Nr. 46/2012 vom 15.11.2012

Theater

Russisches Dokumentartheater

Im Rahmen des Kulturaustausch-Festivals Culturescapes, das dieses Jahr Moskau gewidmet ist, sind in der Kaserne Basel innerhalb weniger Tage mehrere deutschsprachige Premieren von dokumentarischen Stücken aus Russland zu sehen.
In «Babushki/Grossmütter» (Fr/Sa, 16./17. November 2012) setzt sich das Praktika Theater basierend auf Audio- und Videomaterial mit Grossmüttern in der russischen Provinz auseinander – das Stück selbst allerdings ist pseudodokumentarisch, auf der Bühne stehen sechs junge Frauen.
Von Dmitry Krymovs renommiertem Theaterlaboratorium ist «Tod einer Giraffe» zu sehen, die tragisch-absurde Geschichte über das Ableben einer Zirkusgiraffe (Do/Fr, 22./23. November 2012).
In «Enkelkinder» rührt das Regieduo Aleksandra Polibanova und Mikhail Kaluzhsky an ein grosses russisches Trauma: die Zeit der politischen Verfolgungen. In Zusammenarbeit mit dem Sacharow-Zentrum erschliessen sie anhand von Interviews mit Nachkommen aus Stalins Gefolgschaft verschiedene Pfade persönlicher Erinnerung (Do/Fr, 29./30. November 2012).
Die Stücke werden begleitet von Publikumsgesprächen und Diskussionen zum Thema «Demokratien in Europa», unter anderen mit dem Schweizer Regisseur Milo Rau, der unlängst im Moskau rund um Schauprozesse unter Stalin und Putin recherchiert hat, sowie mit Georg Genoux vom Moskauer Offspace-Theater Joseph Beuys, der szenische Umsetzungen demokratischer Prozesse mit aktiver Publikumsbeteiligung erprobt. Am Sonntag, 18. November, ist der Videofilm «Winter Go Away!» von RegieabsolventInnen der Moskauer Marina-Razbezhkina-Schule für Dokumentarfilm und Theater zu sehen, in dem sie den «letzten russischen Winter» und den Protest gegen Putins erneute Präsidentschaftskandidatur dokumentieren.

«Culturescapes Moskau» in: Basel Kaserne, Fr, 16., bis Fr, 30. November 2012. Detailliertes Programm: 
www.kaserne-basel.ch

Adrian Riklin

Ausstellung

Zurück aus der Wüste

Tindouf ist 3214 Kilometer von seinem Atelier in Zürich entfernt. Auf diese Zahl zumindest ist der Künstler Gilles Fontolliet gekommen.
Tindouf ist ein Ort in der algerischen Wüste, dort leben über 100 000 Menschen in einem Flüchtlingslager. Grund ist der andauernde Westsaharakonflikt zwischen Marokko und der Befreiungsbewegung Frente Polisario, der mit dem Ende der spanischen Kolonie nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen hatte.
Derzeit kontrolliert Marokko die westlichen zwei Drittel der Westsahara, alle grösseren Städte sowie die bedeutenden Phosphatvorkommen. Die Frente Polisario, die 1976 die Demokratische Arabische Republik Sahara ausgerufen hat (die von rund fünfzig Staaten anerkannt wird und Mitglied der Afrikanischen Union ist) und seither für die Unabhängigkeit des gesamten Territoriums kämpft, kontrolliert das Hinterland. Der grösste Teil ihrer Angehörigen jedoch lebt ausserhalb der Westsahara in Flüchtlingslagern.
Tindouf ist eines davon. Diesen Herbst hat Fontolliet die 3214 Kilometer überwunden und sich eine Woche auf Einladung eines Kulturfestivals im Lager aufgehalten – an einem Ort, so der Künstler, «an dem ich nichts verloren habe». So machte er sich auf die Suche nach Antworten auf Fragen, die ihn seit der Einladung beschäftigt haben: «Was soll ich in einem Flüchtlingscamp als Künstler machen, und was kann die Kunst in einem Flüchtlingslager bewirken?»
Unter dem Titel «No Comment» stellt er das, was sich bei seiner künstlerischen Recherche mit seiner Videokamera visualisiert hat, im Bieler Off-Kunstraum Lokal-int vor.

«No Comment» in: Biel Lokal-int, Hugistrasse 3. Vernissage: Do, 15. November 2012, 19 Uhr. 
Bis 20. November 2012. www.lokal-int.ch

Adrian Riklin

Jubiläum

40 Jahre «habs»

Die Homosexuellen Arbeitsgruppen Basel feiern ihren 40. Geburtstag mit einem rauschenden Fest, in dessen Zentrum ein über hundert Seiten starkes Magazin zur Geschichte der «habs» steht. Bereits seit 1974 etwa existiert eine Telefonberatung für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transmenschen. In der Zwischenzeit treffen sich die Vernetzungsgruppen schwuler Väter und Bisexueller regelmässig zum Austausch. Vor einem Jahr ist die Jugendgruppe Anyway dazugestossen.
An der Release-Party zum Magazin am 20. November werden zahlreiche AktivistInnen aus vier Jahrzehnten vor reich dekoriertem Hintergrund mit historischen Dokumenten aus dem bewegten Leben des Vereins erzählen. Die WOZ gratuliert!

«40 Jahre habs» in: Basel, Zisch-Bar, Kaserne, Klybeckstrasse 1b, Di, 20. November 2012, ab 20 Uhr. www.habs.ch

Adrian Riklin

Festival

Arabisches Filmfestival

«Die westlichen Medien haben die Aufstände in der arabischen Welt von Anfang an romantisiert», sagte der deutsch-syrische Autor Rafik Schami kürzlich in der WOZ (Nr. 44/12): «Der Begriff ‹Arabischer Frühling› stammt nicht von den Revolutionären.»
Die Filme, die am 1. Arabischen Filmfestival in Zürich zu sehen sind, werfen keinen romantisierenden Blick auf die arabischen Länder. Vielmehr ermöglichen sie Innenblicke, die uns sonst verwehrt blieben – und die Gelegenheit, mit den Filmschaffenden persönlich ins Gespräch zu kommen. Viele von ihnen sind am Festival anwesend.
Der Kurzdokumentarfilm «She, the Police Man» von Maryam Juma porträtiert eine junge jordanische Polizistin; Mohamed Diab thematisiert in seinem Spielfilm «Kairo 678» die sexuelle Belästigung in Ägypten, mit der ganz verschiedene Frauen konfrontiert werden. Der Spielfilm «Sur la Planche» von Leïla Kilani erzählt von jungen Marokkanerinnen, die in Tanger auf der Suche nach einem besseren Leben sind. «12 Angry Lebaneses» schliesslich ist die filmische Begleitung des Theaterprojekts von Zeina Daccache: Sie studierte während eineinhalb Jahren mit 45 Insassen des grössten Gefängnisses des Libanons ein Stück ein.
Auch die Revolutionen werden am Festival thematisiert. Die Diskussionsrunde «Arabisches Filmschaffen unter staatlicher Zensur» etwa widmet sich der Frage, wie sich die Macht der Zensurbehörden durch die Revolutionen verändert hat. Und mit «Microphone» von Ahmad Abdalla El Sayed Abdelkader ist ein Film zu sehen, der bereits «der Film der ägyptischen Revolution» genannt wird: Abdelkader porträtierte in den Monaten vor der Revolution den Musiker, Skater und Graffitikünstler Khaled, der in die Untergrund-Kunstszene in seiner Heimatstadt Alexandria zurückkehrt. «Microphone» wurde am ersten Tag der ägyptischen Revolution veröffentlicht. Viele der KünstlerInnen, die im Film mitspielen, waren aktiv an der Revolution beteiligt.

1. Arabisches Film Festival in: Zürich Filmpodium, Fr, 16., bis So, 25. November 2012. www.iaffz.com, 
www.filmpodium.ch

Silvia Süess

Pink Panorama

Nicht nur Filme stehen im Zentrum des diesjährigen lesbischschwulen Filmfestivals Pink Panorama in Luzern: Als Stargast wird der deutsche Comiczeichner und Autor Ralf König erwartet. König, der 1987 mit «Der bewegte Mann» zum Kultautor geworden ist, liest aus seinem Comic «Der dicke König» und steht anschliessend für ein Gespräch und Fragen zur Verfügung.
Das Festival zeigt fünfzig Filme aus zwölf Ländern, die sich ganz unterschiedlich mit der Liebe zwischen Männern und unter Frauen auseinandersetzen. In «Bye Bye Blondie» von Virginie Despentes spielen Béatrice Dalle und Emmanuelle Béart zwei alte Freundinnen, die einander nach vielen Jahren wieder treffen – die eine arbeitslos, ohne Familie und dem Bier zugeneigt, die andere eine erfolgreiche Fernsehmoderatorin und unglücklich verheiratet. Als die beiden aufeinandertreffen, kommt vieles ins Rollen. Der Dokumentarfilm «Nebenwirkung Glück» von Julia Csabai und Alida Szabo porträtiert das Leben von Wolfgang und Roland, die 72 und 58 Jahre alt und beide HIV-infiziert sind.
Spannung verspricht auch «Lesbian Factory» von Susan Chen: ein politischer Dokumentar- und Liebesfilm aus Taiwan über das Leben philippinischer Frauen, die in Nordtaiwan Arbeit gefunden haben. Anschliessend an die Vorführung hält Annette Hug, Autorin und Zentralsekretärin für die Gewerkschaft des Personals öffentliche Dienste (VPOD), ein Referat.

11. PinkPanorama in: Luzern Stattkino, Do, 15., 
bis Mi, 21. November 2012. www.pinkpanorama.ch

Silvia Süess

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