Nr. 46/2012 vom 15.11.2012

Der vaterlandslose Pragmatiker

Von Brigitte Matern

Mit neunzehn sass er das erste Mal in Haft, weil er sich für die aufständischen PolInnen im preussisch besetzten Posen begeisterte. Nun war ihm die Polizei auf den Fersen, weil er eine Kundgebung für einen politischen Gefangenen organisiert hatte. Einen Job als Privatdozent konnte der 1826 in Hessen geborene Theologie-, Philologie- und Philosophiestudent vergessen. 1847 wäre er fast in die USA ausgewandert. Doch man überredete ihn zu bleiben.

Und so war er zur Stelle, als im Februar 1848 die FranzösInnen ihren König absetzten und die Aufstandswelle auf die reaktionären deutschen Kleinstaaten übergriff. Er kämpfte zunächst auf den Barrikaden von Paris, kurze Zeit später als Leutnant in der badischen Revolutionsarmee. Nach der Niederlage floh er in die Schweiz, wurde 1850 wegen «sozialistischer Umtriebe» ausgewiesen und ging nach England ins Exil, aus dem er erst 1862 zurückkehrte.

Von Reformen hielt der Radikaldemokrat wenig. Er glaubte, dass nur eine Revolution die Herrschaftsverhältnisse wirklich ändere. Als Pragmatiker war der spätere Reichstagsabgeordnete kompromissbereit: Zum einen wollte er eine Vormachtstellung des militaristischen Preussen in einem künftig geeinten Deutschland verhindern. Zum anderen hoffte er, dass sich im Schulterschluss mit den jungen Gewerkschaften eine schlagkräftige Arbeiter­Innenorganisation aufbauen lasse.

Das Erste misslang. Die Strategie der Parteienbündnisse und Zusammenschlüsse aber ging auf. Auch dank der Sozialistengesetze Bismarcks, die die Bewegung zwölf Jahre in den Untergrund verbannt und damit enorm gestärkt hatten: 1890 errang die frisch aus der Taufe gehobene SPD bei den Reichstagswahlen bereits zwanzig Prozent der Stimmen.

Sein Einsatz gegen Kolonialismus und Krieg, für Völkerverständigung und die Sozialis­tische Internationale brachte dem Chefredaktor des «Vorwärts» insgesamt sechs Jahre Gefängnis ein; zuletzt sass er 1896 wegen Majestätsbeleidigung hinter Gittern. Wer war der «Soldat der Revolution», für den Demokratie ohne Sozialismus keine Demokratie und Sozialismus ohne Demokratie kein Sozialismus war?

Wir fragten nach dem deutschen Politiker und Publizisten Wilhelm Liebknecht (1826–1900). Er ist einer der profiliertesten Gründerväter der deutschen Sozialdemokratie. 1866 hob er zusammen mit August Bebel die Sächsische Volkspartei aus der Taufe. Deren linker Flügel ging später in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei auf, der Vorläuferorganisation der SPD. An seinem Begräbnis im August 1900 – er wollte auf dem Armenfriedhof in Berlin-Friedrichsfelde bestattet werden – nahmen über 100 000 Menschen teil.

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