalen Liga zur vernunftgemässen Erziehung der Jugend stiess er eine internationale Schulreformbewegung an.

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