Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Der schutzlose Waldarbeiter

Von Brigitte Matern

Bereits mit neun führte er das harte Leben eines Gummizapfers. Auf endlosen Fussmärschen durch den Wald ritzte er Kautschukbaum für Kautschukbaum; nebenbei jagte er und bestellte die Familienparzelle, auf der mühsam Mais, Reis und etwas Gemüse wuchsen. Schulen gab es hier im Nordwesten des Landes nicht, denn wer schreiben und lesen konnte, liess sich von den Kautschukbaronen nicht mehr so leicht übers Ohr hauen. Doch der 1944 geborene Francisco hatte Glück, ein vor der Polizei geflüchteter Kommunist nahm sich seiner an: Er lernte Zeitung lesen, die tief gespaltene brasilianische Gesellschaft begreifen, die Weltnachrichten einordnen, die via Batterieradio in den Regenwald drangen, erfuhr von Marx und Sozialismus und dass Einigkeit stark macht.
Wie hilfreich dieses Wissen war, zeigte sich, als 1965 das Militär putschte und den Regenwald zur Lösung aller Probleme erklärte: Hier war genügend Platz für die riesigen Rinderherden, die den heimischen Markt – vor allem die unruhigen ArbeiterInnen – mit Billig­fleisch versorgen sollten, und Raum für die unzähligen vertriebenen Bauern, die im Süden lautstark eine Bodenreform forderten. «Land ohne Menschen für Menschen ohne Land» lautete die Parole der Militärstrategen, die damit auch die unzugänglichen Grenzgebiete unter ihre Kontrolle zu bringen hofften.

Es war nicht einfach, die Waldbewohner­Innen zu gemeinsamen Aktionen zu bewegen – bis die Viehzüchter, Strassenbauer und Holzkonzerne ihre Lebensgrundlage niederzu­walzen begannen. Er gründete eine Landarbei­tergewerkschaft und eine Genossenschaft (die auch Schulen und Krankenstationen finanzierte), hob die (heute regierende) Partei der Arbeiter mit aus der Taufe – und fand sich in den Konferenzsälen von Uno und Weltbank wieder, wo er als Sprachrohr der Umweltbewegung für den Schutz des Regenwalds kämpfte.

Nur sich selbst konnte der lästige Retter des Ökosystems nicht schützen: 1988 wurde der Gewerkschaftsführer – zuvor schon mehrfach inhaftiert, verprügelt und bedroht – von einem Viehzüchter erschossen. Wer war der international ausgezeichnete Umweltschützer, nach dem eine Kletterroute in den Churfirsten benannt ist?

Wir fragten nach dem brasilianischen Gewerkschaftsführer und Umweltaktivisten (Francisco) Chico Mendes (1944–1988), der einmal über sich sagte: «Am Anfang glaubte ich noch, ich würde um Kautschukbäume kämpfen, dann ging es um die Rettung des Regenwalds Amazoniens. Jetzt weiss ich, dass mein Kampf dem Überleben der Menschheit gilt.» Er brachte die internationalen Kreditinstitute dazu, bei der Geldvergabe an Brasilien auf Umweltstandards zu achten, und kämpfte erfolgreich für die Ausweisung von Schutzzonen für die Regenwaldbewohner­Innen. Sein Leben wurde 1994 unter dem Titel «The Burning Season» verfilmt.

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