Nr. 35/2009 vom 27.08.2009

Das Emilia-Konzept

In der Region Emilia Romagna ist die Genossenschaftsbewegung ein zentraler Faktor der lokalen Ökonomie. Doch ihre Ziele verblassen. Aber nicht überall.

Von Stephanie Weiss, Reggio Emilia

In der wegen Hitze und Ferien tagsüber fast menschenleeren norditalienischen Stadt Reggio Emilia sind die GärtnerInnen der Genossenschaft Elfo auch im August auf den Strassen und in den Parks zu sehen: Sie tragen grüne T-Shirts mit der Aufschrift «Elfo» und Armeehosen. Oft sind sie tätowiert oder gepierct und machen auch sonst einen eher wenig elfenhaften Eindruck. Schon gar nicht wirken sie wie brave GärtnerInnen. Doch sie arbeiten konzentriert. Ab und zu wechseln sie ein paar Worte mit vorbeispazierenden PassantInnen. Es ist unschwer zu erkennen, dass ihnen die Pflege der Grünanlagen durchaus Spass macht. Die vor etwa zwanzig Jahren gegründete Sozialgenossenschaft ist eine von mehr als 4000 aktiven Genossenschaften in der norditalienischen Region Emilia Romagna.

Wie rot ist die Region?

Kaum irgendwo ist ein so hoher Anteil der Beschäftigten in Genossenschaften tätig wie in dieser Region. Diese Genossenschaften sind in einem der zwei grossen Verbände vernetzt: Entweder in der 1886 gegründeten und historisch der Arbeiterbewegung nahe stehenden ehemals «roten» Legacoop oder in der ursprünglich katholischen. Sie sind in fast allen Sektoren tätig – im Bauwesen, in der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion, in Forschung, Einzelhandel und dem Dienstleistungsbereich, etwa dem Gesundheitswesen. Kein Wunder also, dass die wirtschafts-, sozial- und arbeitsmarktpolitische Bedeutung der Genossenschaften ausgesprochen hoch ist. Sie sorgen in der Emilia Romagna für mehr als vierzig Prozent des Bruttoinlandsprodukts, zwei von drei EinwohnerInnen sind Mitglieder einer Kooperative, 85 Prozent der sozialen Dienstleistungen werden von Genossenschaften erbracht. Das Pro-Kopf-Einkommen der emilianischen Bevölkerung liegt dreissig Prozent über dem nationalen Durchschnitt, während die Arbeitslosenquote mit vier Prozent im nationalen Vergleich fast verschwindend gering anmutet.

Die emilianische Genossenschaftsbewegung mit ihren Grundsätzen der Demokratie, Selbsthilfe, Solidarität und der strikten Ablehnung des privaten Gewinnstrebens, ist früher nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch ausserordentlich stark gewesen. Doch wie sieht die Situation heute aus? Inwieweit sind die emilianischen Genossenschaften heute in der Lage, auf die soziale Frage eine solidarische und kollektive Antwort «von unten» zu geben, wie rot ist die Region heute tatsächlich? Der Wirtschaftswissenschaftler Enzo Grappi und der Direktor des Instituts für die Geschichte des Widerstands Istoreco (vgl. «WOZ-Reise Italien»), Vanni Orlandini, wirken nachdenklich. «Eine ausschliesslich positive Analyse der heutigen Genossenschaftsbewegung ist nicht möglich», sagt Orlandini, der vor kurzem noch Präsident der regionalen Legacoop war. Zu vielfältig und widersprüchlich seien die gegenwärtigen Tendenzen in den Kooperativen. Denn auf der einen Seite steige die Bedeutung der Genossenschaften, sie würden die Krise wirtschaftlich ganz gut überstehen. Doch Grappi und Orlandini sind sich einig: Die Genossenschaftsbewegung hat es auf der anderen Seite in vielen Bereichen nicht geschafft, sich der kapitalistischen Hegemonie entgegenzustellen. Vielmehr akzeptiere sie zu sehr den Konkurrenzgedanken und passe sich den Regeln des Marktes an. Auch weil sie sonst kaum eine Chance hätte. So würden bei grossen Genossenschaften oft ManagerInnen an die Spitze gestellt, die wenig mit der ursprünglichen Bewegung und ihren Grundsätzen zu tun hätten. «Ihr Gehalt und ihre Entscheidungskompetenzen stehen zu den Löhnen und den Befugnissen der einfachen Genossenschaftsmitglieder vielmals in keinem Verhältnis», sagt Grappi. Schlechte Bezahlung, problematische Dienstverträge und fehlende Arbeitslosenversicherung seien immer häufiger anzutreffen. Besonders im Gesundheitswesen sehen sich die Kooperativen, die im Betreuungssektor einen grossen Bereich abdecken, oft dazu gezwungen: Wenn sie öffentliche Ausschreibungen gewinnen wollen, müssen sie die Kosten niedrig halten.

«Einer für alle, alle für einen»

«Die Sozialgenossenschaften spiegeln die historischen Grundsätze der Bewegung noch am ehesten wider», sagt Orlandini. Es gibt Sozialgenossenschaften, die zu mindestens dreissig Prozent sozial benachteiligte Personen beschäftigen. Ihnen bieten die Sozialgenossenschaften nicht nur eine Integration in den Arbeitsmarkt, sondern auch eine Berufsausbildung und einen geschützten Arbeitsplatz. Lorenzo Imberti, Mitglied und Gärtner bei Elfo, deren GenossInnen alle weitgehend dasselbe verdienen, sieht «seine» Genossenschaft als durchaus gelungenes Beispiel an: Sie basiere tatsächlich auf den Prinzipien der Selbsthilfe, Demokratie und Arbeiterverwaltung. Die arbeitenden Freigänger und ehemaligen Drogenabhängigen, die bei einem privaten Unternehmen wohl kaum eine Chance hätten, können hier abseits kirchlich-repressiver Einrichtungen wieder Selbstwertgefühl und Stabilität finden und sich ein stabiles Einkommen sichern. Sozialgenossenschaften wie Elfo setzen damit um, was als Motto am Anfang der Arbeiter- und Genossenschaftsbewegung stand: «Einer für alle, alle für einen».

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