Nr. 43/2012 vom 25.10.2012

Ausstellung

Alles im Fluss

Der aus Wettingen stammende Fotograf Andreas Seibert ist in China dem Huai He auf rund tausend Kilometern gefolgt. Der Fluss entspringt in der Provinz Henan und fliesst gegen Osten. Er war einst Lebensspender für Millionen von ChinesInnen und ist im Zusammenhang mit der rasenden ökonomischen Entwicklung zu einer giftigen Kloake verkommen. Seibert zeigt mit seinen Aufnahmen den Überlebenskampf der Bevölkerung, kündet aber auch von ihren Ängsten und Hoffnungen.
Aufnahmen von Seibert, der seit einigen Jahren in Tokio lebt, waren im Februar 2009 auf einer WOZ-Doppelseite zu sehen. Er hatte mit viel Empathie das Leben von chinesischen WanderarbeiterInnen dokumentiert. Die Aufnahmen wurden im Fotoband «From Somewhere to Nowhere» publiziert. Zur Ausstellung in Winterthur erscheint «The Colors of Growth» mit Aufnahmen von seiner Flussreise entlang dem Huai He.
Fredi Bosshard

Andreas Seibert: «Huai He – Alles im Fluss» in: Winterthur Fotostiftung, Fr, 26. Oktober 2012, 18 Uhr, Vernissage. Einführung: Peter Pfrunder. Di–So, 11–18 Uhr; Mi, 11–20 Uhr. Bis 17. Februar 2013. www.fotostiftung.ch

Film

Tibetisches Filmfestival

Tibetische Filme sind nicht unbedingt Massenware. Das 4. Tibet Film Festival in Zürich zeigt während zweier Tage Filme aus Tibet und von im Exil lebenden Filmemachern. Dass Filmen für TibeterInnen keine harmlose Angelegenheit ist, wird anhand der Biografien der Regisseure ersichtlich: Ngawang Choephel verbrachte wegen seines Films «Tibet in Song» (2006) sechs Jahre in chinesischer Gefangenschaft. Der Film erzählt die Geschichte eines Tibeters, der aus dem indischen Exil in seine Heimat zurückkehrt. Hier will er die Musik seines Volks finden, bevor diese in Vergessenheit gerät. Choephel wird in Zürich anwesend sein.
Nicht in Zürich sein kann hingegen Dhondup Wangchen, dem das diesjährige Festival gewidmet ist. Seit 2008 ist er in chinesischer Gefangenschaft. Grund ist sein Film «Leaving Fear Behind», der auf 108 Interviews basiert, die Wangchen mit TibeterInnen geführt hat. Kurz nachdem der Film ausserhalb Chinas zur Aufführung kam, wurden Wangchen und einer seiner Assistenten verhaftet.
Weiteren Einblick ins tibetische Filmschaffen geben Kurzfilme im Rahmen eines Wettbewerbs sowie Werkstattgespräche mit Filmschaffenden.
Silvia Süess

Tibet Film Festival in: Zürich Kulturmarkt, Fr/Sa, 26./27. Oktober 2012. www.filmingfortibet.org

Weltfilmtage Thusis

Im Oktober trifft sich die Welt in Thusis: Zum 22. Mal finden im Kino Rätia in Thusis die Weltfilmtage statt. Grosse und kleine Stars und Filmjuwelen finden auch dieses Jahr ihren Weg in den Ort in der Viamala.
Zum Beispiel Faouzi Bensaidi: Der marokkanische Filmer präsentiert seinen neusten Film «Death for Sale», der von drei Männern erzählt, die in einer korrupten Gesellschaft versuchen, Freunde zu bleiben. Der Regisseur spricht nach der Vorführung. Zu sehen sind auch Bensaidis ältere Werke wie «Mille mois – Alf Chahr» (2003) und «WWW – What a Wonderful World». Ebenfalls nach Thusis kommt der US-amerikanische Musiker, Schauspieler und Bürgerrechtler Harry Belafonte – allerdings nur im Film: «Sing Your Song» ist der Titel eines Dokumentarfilms von Susanne Rostock über ihn und seine politischen Aktivitäten.
Mit 38 Filmen aus 24 Ländern ermöglichen die Weltfilmtage Einblicke in Welten, die sonst verschlossen bleiben: In «Traumfabrik Kabul» (2011) begleitet der Filmemacher Sebastian Heidinger Saba Sahar, die als erste Frau in Afghanistan eine offizielle Zulassung als Filmproduzentin erhielt. «Le Cochon de Gaza» (2011) von Sylvain Estibal ist eine Komödie aus dem Gazastreifen, «El último aplauso» (2008) von German Kral eine Dokumentation über «El Bar Chino» in Buenos Aires, vor gut dreissig Jahren eine der berühmtesten Tanzbars Argentiniens.
Silvia Süess

Weltfilmtage Thusis in: Thusis Kino Rätia, 
Di, 30. Oktober, bis So, 4. November 2012. 
www.weltfilmtage.ch

