Nr. 27/2010 vom 08.07.2010

Ölige Tagträume

Noch in diesem Jahr soll das erste Erdöl exportiert werden. Afrikas jüngster Ölstaat will dann vieles besser machen als sein Nachbar Nigeria – doch die Hoffnungen dürften überzogen sein.

Von Marc Engelhardt, Takoradi

Selbst der Dauerregen, der in diesen Tagen Ghana heimsucht, kann die Begeisterung im Land kaum dämpfen. Während die Armee ausrückt, um die Armen der Hauptstadt Accra aus ihren überfluteten Armenvierteln zu retten und die Sturzfluten Hauptverbindungsstrassen weggerissen und ganze Landesteile isoliert haben, träumen die meisten GhanaerInnen von einer glänzenden Zukunft.

Dass die Black Stars, Ghanas Nationalelf, bei der Weltmeisterschaft in Südafrika zwischenzeitlich zum Hoffnungsträger für ganz Fussballafrika aufgestiegen sind, ist nur ein Grund für das neue Nationalbewusstsein. Der Kellner Steven Ademor fasst die Überzeugung vieler Landsleute so zusammen: «Uns Ghanaer kann niemand aufhalten, weder im Fussball noch sonst.» Seine Heimat sieht er auf dem steilen Weg nach oben. «In ein paar Jahren haben wir Nigeria und sogar Südafrika abgehängt.»

Nigerianische Krankheit

Der Stoff, aus dem nicht nur Ademors Träume sind, ist das Erdöl. Im Oktober beginnt der Export von Rohöl aus dem Jubilee-Feld im Golf von Guinea vor Ghanas Küste. 125 000 Barrel – knapp zwanzig Millionen Liter – sollen hier zunächst täglich gefördert werden, für die Staatskasse bedeutet das Einnahmen von jährlich über einer Milliarde Franken. Mit der Erschliessung weiterer Ölfelder unter dem Meeresgrund in den kommenden Jahren soll diese Summe sich vervierfachen, schätzen ExpertInnen. Die Regierung sagt ein Wirtschaftswachstum von jährlich mindestens zehn Prozent voraus.

«Nicht sinnlos prassen»

Kaum irgendwo ist der Aufschwung so deutlich zu sehen wie in Takoradi. Die einst verschlafene Doppelstadt, die gemeinsam mit der Nachbargemeinde Sekondi inzwischen mehr als 300 000 EinwohnerInnen zählt, hat sich zur Küstenmetropole gemausert und wächst unaufhörlich. Takoradi befindet sich auf halber Strecke zwischen Accra und der Grenze zur Elfenbeinküste – kaum 150 Kilometer vom Jubilee-Ölfeld entfernt. Von Takoradi aus werden die Ölarbeiter auf die Bohrinseln gebracht, im Hafen der Stadt wird das Rohöl aus einer Pipeline auf Tanker gepumpt und verschifft. In unmittelbarer Nähe des Reichtums erhoffen sich Unternehmerinnen und Glücksritter, UniabsolventInnen und Ungelernte etwas vom Reichtum abzubekommen.

Edwin Phillips gehört zu denen, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort investiert haben. Phillips hat in Takoradi vor einigen Jahren eine Grossschneiderei für Arbeitskleidung eröffnet. Als 2007 die Ölfunde gemeldet wurden, stellte er flugs seine Produktion um. Inzwischen schneidert er nicht nur Blaumänner, sondern auch Sicherheitsanzüge für Arbeiter auf den Ölplattformen vor der Küste. «Seit dem vergangenen Jahr hat sich mein Umsatz verdreifacht», sagt Phillips. Zurzeit beschäftigt er fünfzig Angestellte in zwei Schichten. «Aber wenn die Nachfrage weiter so steigt, werde ich Dreischichtbetrieb einführen und rund um die Uhr arbeiten.» Phillips hofft, dass die Regierung die Ölmilliarden richtig anlegen wird. «Ghanas Infrastruktur ist nicht der Rede wert, da muss richtig investiert werden», sagt er. Und wie viele andere warnt er vor der «nigerianischen Krankheit»: «Wir müssen auch Geld für die Zukunft zurücklegen, nicht einfach nur sinnlos prassen, wie die Nigerianer es gemacht haben.»

