Nr. 24/2012 vom 14.06.2012

Der gute Manolo

Pedro Lenz über einen tollen Trainer und grossen Menschen

Neben den wenigen Startrainern, die wöchentlich die Zeitungen mit Schlagzeilen füllen, gibt es in allen Ligen Fussballlehrer, die ihre tägliche Arbeit ohne viel Aufsehen verrichten.

Zur zweiten Gruppe gehörte der am letzten Donnerstag verstorbene Spanier Manolo Preciado. Der 54-Jährige hatte eine würdige Profilaufbahn als Spieler bestritten, bevor er 1995 auf die Trainerbank wechselte. Mit beachtlichem Erfolg coachte er danach verschiedene unterklassige Teams in Spanien. 2006 übernahm er den Zweitligisten Sporting Gijón. Mit diesem Traditionsverein stieg er vor vier Jahren in die Primera División auf. Im vergangenen Winter wurde er nach einem schlechten Saisonstart entlassen. Sportings Präsident weinte, als er an der Pressekonferenz die Vertragsauflösung bekannt geben musste. Einen Mann wie Preciado zu entlassen, sei furchtbar, aber die Resultate seien die Resultate, und das Fussballgeschäft laufe nun mal nach den Regeln des Erfolgs. Preciado selbst bedankte sich beim Verein und den Fans für die unvergessliche Zeit, die sie ihm geschenkt hätten.

Eine Entlassung war für Manolo Preciado kein Grund, den Kopf zu verlieren. Er tröstete den Präsidenten, der ihn eben entlassen hatte, und sagte, er werde immer Fan und zahlendes Mitglied des Klubs bleiben. Manolo Preciado, der im Lauf der letzten zehn Jahre nacheinander seine Frau wegen einer Krankheit sowie seinen Sohn und seinen Vater durch Unfälle verloren hatte, wusste gut zwischen grossen und kleinen Tragödien zu unterscheiden. Überliefert ist in diesem Zusammenhang die folgende Aussage: «Das Leben hat mich hart geprügelt. Nach allem, was mir zugestossen ist, hätte ich mir die Kugel geben können. Aber dann beschloss ich, zum Himmel aufzuschauen und zu wachsen.»

Ein einziges Mal hatte Manolo Preciado kurz die innere Ruhe verloren und für Aufregung in den Medien gesorgt. Das war in der vorletzten Saison, nachdem Real-Madrid-Trainer José Mourinho öffentlich behauptet hatte, Preciado habe mit Sporting Gijón im Meisterschaftsspiel gegen Barcelona gar nicht gewinnen wollen und deshalb auch nicht die besten Spieler aufs Feld geschickt. Preciado sagte damals an einer legendär gewordenen Pressekonferenz: «Es gibt drei Arten, Mourinhos Aussage zu interpretieren: 1. Es war ein Witz. Falls es ein Witz war, war es ein sehr schlechter Witz. 2. Er wollte Barcelona provozieren. Falls er das wollte, wird es ihm kaum gelingen. 3. Er hat es ernst gemeint. Und falls er es ernst gemeint hat, ist er ein Hundsfott.» Sein damaliger Ärger verrauchte rasch. Denn als Preciado vorübergehend keine Anstellung hatte, besuchte er Mourinho im Training von Real Madrid, um von dessen Methoden zu lernen.

Anfang Juni erhielt Manolo Preciado ein Angebot vom eben abgestiegenen Villareal CF. Der Mann, der in seiner Laufbahn schon fünf Aufstiege geschafft hatte, sollte das ehemals grosse Villareal in die Primera División zurückführen. Voller Vorfreude war Preciado nach Valencia gereist, um den Vertrag zu unterschreiben und die Spieler seiner neuen Mannschaft kennenzulernen. Doch in der Nacht, bevor er als neuer Trainer hätte vorgestellt werden sollen, erlag er einem Herzinfarkt.

Der spanische Nationalcoach Vicente Del Bosque liess aus dem spanischen EM-Quartier im polnischen Gniewino verlauten, der Fussball habe einen tollen Trainer verloren. Ein bisschen muss Del Bosque auch an sich selbst gedacht haben, als er sagte, Preciado sei ein unermüdlicher Kämpfer gewesen, einer von denen, die sich immer alles hart erarbeiten mussten.

Auch José Mourinho, dem es mit seiner Provokation gelungen war, Preciado aus der Reserve zu locken, rühmte dessen Werdegang und betonte, Preciado werde dem spanischen Fussball fehlen. Doch viel schlimmer sei, dass der Welt ein grosser Mensch abhandengekommen sei.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Sein letztes Buch, «Tanze wi ne Schmätterling. Die Coiffeuse und der Boxer», erschien 2010 im Cosmos Verlag.

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