Nr. 49/2011 vom 08.12.2011

Theater

Geld und Gott und Trash

Mass & Fieber, die Gruppe um Brigitte und Niklaus Helbling (Text und Regie), wagt sich in ihrer aktuellen Produktion «in die Kampfzone Komödie» – ganz so, wie es sich geziemt für ein fortschrittliches Theater, das sich mit den Tragödien der Gegenwart auseinandersetzt.

Nach der Uraufführung im August am Zürcher Theaterspektakel und Gastspielen in Deutschland startet sie nun in Bern ihre Schweizer Tournee. In «Geld und Gott» geht es unübersehbar um Leben und Sterben im Finanzkapitalismus – und darum, wie man sich allenfalls doch noch einen Weg «aus dem überinformierten Konsum- und Opferschicksal» bahnen könnte.

Wie immer bei Mass & Fieber ist ein rasanter Abend (Musik: Martin Gantenbein) zu erwarten: eine «Superhelden-Komödie nach Dante», in der sich die Ereignisse überstürzen und es an einer Party auf der Jacht Purgatoria des Bonzen Otto Gott zur folgenreichen Wiederbegegnung von fünf Menschen kommt.
Adrian Riklin

Mass & Fieber, «Geld und Gott» in: Bern Schlachthaus Theater, Do und Sa, 8. und 10. Dezember, 20.30 Uhr. So, 11. Dezember, 18 Uhr. www.schlachthaus.ch / www.massundfieber.ch

Lesung

Martin R. Dean, mit Koffer

Als Romanautor hat sich Martin R. Dean längst in die Schweizer Literaturgeschichte eingeschrieben. Auch als Essayist schaltet sich der 56-Jährige immer wieder in die Öffentlichkeit ein: Als Mitglied des Netzwerks «Kunst+Politik» oder auch als Gastautor in der WOZ setzt er sich regelmässig für ein weltoffenes Klima im Land ein.

In Zürich liest Dean aus seinem jüngsten Roman, «Ein Koffer voller Wünsche». Wie schon in «Meine Väter» (2003), nimmt der Kosmopolit seine eigene Herkunftsgeschichte – Mutter Schweizerin, Vater aus Trinidad – als Ausgangspunkt für eine literarische Spurensuche und Auseinandersetzung zu und über Identität. Das Gespräch mit Dean führt Bettina Spoerri.
Adrian Riklin

Martin R. Dean, «Ein Koffer voller Wünsche» in: Zürich Literaturhaus, Mi, 14. Dezember, 20 Uhr. www.literaturhaus.ch

Ausstellung

Gigon Guyer

Leuchtende Abbilder von dreissig Bauten der Zürcher ArchitektInnen Annette Gigon und Mike Guyer schmücken die Arkadenhalle der Zürcher ETH: Museen, Wohn- und Bürobauten, unspektakuläre Um- und spektakuläre Neubauten. Von der ETH-Terrasse aus lässt sich mit dem Prime Tower auch gleich noch ein hochaufragendes Original vor dem Abendhimmel betrachten.

Die Ausstellung und ein Buch versammeln Arbeiten, die in den vergangenen zehn Jahren entstanden sind. In einer Broschüre, die gratis abgegeben wird, sind zusätzliche Informationen und Pläne abgebildet.
Fredi Bosshard

Annette Gigon / Mike Guyer in: Zürich ETH Zentrum, Haupthalle, Do, 8. Dezember, 18 Uhr, Auditorium Maximum. Begrüssung: Vittorio Magnago Lampugnani. Einführung: Philip Ursprung, Arthur Rüegg, Lars Müller. Mo–Fr, 8–22 Uhr, Sa, 8–17 Uhr. Bis 26. Januar. www.gta-arch.ethz.ch

Im Herzen Kurdistans

Eineinhalb Flugstunden von Istanbul liegt Diyarbakir, grösste Stadt im kurdischen Südosten der Türkei. Die KurdInnen nennen die Stadt Amed, für viele ist sie ein Sehnsuchtsort, den sie einmal im Leben mit eigenen Augen sehen wollen.

Anfang November waren 35 Studierende der Fachhochschule St. Gallen (Fachbereich Soziale Arbeit) zu Besuch in Dyiarbakir. Hier, in der inoffiziellen Hauptstadt der KurdInnen mit einer Million EinwohnerInnen, in der es immer wieder zu Konflikten zwischen KurdInnen und TürkInnen kommt, trafen die Studierenden Politikerinnen, Menschenrechtsaktivisten und Sozialarbeiter. Die dabei enststandenen Fotos sind nun in der Ausstellung «Im Herzen Kurdistans – am Ende der Türkei» zu sehen. An der Vernissage wird Denis Graf (Amnesty International) eine Ansprache halten.
Silvia Süess

«Im Herzen Kurdistans – am Ende der Türkei» in: Rorschach Aula der Fachhochschule St. Gallen, Fachbereich Soziale Arbeit, Industriestrasse 35, 
Do, 8. Dezember, 18 Uhr, Vernissage. Ausstellung ab 9. Januar bis März.