Keine AmateurInnen

Tausende hoffen, wie Phillips vom Ölboom profitieren zu können. Wer auf der Küstenstrasse durch staubige Fischerdörfer nach Takoradi kommt, sieht sofort den Aufbruch: renovierte, frisch gestrichene Häuser und viele Neubauten, an denen Werbetafeln und Firmenschilder glitzern. Die Preise für Bauland und Immobilien, so heisst es, sind explodiert. UnternehmerInnen planen Hotels und Golfanlagen für die erwarteten ArbeiterInnen aus Übersee; StudentInnen an der örtlichen Hochschule belegen Kurse in Mechanik und Ingenieurswissenschaften, um einige der hoch qualifizierten Stellen abzubekommen, die auf den Ölplattformen vergeben werden.

Mit grosser Wahrscheinlichkeit sind die Erwartungen überzogen: An Bord der Bohrplattform Erik Raude etwa arbeitet nur eine kleine, hoch qualifizierte Crew mit SpezialistInnen aus der ganzen Welt. Die Operation kostet eine Million US-Dollar pro Tag. «Für Amateure», sagt ein Mitarbeiter des irischen Ölunternehmens Tullow im Schutz der Anonymität, «ist da kein Platz.»

Der gleiche Mitarbeiter bemängelt, dass die Regierung es derzeit versäumt, Pläne für Takoradi zu entwickeln, etwa für Strassen, öffentliche Bauten und Einrichtungen wie Krankenhäuser. Und Thomas Manu, der für Ghanas staatliches Mineralölunternehmen National Petroleum Corporation (GNPC) arbeitet, stimmt zu: «Ghana schläft mit offenen Augen, wenn es ums Ölgeschäft geht.»

Bei vielen Gelegenheiten, vom Ölgeschäft zu profitieren, scheitern ghanaische Firmen aufgrund ihrer geringen Grösse: Als es etwa um die Versicherung der Ölbohrplattformen ging, wollte die GNPC ein lokales Unternehmen beauftragen. Doch bald stellte sich heraus, dass keine ghanaische Versicherung genug Kapital besitzt, um die gigantische Operation abzusichern. Eine Fusion lehnten die Versicherungen aber ab – der Auftrag ging folglich ins Ausland.

Mit skeptischem Blick sieht auch Chief Nana Kobina Nketsia V, das Oberhaupt der traditionellen Autoritäten der Region Essikado, in der die Doppelstadt Sekondi-Takoradi liegt, den neuen Ölreichtum. «Die Leute hier müssen an der Öloperation beteiligt werden. Und dabei geht es nicht darum, nur ein bisschen Geld hierzulassen», sagt Nketsia. «Öl kann ein Fluch sein, wenn die Menschen sich ausgeschlossen fühlen.» Er fürchtet, dass es auch in Ghana zu Unruhen wie im Nigerdelta kommen könnte, wenn verarmte Jugendliche sich als vermeintliche Opfer der Ölförderung zusammenschliessen und bewaffnen. Um die Gewinne möglichst weit zu streuen, fordert er, dass kommunale Unternehmen und viele, kleine Jobs geschaffen werden. «Wir haben Fischer, die jeweils für zwei, drei Wochen aufs Meer hinausfahren – können die zum Beispiel nicht auch für die Sicherheit der Ölbohrplattformen eingesetzt werden?» Nketsia glaubt, dass es auch im Interesse der Ölkonzerne ist, vor Ort Geld auszugeben. «Wie sehr die Welt heute auf solche Unternehmungen schaut, zeigt nicht zuletzt das Unglück im Golf von Mexiko.»

Auch was abhaben

Doch kritische Worte wie die von Nketsia sind selten in Ghana, das im Index der menschlichen Entwicklung des Uno-Entwicklungsprogramms weit hinten auf Platz 152 rangiert. In Armenvierteln wie Ashaiman, das am Rand der Hauptstadt Accra liegt, wollen die BewohnerInnen nur eins: etwas vom Geldsegen abhaben. «Ich verdiene 55 Cedi im Monat», sagt der Lehrer Felix Akwafo. Das entspricht etwa vierzig Franken. «Zwanzig gehen für die Miete drauf, dann bleibt etwa ein Cedi, den ich pro Tag für alles andere ausgeben kann.» Doch die Preise für Yams, Cassava, Reis oder Bohnen – Grundnahrungsmittel in Ghana – steigen ständig. «Ich versuche schon, mit Nachhilfestunden ein bisschen Extrageld zu machen, aber auch die Eltern sind knapp bei Kasse.» Der Staat, so Akwafo, müsse den Armen direkt unter die Arme greifen – anders gehe es nicht.

