Nr. 24/2012 vom 14.06.2012

Radikales Teufelsweib und Popikone

Von Brigitte Matern

«Bombingham» nannte man die Stadt, in der sie 1944 zur Welt kam: Nirgendwo sonst entlud sich der Hass auf die zunehmend selbstbewusste schwarze Bevölkerung gewalttätiger als in Birmingham, Alabama. Die weissen Rassisten jagten, von der Justiz unbehelligt, Wohnhäuser und Kirchen in die Luft, brandschatzten und mordeten. Bereits als Kind wusste sie, dass auch sie jederzeit Ziel eines Anschlags sein könnte, denn ihre Eltern gehörten der schwarzen Mittelschicht an, die sich nicht länger den Mund verbieten liess. Doch sie wuchs unversehrt heran und erhielt eine solide Schulbildung. Anfang der sechziger Jahre ging sie zum Literaturstudium nach Paris, wo sie mit grossem Interesse den Befreiungskampf der AlgerierInnen verfolgte, wechselte dann zur politischen Philosophie nach Frankfurt, wo sie gegen den Vietnamkrieg agitierte, und kehrte 1967 als Doktorandin Herbert Marcuses in die USA zurück. Dort solidarisierte sie sich mit der Black Panther Party, warb um Unterstützung für die politischen Gefangenen der Bewegung und wurde als bekennende Kommunistin und Uniprofessorin zur Galionsfigur des schwarzen Widerstands.

1970 geschah, womit sie bereits gerechnet hatte: Man klagte sie wegen «Verschwörung, Entführung und Mord» an und setzte sie als «gefährlich und wahrscheinlich bewaffnet» auf die Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der USA – zur Freude Ronald Reagans, der versucht hatte, das kommunistische Teufelsweib von der Uni zu jagen. Ihre Verhaftung löste aber einen Aufschrei der Empörung aus, weltweit entstanden Befreiungskomitees, und schliesslich wurde der «Sweet Black Angel» (so der Titel eines ihr gewidmeten Lieds der Rolling Stones) in allen Punkten freigesprochen. Umgehend begab sie sich auf Vortragstournee, warb für die Bürgerrechtsbewegung und prangerte das repressive System an, das sein Geld lieber für Gefängnisse als für Bildung und Armutsbekämpfung ausgab.

Wer ist die haarprächtige Feministin und gern gesehene Gastrednerin der Occupy-Bewegung, die zweimal für das US-Vizepräsidentenamt kandidierte und noch heute die Abschaffung des «gefängnisindustriellen Komplexes» fordert?

Wir fragten nach der US-amerikanischen Bürgerrechtlerin und Wissenschaftlerin Angela Davis (*1944). Nach Davis’ Freilassung 1972 gelang es dem kalifornischen Gouverneur Ronald Reagan nicht, ihre Wiedereinstellung zu verhindern. Bis vor kurzem war sie Professorin für Mentalitätsgeschichte und Gender Studies an der University of California in 
Santa Cruz. Zuletzt (2004) erschien von ihr auf Deutsch «Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse? 
Der gefängnisindustrielle Komplex der USA», eine Analyse des inzwischen in alle Welt exportierten US-amerikanischen Gefängnissystems.

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