Nr. 44/2008 vom 30.10.2008

Nichtgott und die Wirklichkeit als Müll

Dolf Hermannstädter gibt seit 1986 in Deutschland zweimonatlich das Hardcorepunkmagazin «Trust» heraus. Seine 125 Kolumnen der letzten zwanzig Jahre liegen jetzt als Buch vor.

Von Raphael Zehnder

Dolf Hermannstädter schlägt gerne drastische Töne an: «Du meinst, das kann man nicht machen, den ganzen Müll bekämpfen? Es geht hier nicht um Bekämpfen, es geht um Verteidigung. Du meinst, es würde doch gar kein Angriff geschehen? Dann nenn doch mal die Aggressivität des Geldes - militant. Wie sonst willst du auf Militanz reagieren als mit Verteidigung?» Die Wirklichkeit als Müll, der bekämpft gehört. Don Quijote 1986-2007?

Vietnamveteranen und Vegetarier

Hermannstädter, 1965 in Augsburg geboren und seit einigen Jahren in Bremen wohnhaft, ist kein Stilist. Rechtschreibung und Interpunktion liegen ihm nicht. Aber darum geht es nicht. Dem Fanzineherausgeber ist kein Thema fremd: Über den 11. September 2001 schreibt er, über Wirtschaftspolitik, über Musik natürlich, über Geschlechterrollen und Marketing. Gott oder bei Hermannstädter vielmehr: Nichtgott und die Welt sind sein weites Feld.

In den Kolumnen wechselt er das Thema nicht von Text zu Text, sondern mittendrin, er verfährt stets wild assoziativ: Allein in der Kolumne Nr. 99 vom April 2003 beginnt er beispielsweise mit Verflechtungen der Bush-Administration mit dem Ölgeschäft, blendet zurück zu Verbindungen der US-Wirtschaft mit jener des Dritten Reiches, gelangt irgendwie zu zwei israelischen Militärdienstverweigerern, landet bei Naziskinheads, schlägt einen Bogen zu einer umstrittenen Benefiz-Compilation zugunsten von Vietnamveteranen und fragt dann unvermittelt: «Wusstest du übrigens, dass die Fleischindustrie mit der grösste Wasserverschmutzer ist?». Und gipfelt, man ahnt es, im Aufruf: «Werdet Vegetarier!»

Anstrengend? Ja. Hermannstädter macht es einem nicht leicht. Alles geht ihn an, nie zuckt er die Schultern. Zu sehr vielem hat er eine Meinung, die er dann auch frisch und radikal niederschreibt. Schnell, mündlich, roh. Quellen nennt er nie, was nicht selten am Wahrheitsgehalt zweifeln lässt. Er tippt drauflos, subjektiv und ungebremst. Das ist gleichzeitig seine Schwäche und seine Stärke. Am fundiertesten ist er, wenn er aus seinem Umfeld schöpft: bei seinen Betrachtungen zum marketinggebeutelten Musikgeschäft. Am besten, wenn er persönlich wird. Vieles sonst wirkt gar schnell hingeworfen. Und doch, es geht mir wie Hermannstädter selbst, wenn er über einen anderen Fanzinkolumnisten urteilt: «Er spricht mir so oft aus der Seele, auch wenn er viel Mist schreibt.»

Nur kein Quatsch!

Warum mir Hermannstädters Schreibe dennoch ans Herz wächst? Weil er aufbegehrt und die gegenwärtige Ordnung nicht als Naturgesetz betrachtet. Weil er sich seine eigenen Gedanken macht und - meist - nicht einfach Gehörtes und Angelesenes reproduziert. Weil er nicht Mainstream ist, sondern sich mit Nachdruck positioniert: Er verkündet zum Beispiel, im Zusammenhang mit Hardcorebands wolle er - «alles andere ist Quatsch» - nur noch mindestens solches lesen: «We believe that music is about self-expression and communication - not sales points. And that a town is a town - not a ‹market›. We are a pro-gay, pro-choice, anti-organised religion and anti-racist punk band» («Wir glauben, dass es in der Musik um einen eigenen Ausdruck und um Kommunikation geht - und nicht um Verkaufserfolge. Dass eine Stadt eine Stadt ist und nicht ein Markt. Wir sind eine Punkband, die für Schwule und für Abtreibung, gegen organisierte Religion und Rassismus eintritt»). Genau wie diese von ihm zitierte ungenannte Band trägt Hermannstädter seine Überzeugungen vor sich her. Anstrengend? Ja, aber authentisch und ehrlich.

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