Nr. 46/2009 vom 12.11.2009

Smarter Rebell

Von Brigitte Matern

War er nicht antiklerikal erzogen worden? Wollte er nicht Jura studieren? War er nicht verlobt? Wieso wollte er nun Mönch werden! Die Mutter des 1929 in Bogotá geborenen Akademikersohns war entsetzt. Am Ende aber fand sich ein Kompromiss: Ins Kloster durfte er nicht, dafür das Priesterseminar besu­chen   – irgendwann käme er sicher zur Vernunft. Doch der Neunzehnjährige hielt durch: 1954 empfing er die Priesterweihe. Die Kirchenoberen waren zunächst entzückt über den sozial engagierten Geistlichen mit den guten Kontakten zur liberalen Oberschicht. Mit Leuten wie ihm konnten sie diese vielleicht zurückgewinnen und, ohne am System zu rühren, die sozialen Unruhen in den Griff bekommen! Sie schickten ihn zum Soziologiestudium nach Belgien an die Katholische (Elite-)Universität Leuven. Dummerweise stellte man dort, auf der Suche nach einer glaubwürdigen christlichen Alternative, die herrschenden Systeme Kommunismus und Kapitalismus in Frage. Der unorthodoxe Priester war begeistert. 1959 kehrte er heim; er solidarisierte sich als Universitätsseelsorger mit den Forderungen der aufgebrachten StudentInnen, analysierte als Soziologieprofessor die Gewalttätigkeit der kolumbianischen Gesellschaftsstruktur und erkannte auf seinen Reisen für das Institut für Landreform - die Kurie hatte den Volkstribun aller Universitätsämter enthoben –, wie unermesslich die Not der Landbevölkerung war. Zwar konnte er noch ein Bündnis gegen die Kaffeebarone, Grossgrundbesitzer, Bankiers und Ölmagnaten schmieden; als dieses sich 1965 aber heillos zerstritt, tauchte er ab. Kurze Zeit später rief er aus den Bergen das kolumbianische Volk zum bewaffneten Kampf auf.

Wer war der in den Laienstand zurückversetzte Guerillero, der die Revolution für ein christliches Gebot hielt und dafür starb?

Wir fragten nach dem kolumbianischen Pries­ter und Soziologen Camilo Torres Restrepo (1929–1966). 1965 schloss er sich der Nationalen Befreiungsarmee ELN an und wurde wenige Wochen später von einer Militärpatrouille erschossen. Seine an der Gegenwart orientierte Interpreta­tion eines lebendigen Christentums gab der Befreiungstheologie einen wichtigen Anstoss. Der «padre revolucionario» wurde in einem Nachruf als «Prometheus» gefeiert, «der den Göttern die Macht des Feuers geraubt und es dem Volk übergeben hat». Daniel Viglietti, Sänger und Komponist aus Uruguay, schrieb für den lateinamerikanischen Volkshelden das Lied «Cruz de luz» (Kreuz aus Licht).

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