Literatur

Burgdorfer Krimitage

Anfänglich träumten ein paar Krimifans davon, in Burgdorf so etwas wie die Solothurner Literatur- oder Filmtage zu schaffen – das sich aber auf das Genre des Krimis beschränkt. Daraus wurde ein Kriminalfestival, das längst auch Theater, Musik, Kunst und Performance beinhaltet.
Unter dem Übertitel «10 x unbedingt» feiert das Festival seinen zehnten Geburtstag und spannt den Bogen von der Ausstellung zur Geschichte des Gefängnisses im ehemaligen Gefängnis im Schloss bis zum Krimi-Orientierungslauf durchs Städtchen, von den kriminalistischen Einaktern Jean Tardieus bis zur szenischen Installation «Die zehn Gebote für einen mörderischen Alltag», vom Dokumentarfilm über Friedrich Glauser bis zu Lesungen mit den skandinavischen Krimigrossmeistern Arne Dahl und Hakan Nesser. Am Samstag, 3. November 2012, um 18.30 Uhr kommt es im Casino zum Gespräch zwischen zwei WOZ-Autoren: Werner van Gent spricht mit dem Athener Schriftsteller und Krimiautor Petros Markaris über die Situation in Griechenland – «Die griechische Tragödie: ein gewalttätiger Kriminalfall».
Adrian Riklin

10. Burgdorfer Krimitage in: Burgdorf diverse Orte, Fr, 26. Oktober, bis So, 4. November 2012. 
www.krimitage.ch

Zürich liest

Vier Tage wimmelt es in Zürich und Umgebung in Buchhandlungen, Kulturhäusern und auf Spazierwegen von AutorInnen. Zu den 65 Institutionen, die an der Premiere vor einem Jahr beteiligt waren, sind weitere Orte hinzugekommen. «Zürich liest» wird mehr und mehr zum kantonalen Ereignis und findet nun auch in Winterthur, Bülach, Wädenswil, Thalwil, Küsnacht, Wetzikon, Dübendorf und Stäfa statt.
Dabei sind viele WOZ-AutorInnen zu hören: Rafik Schami tritt zur Eröffnung am Donnerstag im Kaufleuten mit Franz Hohler und anderen auf (am Freitag spricht er im Museum Rietberg über die Lage in Syrien, am Sonntag im Casinotheater Winterthur über seine Heimatstadt Damaskus); Jürg Frischknecht und Ursula Bauer, AutorInnen des Buchs «Wandern in der Stadt Zürich», erzählen am Freitag bei einem Spaziergang rund ums Bellevue Episoden aus der Stadtgeschichte; ebenfalls am Freitag begründet der ehemalige WOZ-Redaktor Andreas Simmen vom Rotpunktverlag frühmorgens im Cabaret Voltaire seine Begeisterung für Antonio Dal Masetto, und Sportkolumnist Etrit Hasler moderiert abends (und am Samstag) am selben Ort Sprachspiele mit verschiedenen AutorInnen; am Samstag diskutiert Guy Krneta mit dem ehemaligen WOZ-Redaktor Fredi Lerch über dessen Reportagenband «Alles bestens, Herr Grütter».
WOZ-Autorin Johanna Lier leitet am Freitag im Theater Neumarkt mit Isolde Schaad und Ruth Schweikert Teil zwei des «Demokratie-Kurses» von Kunst + Politik, am Samstag moderiert sie ebenda mit Svenja Herrmann und Ingrid Fichtner den Lyrikabend «Verse! Verse!». WOZ-Redaktorin und Winzerin Ruth Wysseier erzählt am Freitag mit weiteren Weinkennerinnen und Autoren in der Buchhandlung Paranoia City Geschichten, die der Wein schrieb; und Stephan Pörtner, Autor der «100 Wörter» auf dieser Website, plaudert am Samstag mit Beat Schlatter über ihr Buch «Bin gleich zurück: Komisches aus dem Leben von Beat Schlatter».
Adrian Riklin

«Zürich liest» in: Zürich Festivalzentrum 
Infozelt Torgasse (neben dem Café Odeon). Winterthur Festivalzentrum Infozelt Kirchplatz sowie in weiteren Städten im Kanton. 
Do–So, 25.–28. Oktober 2012. www.zuerichliest.ch

Festival

Jazznojazz

Am diesjährigen Zürcher Jazznojazz-Festival sind schon eine ganze Reihe von Konzerten ausverkauft – aber nicht unbedingt die interessantesten. Es gibt noch genügend Gelegenheiten, auf spannende Musik zu stossen. Zum Beispiel beim Konzert des Vibrafonisten Mike Maineri, der eine Reihe von skandinavischen Musikern um sich schart, darunter der Pianist Bugge Wesseltoft. Das neue Trio des norwegischen Trompeters Nils Petter Molvær hat mit dem Gitarristen Stian Westerhus und dem Schlagzeuger Erland Dahlen frischen Schwung erhalten.
Auf ihrem neuen Album «Fellowship» besinnt sich Lizz Wright auf ihre Wurzeln im Gospel; die Bassistin Esperanza Spalding und ihre Band zelebrieren mit «Radio Music Society» jazzige Popsongs. Das Kaleidoscope String Quartet hat den diesjährigen ZKB-Jazzpreis gewonnen und ist deshalb Gast am Jazznojazz. Das Streichquartett spielt in leicht veränderter Besetzung: der Violinist Ronny Spiegel ersetzt Tobias Preisig.
Fredi Bosshard

Jazznojazz in: Zürich Gessnerallee, EWZ-Unterwerk Selnau, Mi, 31. Oktober, 
bis So, 3. November 2012. www.jazznojazz.ch

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