«Alles wird grösser, protziger, besser, und davon will ich was abhaben», sagt auch Baba, ein junger Mann mit Schnurrbärtchen, der im Schatten einer der vielen Baustellen im Zentrum von Accra Bleistifte verkauft. In Erwartung des Ölreichtums erlebt auch Accra einen beispiellosen Aufschwung. Hotels, Bürohochhäuser und Einkaufszentren werden aus dem Boden gestampft. Indische und chinesische Bautrupps haben rechtzeitig vor der Wahl Ende 2008 den neuen Präsidentenpalast fertiggestellt; Kosten: fünfzig Millionen US-Dollar. Um diese und andere Rechnungen bezahlen zu können, verschuldete sich Ghana mit 750 Millionen US-Dollar. Internationale KreditgeberInnen rechnen damit, dass die zukünftigen Petrodollars alle Schulden und Zinsen begleichen werden.

Vor einem solchen Leben auf Pump warnt Ghanas Präsident John Atta Mills, von Haus aus Ökonom. Er will es langsam angehen lassen und die Einnahmen aus den Öl- und Gasfunden nutzen, um Ghana zu industrialisieren. «Wir brauchen eine diversifizierte Ökonomie für das 21. Jahrhundert», sagt Atta Mills. So will der Präsident eine petrochemische Industrie fördern, die günstigen Kunstdünger produziert. Ein Entwicklungsfonds soll den überwiegend armen BäuerInnen helfen, dringend benötigte Investitionen vorzunehmen. Parallel will der Präsident die nötigen Fabriken schaffen, um ghanaische Ressourcen vor Ort zu verarbeiten. Lokal gewonnenes Bauxit könnte so in einer Aluminiumindustrie veredelt, Eisenerz in neuen Hochöfen verhüttet werden. Schliesslich soll der neue Reichtum genutzt werden, um neue Kraftwerke zu bauen, das Stromnetz auszuweiten und die Wasserversorgung der Bevölkerung zu sichern. Neue Strassen und eine Eisenbahn runden den Plan ab. Damit würden Jobs für Zehntausende SchulabgängerInnen geschaffen, die derzeit meist in der Arbeitslosigkeit landen.

Erste Korruptionsskandale

Doch ob die Pläne verwirklicht werden, bleibt abzuwarten. Bereits sind die ersten Korruptionsskandale im Zusammenhang mit dem neuen Ölreichtum aufgedeckt worden. So soll die Scheinfirma EO Group, deren GesellschafterInnen offensichtlich dem früheren Präsidenten John Kufuor nahestehen, sich in einen Teil des Jubilee-Ölfelds eingekauft und versucht haben, ihren Anteil dem US-Ölkonzern ExxonMobil zu verkaufen. Zwar hat Atta Mills den Verkauf gestoppt, doch die Hintergründe des Handels sind immer noch nicht vollständig geklärt. Angeblich war der Erlös für die Parteikasse von Kufuors Partei bestimmt, die derzeit in der Opposition sitzt. 2012 wird in Ghana wieder gewählt.

Doch während Atta Mills, der als integer gilt, noch versucht, die korrupten Strukturen seiner Vorgängerregierung zu entschlüsseln, wird Ministern in seinem Kabinett bereits vorgeworfen, sich durch die Neubauprojekte oder an den Öleinnahmen zu bereichern. Viele GhanaerInnen vertrauen nicht darauf, dass das Geld richtig zugunsten der Bevölkerung angelegt wird. Es wäre ihnen deshalb lieber, die Regierung würde die Ölmillionen in Preissenkungen für Grundnahrungsmittel investieren: «Dann haben wenigstens nicht nur die da oben was davon», sagte eine der vielen Strassenverkäuferinnen in Accra.

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