Nr. 07/2012 vom 16.02.2012

Die Analytische aus Zürich

Von Brigitte Matern

Das war ja die Höhe: Da befahl ihr doch ein Partisanenoffizier auf offener Strasse, die Mütze gerade aufzusetzen und die Uniform ordnungsgemäss zuzuknöpfen! War es also wieder so weit, dass der revolutionäre Elan in hierarchischen Kommandostrukturen erstarrte? Umgehend tauschte sie an jenem 1. Mai 1945 ihre Militär- gegen Zivilkleidung und trug nie wieder Uniform – den freiwilligen Sanitätsdienst in der jugoslawischen Befreiungsarmee konnte sie auch so versehen. Bereits acht Jahre zuvor hatte die 1911 in Graz geborene Röntgenassistentin miterlebt, wie spanische FreiheitskämpferInnen zu BefehlsempfängerInnen zurückgestutzt wurden und wie ein faszinierendes Gesellschaftsmodell scheiterte, noch bevor das ganze Land vom Faschismus überrollt wurde. Zwei Jahre lang hatte die Brigadistin damals republikanische Verwundete versorgt, bis auch sie 1939 mit den letzten HelferInnen der Centrale Sanitaire Internationale über die Grenze nach Frankreich floh.

Zwei Monate war sie damals in einem südfranzösischen Frauenlager interniert, dann konnte sie weiterziehen nach Zürich, wo sie als Laborantin arbeitete und ihren späteren Mann kennenlernte. Mit ihm brach sie 1944 nach Jugoslawien auf, um die Partisanenverbände Titos zu unterstützen. Hier erlebte sie das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Verstaatlichungen und die Bodenreform und musste schliesslich mit ansehen, wie die Ansätze einer freiheitlichen Gesellschaft nach und nach im Bürokratismus stecken blieben. 1946 kehrte sie dem «stalinistischen Kommandostaat» den Rücken.

Zurück in Zürich widmete sie sich der Psychoanalyse, die sie als «Fortsetzung der Guerilla mit anderen Mitteln» betrachtete: Wenn es schon keine herrschaftsfreie Gesellschaft gab, dann wollte sie wenigstens das Widerspenstige und Aufständische im einzelnen Menschen freilegen. Zu internationaler Bekanntheit gelangte sie schliesslich durch Forschungsreisen in Westafrika, denen unter anderem die Erkenntnis entsprang, dass die Weissen zu viel denken. Wer war die 1997 verstorbene «Liselott» – so der Tarnname der Spanienkämpferin –, die ihr Leben lang eine «moralische Anarchistin» blieb?

Wir fragten nach der Schweizer Psychoanalytikerin Goldy Parin-Matthèy (1911–1997). Sie ist – neben ihrem Mann Paul Parin und Fritz Morgenthaler – Mitbegründerin der Ethnopsychoanalyse; eines der gemeinsamen Bücher der drei heisst «Die Weissen denken zuviel». In einem Radiointerview sagte sie einmal: «Als ich nach Spanien kam, wurde der Anarchismus gerade zerstört. Ende 1937 habe ich aber (…) ein noch voll funktionierendes bäuerliches Kollektiv besucht. Ich war erstaunt, wie ähnlich es auf Freiwilligkeit, Selbstverantwortung, solidarischem Zusammenschluss und gegenseitiger Unterstützung begründet war – genau das war auch der Hauptcharakter der Internationalen Brigaden.»

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