Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

Der militante Don Quichotte

Von Brigitte Matern

«Einen schönen Gruss an Mr Davis, und wenn er nicht zur Tür herauskommen will, werde ich ihn holen, und dann fliegt er aus dem Fenster zu uns auf die Strasse hinaus!» Das überzeugte: Der Bergwerkdirektor, der sich zuvor hatte verleugnen lassen, empfing das Streikkomitee in seinem Büro und erfüllte schliesslich alle Forderungen. Als die Polizei den unerschrockenen 24-jährigen Wortführer wenige Tage später verhaften wollte, war dieser längst weitergezogen.

Er werde aus ihm «einen guten Mechaniker, aber auch einen Sozialisten» machen, hatte der Lehrmeister versprochen, als der 1896 in León geborene Eisenbahnersohn ins Arbeitsleben eintrat. Was das Handwerk anging, gelang das Vorhaben, die SozialistInnen aber waren dem warmherzigen Rebellen viel zu kompromissbereit: Wo es die aufbegehrenden ArbeiterInnen zu unterstützen galt, taktierten und bremsten sie nur. Er selbst scheute sich nicht, Öl ins Streikfeuer zu giessen, und wenn die Unternehmer nicht parierten, ging schon mal eine Lokomotive in Flammen auf.

1919 trat der unermüdliche Agitator dem Gewerkschaftsbund CNT bei, der unter den Arbeiterinnen und Bauern Spaniens grossen Zulauf hatte. Er vernetzte die anarchistischen Gruppierungen und organisierte mit seinen Genossen die Waffen, mit denen sie sich gegen den staatlich unterstützten Terror der Unternehmer zur Wehr setzten (was einige besonders unappetitliche Repräsentanten von Staat, Kirche und Kapital das Leben kostete). Das Geld – das auch der Errichtung von Arbeiterschulen und Bibliotheken diente – besorgten sie sich mit vorgehaltener Pistole, und bald lastete man dem Volkshelden, der nie einen Céntimo für sich behielt, sämtliche Banküberfälle Europas an; sogar in Lateinamerika, wohin es ihn auf der Flucht vor den Sicherheitsbehörden verschlug, war ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt.

Als die faschistischen Truppen 1936 gegen die links regierte Republik aufmarschierten, zog er mit einer Kolonne Freiwilliger in den Kampf; wenige Monate später starb er an einer Schussverletzung. Wer war der bedürfnislose Mann der Tat, der in Spanien keine Arbeit mehr fand, sich für seine Gewerkschaftstätigkeit aber niemals hätte bezahlen lassen?

Brigitte Matern

Wir fragten nach dem spanischen Anarchisten Buenaventura Durruti (1896–1936). 
Wie der noch heute hochverehrte Arbeiterführer im November 1936 genau umkam, wurde 
nie aufgeklärt: Die Versionen reichen vom selbst verschuldeten Unfall bis zum Mordkomplott Stalins. Als Lektüre zu empfehlen sind Hans Magnus Enzensbergers «Der kurze Sommer der Anarchie» und Abel Paz’ sehr ausführliche Biografie «Durruti. Leben und Tode des spanischen Anarchisten». Mehr über den spanischen Anarchismus und den Bürgerkrieg erfahren Sie 
zudem auf der WOZ-Reise nach Barcelona vom 14. bis 21. April 2012. Nähere Informationen 
dazu finden Sie in der nächsten WOZ.

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