Konzert

Ingrid Laubrock Octet

Die aus dem Münsterland stammende Saxofonistin Ingrid Laubrock ist über Berlin und London in New York gelandet. In London hatte sie sich bald ihren Platz erspielt und zuerst ein Quintett, später ein Nonett gegründet. Für diese Ensembles schreibt sie eigenständige Kompositionen, die von der Polystilistik der neunziger Jahre geprägt sind. Mit Liam Noble konzertierte sie im Duo, bevor der Schlagzeuger Tom Rainey dazustiess. Man kannte ihn als gewieften Schlagzeuger aus den Bands von Tim Berne und Drew Gress.

Auch in New York hat sich Laubrock schnell integriert und für ihr Ensemble den Kreis erweitert: Mary Halvorson wurde in der Umfrage des renommierten Jazzmagazins «Down Beat» im «Critics’ Poll 2011 – Rising Star» als Gitarristin auf den ersten Platz gesetzt. Sie ist Teil einer aufregenden jungen Szene, die sich in Brooklyn gebildet hat und zu der auch der Akkordeonist Ted Reichman gehört. Die Verbindungen zu Tom Arhus (Trompete/Flügelhorn) und dem Cellisten Ben Davis gehen auf die Londoner Jahre zurück. Der feinsinnige Bassist Drew Gress rundet das Ingrid Laubrock Octet auf ideale Weise ab.
Fredi Bosshard

Ingrid Laubrock Octet in: Zürich Rote Fabrik, Sa, 10. Dezember, 20.30 Uhr. www.rotefabrik.ch

Kilbi im Exil 

Wer in der Schweiz wilde Musik sucht – die experimentellen Ränder von Rock, Pop und Elektronik –, findet sie nicht unbedingt in den grossen Städten, sondern öfter ganz weit draussen, am Schiffenensee bei Düdingen, im Café Bad Bonn. Dort findet jedes Jahr ein legendäres, meist schnell ausverkauftes Festival statt: die Bad Bonn Kilbi. Und die kommt jetzt mitten ins Zentrum, in den Zürcher Kreis 5. 

Selten waren so viele Helden der US-Avantgarderockgeschichte gleichzeitig in Zürich: Der New Yorker Glenn Branca komponiert seit über dreissig Jahren hypnotisch dröhnende Werke für Elektrogitarren, neben vielen anderen spielten Lee Ranaldo und Thurston Moore von Sonic Youth in seinem Ensemble. Letzterer ist ebenfalls an der Kilbi. Er mache jetzt Folk, heisst es, doch keine Angst, zu behaglich wird es nicht werden: Moores Gitarre ist immer noch seltsam gestimmt, und er kombiniert sie mit Geigen und Zithern zu einer wilden Mischung. Ein anderes Urgestein ist Jad Fair, dessen kindlich-naive Lieder schon Nirvanas Kurt Cobain begeisterten. Etwas viele ältere Männer? Vielleicht. Aber die Kilbi im Exil bringt auch überraschende jüngere MusikerInnen auf die Bühne, zum Beispiel Jibcae, Feldermelder oder Bit-Tuner.
Bettina Dyttrich

Kilbi im Exil in: Zürich, Exil und Moods, Fr, 9. Dezember, ab 19 Uhr, Sa, 10. Dezember,
ab 18 Uhr. www.kilbi-im-exil.ch

Film

La Commune

Über fünf Stunden dauert das monumentale filmische Werk «La Commune. Paris 1871» von Peter Watkins. Der Film, den der 1935 geborene britische Filmemacher 1999 gedreht hat, wird als «Ufo in der audiovisuellen Landschaft» beschrieben. Ein Film also, der völlig aus dem Rahmen fällt.

Watkins Film handelt von der Arbeiterrevolution von 1871 in Paris, die ein blutiges Ende fand: 30 000  KommunardInnen wurden getötet. Im Film wirkten über 220 Darstellende – darunter viele Laien – mit, die bei seiner Entstehung mitdiskutierten. Auch vor der Kamera wird viel debattiert, und immer wieder nehmen die SchauspierInnen Bezug auf die aktuelle Situation.

«La Commune. Paris 1871» wird im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Teppich: Offen» gezeigt. Es ist eine einmalige Gelegenheit, einen Meilenstein der Filmgeschichte anzuschauen, der bisher nur am Filmfestival Locarno zu sehen war.
Silvia Süess

«La Commune. Paris 1871» in: Zürich Theater Neumarkt, Teil 1: Fr, 9. Dezember, 19 Uhr und 
Sa, 10. Dezember, 15 Uhr; Teil 2: Sa, 10. Dezember, 20 Uhr und So, 11. Dezember, 12 Uhr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch