Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

Theater

Jakob der Lügner

Im November 2005 hat die Uno-Generalversammlung den 27. Januar, den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 1945, zum Internationalen Holocaustgedenktag erklärt. Anlässlich des diesjährigen Gedenktages bringt das Zürcher Sogar-Theater (in Koproduktion mit der Klibühni Chur) Jurek Beckers Roman «Jakob der Lügner» auf die Bühne: Der Schauspieler Jaap Achterberg erzählt den Roman, der 1969 in der DDR veröffentlicht und schnell weit über die Grenzen hinaus bekannt wurde (Regie: Klaus Henner Russius).

Der anonyme, 1921 geborene Ich-Erzähler ist einer von wenigen Überlebenden eines namenlosen Ghettos in Nazideutschland. Er erzählt 1967 nach vielen vergeblichen Versuchen das erste Mal die vollständige Geschichte seines Freunds Jakob Heym, der mit ihm im Ghetto war. Es ist die Geschichte von einem, der durch Zufall in die Rolle des ehrenwerten Lügners gedrängt wird und auf diese Weise eigentümliche Berühmtheit erlangt. Um einen Freund zu retten, lügt er ihm vor, ein Radio zu besitzen. Schliesslich muss er das Lügen fortsetzen, um die Hoffnung, die seine Lüge erzeugt hat, durch erfundene Radionachrichten zu erhalten.
Adrian Riklin

«Jakob der Lügner» in: Zürich sogar theater, 
Do/Fr, 26./27. Januar, 20.30 Uhr. www.sogar.ch

Paradox über den Schauspieler

Was die kritische Reflexion über das Wesen des Theaters betrifft, war der französische Philosoph, Schriftsteller und Aufklärer Denis Diderot (1713–1784) seiner Zeit voraus. Sein Text «Paradox über den Schauspieler» verhandelt auch heute noch überaus erhellend Grundfragen der schauspielerischen Arbeit. Mit seiner scharfsinnigen Verurteilung jeglicher Gefühligkeit und Sentimentalität auf der Bühne war er einer der wichtigsten Ideengeber für Bertolt Brecht und sein «episches Theater».

Felix Rellstab (1924–1999), Gründer und erster künstlerischer Leiter des Zürcher Neumarkt-Theaters sowie langjähriger Direktor der Schauspielakademie in Zürich (der heutigen Theaterhochschule), hat den Text 1981 ins Deutsche übersetzt. Anlässlich einer ergänzten Neuausgabe durch die Stiftung Felix Rellstab für Theaterpädagogik lesen die Ensemblemitglieder Malte Sundermann und Alexander Seibt aus dem Text und diskutieren die Regisseure Luc Bondy und Urs Schaub über die Auswirkungen von Diderots Werk auf Theorie und Praxis. Moderation: Barbara Villiger Heilig von der NZZ.
Adrian Riklin

«Paradox über den Schauspieler» in: 
Zürich Theater Neumarkt, Sa, 21. Januar, 20 Uhr. 
www.theaterneumarkt.ch

Musik

Geschichten aus dem Alltag

Da steht er und singt: von Irene und wie er sich mit ihr als Hund verkleidet, damit sie im Zug kein Ticket lösen müssen – dummerweise beisst Irene den Kontrolleur ins Bein. Oder von Herrn Anderegg, der sich in die Luft gesprengt hat. Oder von der Begegnungszone, in der nun alle ganz nett zueinander sind.

Klar, das ist Manuel Stahlberger solo. Alleine steht er auf der Bühne mit seiner Gitarre, seinen Effektgeräten, seinem Tasteninstrument, auf dem er B37 oder A25 eingeben kann, und dann klingt es ganz anders, und mit seinen Texten. Und die sind einfach grossartig. Stahlberger ist ein genauer Beobachter, erzählt in seinen Liedern witzige, aber auch böse kleine Geschichten aus dem Alltag. Wenn er von den Kassen im Neumarkt-Einkaufszentrum in St. Gallen singt und welche man nehmen muss, je nachdem, welchen Bus man nach dem Einkaufen nehmen will, könnte man meinen, man höre ein Mani-Matter-Lied in Ostschweizer Dialekt.

Zwischendurch zeigt Stahlberger Dias mit von ihm gezeichneten Comics und von ihm veränderten Wappen und Signeten – auch diese sind zum Teil bitterböse und sehr amüsant. Und übrigens: St. Galler Dialekt kann im Fall richtig schön sein!
Silvia Süess

Manuel Stahlberger «Innerorts – Lieder & Dias» in: Amriswil Kulturforum, Fr, 20. Januar, 20.15 Uhr; Ballwil Waschhaus auf dem Margrethenplatz, 
Do, 2. Februar, 20 Uhr. 
Weitere Daten: www.manuelstahlberger.ch.

Festival

Zwei Tage Zeit

Die vierte Auflage des Festivals Zwei Tage Zeit wird mit Kurzfilmen von Helen Petts eröffnet. Sie hat sich mit der Kamera der Musik der britischen Improvisatoren Phil Minton (Stimme) und Roger Turner (Schlagzeug) angenähert. Der Rest des Programms bewegt sich im weiten Feld der Improvisation und stellt unterschiedliche Ansätze von Duoformationen vor.

Die aus Belgrad stammende Pianistin Teodora Stepancic und Martin Lorenz an den Turntables haben einen E-Musik-Hintergrund und kontrastieren schön mit der Pianistin Magda Mayas und dem Schlagzeuger Tony Buck. Von Joke Lanz (Turntables) und Christian Weber (Bass) ist ein freies Set zu erwarten, und Strøm (Gaudenz Badrutt, Electronics, und Christian Müller, Bassklarinette) gehen mit ihrer Live-Installation über die Musik hinaus. Über den Schlagzeuger Fritz Hauser war in der WOZ einiges zu lesen (siehe WOZ Nrn. 50/11 und 1/12), hier ist er mit Sylwia Zytynska zu hören, die ebenfalls Schlagzeug spielt. Für den stimmigen Abschluss von Zwei Tage Zeit sorgen die «Altmeister» Koch-Schütz-Studer.
Fredi Bosshard

Zwei Tage Zeit in: Zürich Theater Rigiblick, Fr/Sa, 20./21. Januar, 19.15 Uhr. www.zweitagezeit.ch

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch