Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

Aus der Grauzone

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Am Sonntagabend – ich sass vor dem Fernseher – bemerkte ich plötzlich einen Schatten neben dem Bücherregal. Ich war allein zu Haus und erschrak zuerst, doch ich erholte mich schnell. Weil auf SF 1 gerade «Die Geisterschule» lief, wusste ich: Es ist nur ein Grauzonengeist.

Das sind Seelen Verstorbener, die keine Ruhe finden; sie bewegen Gegenstände, machen Glühbirnen kaputt und sind nicht gefährlich. Wenn man sie höflich, aber bestimmt wegschickt, gehen sie. Herr Corell, der Geisterlehrer, hatte das in der Sendung erklärt, und Kursteilnehmer Baggenstos machte es vor. «Du bisch dood – gang hei!!!», beschwor er Geist Johann, und obwohl der stur stehen blieb, erhielt Herr Baggenstos später das Abschlussdiplom. 3500 Franken kostet der Kurs.

«Sie sind tot – bitte gehen Sie!», bat ich also den nebligen Schatten. Da sah ich, wie sich der arme Kerl krümmte; kaum hatte er «Bei Leibniz und Newton – mich quält ein scheusslich Unwohlbefinden des Leibes!» genuschelt, da erbrach er sich schon in hohem Bogen auf unseren – zum Glück teppichlosen – Wohnzimmerboden.

«Kant», stellte er sich vor, «Philosoph, Aufklärer … ich bitte um Vergebung!» Unterwegs zum Fernsehstudio Leutschenbach sei ihm plötzlich speiübel geworden, dabei werde er doch dort zum Spuken erwartet. Als er ging, versprach er, Generaldirektor de Weck von mir zu grüssen.

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