Nr. 15/2012 vom 12.04.2012

Unkundig und verzückt

Bettina Dyttrich wirbt für Gemüse und Solidarität.

Achtung, das ist keine Kolumne, sondern pure Werbung. Manche Ideen sind eben so überzeugend, dass ich gar nicht mehr aufhören kann, darüber zu reden. Zum Beispiel die regionale Vertragslandwirtschaft. Die geht so (Eingeweihte überspringen bitte den nächsten Abschnitt):

KonsumentInnen schliessen einen Vertrag mit Bauern oder Gärtnerinnen ab, bezahlen im Voraus und erhalten jede Woche Gemüse, manchmal auch Eier, Mehl, Trockenwürste und anderes. Sie können ihre Nahrung besuchen, während sie heranwächst, manchmal ernten sie auch selbst. Sie entwickeln Beziehungen zu Landstücken und Obstbäumen. Die Bäuerinnen und Gärtner bekommen einen guten Lohn und mehr Planungssicherheit, ausserdem verzückte Besucherinnen und unkundige Erntehelfer – das kann natürlich auch anstrengend sein. Aber die meisten, die mitmachen, sind begeistert.

Laufend entstehen neue Projekte. Eine Gruppe enthusiastischer Studenten der Hochschule Wädenswil hat die Genossenschaft Wädichörbli (www.waedichoerbli.ch) gegründet. Sie hat lange nach Land gesucht und es bei einem Bauern gefunden, der auf bio umstellt und künstlerisch tätig ist. Gerade haben die Wädenswiler einen gebrauchten Gemüsetunnel installiert – und wurden von SpaziergängerInnen für Künstler gehalten. Gärtner Reto bekommt 4750 Franken brutto im Monat, das ist ein Stück mehr als branchenüblich, und arbeitet statt 55 «nur» 42 Stunden pro Woche. «Wer Biogemüse in der Migros kauft, weiss hingegen nicht, ob die Gärtnerlöhne okay sind», betont Initiant Ennio.

In Worb bei Bern wirbt der Verein Radiesli (www.radiesli.org) mit dem Slogan «Dein Gemüse kennt dich». Im Raum Bern vertreibt zwar schon der Verein Soliterre Gemüseabos; er arbeitet mit sechs bestehenden Höfen zusammen. Die Radiesli-Leute wollten aber unbedingt selber in der Erde wühlen – die Initiative ging von einer Gärtnerin aus – und fanden einen Bauern, der ihnen ein Feld zur Verfügung stellte. «Wir bauen Gemüse für 100 Abos an, aber erst 35 sind da», sagt Mitinitiantin Mira. Sie suchen dringend mehr AbonnentInnen – das Wädichörbli übrigens auch.

Der Verein Regioterre in St. Gallen (www.regioterre.ch) bezieht dagegen wie Soliterre Gemüse und andere Produkte von Höfen aus der Region: «Wir wollten kein eigenes Land», sagt Kopräsidentin Regula. «Von uns hatte niemand eine Ahnung vom Bauern, und das Klima in St. Gallen ist nicht sehr geeignet für Gemüse.» Ausserdem sei es spannend, mit den interessierten BäuerInnen zwischen Rheintal und Thurgau zusammenzuarbeiten. Nicht abgeholtes Gemüse bekommt das Solidaritätsnetz Ostschweiz für den Flüchtlingsmittagstisch – so entstehen überall solidarische Strukturen. Ich kann gar nicht mehr aufhören, Werbung zu machen.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.

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