Nr. 24/2012 vom 14.06.2012

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Von Karin HoffstenMail an Autor:in

«Im Schnitt bieten die Fahrzeuge des öffentlichen Verkehrs 150 Menschen Platz. 9 Mal mehr begehen in der Schweiz jedes Jahr Suizid.» Diese Sätze begegnen mir zurzeit häufig im Zürcher Tram, und jedes Mal fällt mir eine dieser Denksportaufgaben ein: Frau Huber wohnt ebenerdig und hat einen Dackel, Herr Müller wohnt zwei Stockwerke höher und trägt einen roten Schlips. Wie alt ist demzufolge die blonde Frau Winter im Souterrain? Dann stelle ich mir die neun Trams mit insgesamt 1350 Sterbewilligen vor und verliere mich im Versuch, die bedauernswerten Fahrgäste bildhaft auf ein Jahr zu verteilen.

Man möge mir das nicht als Pietätlosigkeit auslegen, denn dem Anliegen, die Bevölkerung für die Verbreitung depressiver Erkrankungen zu sensibilisieren, bringe ich Sympathie und Achtung entgegen. Doch bei der Initiative «Lean on me», hinter der das dänische Pharmaunternehmen Lundbeck und diverse Organisationen zur Suizidprävention stehen, wird mir absonderlich zumute.

«Leiste deinen ‹Lean on me›-Eid», fordert die Website auf: «Ich verspreche, ein Freund zu sein für alle Personen um mich, welche depressiv sind.» Und auf der «Wall of Friends» zeigen 763 Fotos die bisher Vereidigten. Redliche Menschen.

Hoffentlich ist von denen keiner in der Nähe, wenns mir mal schlecht geht.

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