Nr. 49/2012 vom 06.12.2012

Aktionskunst

Seid ZeugInnen!

Wir leben in einer ZuschauerInnengesellschaft. Was aber, wenn sich diese Zuschauerhaltung derart verinnerlicht, dass wir kaum mehr handlungsfähig sind? Wenn sich im äusserlichen Aktivismus abgrundtiefe Passivität versteckt?
Die Beiträge, die am 15. Bone, dem Festival für Aktionskunst in Bern, zu sehen sind, bewegen sich im Spannungsfeld zwischen zeitgenössischem Theater und Performancekunst. Die Liste der KünstlerInnen und Gruppierungen reicht vom polnischen Theatermacher Wojtek Ziemilski über das Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester oder das Ensemble Neue Horizonte Bern bis zu Jürgen Klauke, Vollrad Kutscher und Raoul Marke, drei alten Weggefährten des vor einem Jahr verstorbenen Festivalgründers Norbert Klassen.
Spätestens wenn das Theater mit dem «Einbruch des Realen» spielt, werden ZuschauerInnen zu ZeugInnen. «Zuschauer zu Zeugen machen» lautet denn auch der Titel des Symposiums, das das Festival zusammen mit den ortsansässigen Instituten für Kunstwissenschaft und für Theaterwissenschaft veranstaltet.
Es wird auch gehörig aufs lokale Geschehen eingewirkt: Cathy van Eck nimmt am Freitagabend die Lärmschutzgesetze der letzten Jahrhunderte in der Stadt Bern zum Anlass, um Klänge, denen per Gesetz das Schweigen auferlegt wurde, wieder in die Stadt zu holen.
«Bone 15» in: Bern Schlachthaus Theater, Stadtgalerie, Kunstmuseum. Bis So, 9. Dezember 2012. www.bone-performance.com

Adrian Riklin

Literatur

Lesungen in Remise und Brocki

Fünfzig Schweizer Verlage stellen im Rahmen von «Dezemberbücher» in der Remise an der Zürcher Lagerstrasse ihre Bücher aus diesem Jahr vor – samt vielen AutorInnen, die aus ihren Werken lesen.
Die Palette reicht vom Kinderbuch über Kunst- oder Sachbücher bis zu Erzählungen und Romanen. Am Freitag, 7. Dezember, findet eine «Kriminacht» statt, in der unter anderen der südafrikanische Autor Mike Nicol aus seinem politischen Krimi «Killer Country» lesen und mit dem Krimikritiker Thomas Wörtche diskutieren wird.
Politisch Interessierte kommen auch am Donnerstag, 13. Dezember 2012, auf ihre Kosten, wenn anlässlich der Präsentation des Buchs «Zürich 68» die Koautorin Christina Späti mit Elisabeth Joris und Erika Hebeisen, den Herausgeberinnen des Buchs, darüber diskutiert, was von 1968 in Zürich und in der Schweiz geblieben ist.
Eher poetisch-philosophisch wird es am Mittwoch, 19. Dezember 2012: Der für seine spektakuläre Vortragsweise bekannte Christian Uetz liest aus seinem philosophischen Roman «Sunderwarumbe. Ein Schweizer Requiem».
Parallel dazu lädt das Zürcher Brockenhaus an der Neugasse 11 bis Ende Dezember 2012 zu einer Audiotour mit Kurzgeschichten von Schweizer AutorInnen ein. Unter dem Titel «Geschichten, wie sie nur Gebrauchtes erzählen kann» sind Texte zu hören von Gion Mathias Cavelty, Roger Graf, Franz Hohler, Silvio Huonder, Thomas Hürlimann, Tim Krohn, Annette Mingels, Stephan Pörtner, Ilma Rakusa, Linus Reichlin, Isolde Schaad, Ruth Schweikert und Beat Sterchi.
«Dezemberbücher» in: Zürich Remise, Lagerstrasse 98. Bis 24. Dezember 2012, geöffnet ab 12 Uhr. Abendveranstaltungen: ab 20 Uhr. Vollständiges Programm: www.dezemberbuecher.ch.
«Audiotour mit Kurzgeschichten» in: Zürich Zürcher Brockenhaus, Neugasse 11. 
Bis 31. Dezember. www.zuercher-brockenhaus.ch

Adrian Riklin

Benefiz

Für den «Ochsen» in Zofingen

Zofingen hat nicht nur eine hübsche Altstadt. Das Kleinstädtchen bietet auch aktuelle akustische Kultur – nicht zuletzt dank der Kulturbeiz Ochsen.
Seit längerem aber ist der Konzert- und Discobetrieb, den der Kulturverein OX. Kultur im Ochsen verantwortet, gefährdet. Nachdem der Aargauer Regierungsrat im September 2009 die Beschwerden von NachbarInnen wegen Lärmbelästigung noch abgewiesen hatte, haben Schallmessungen nach weiteren Reklamationen ergeben, dass die Grenzwerte nicht eingehalten werden können – trotz zusätzlicher Schallschutzmassnahmen. Im April verfügte der Zofinger Stadtrat den Einbau eines Pegellimiters für sämtliche Verstärker.
Seit im Saal keine Konzerte und Discos mehr stattfinden dürfen, werden in einem Alternativprogramm Kulturschaffende aus der Region eingeladen, den Saal mit stillen Beiträgen lebendig zu halten, unlängst etwa mit einem Luftgitarrenwettbewerb.
Da mit dem Verbot die «Kassenschlager» wegfallen und durch die aufwendigen Lärmschutzmassnahmen und Anwaltskosten alle Reserven aufgebraucht sind, steht der Verein kurz vor dem Bankrott. Die Mitglieder haben beschlossen, trotzdem für die Veranstaltung von Konzerten zu kämpfen. Eine Arbeitsgruppe soll nun mit der Stadt neue Lösungsvorschläge diskutieren.
Dieser Tage ist «Kultur im Ochsen» auch auf dem traditionellen Zofinger Weihnachtsmarkt präsent. Am Solidaritätsstand lassen sich Glühmost oder -wein trinken und akustische Darbietungen geniessen.
«Kultur im Ochsen»-Solidaritätsstand am Weihnachtsmarkt in: Zofingen Altstadt Fr, 7., bis So, 9. Dezember 2012. Fr, 17–22 Uhr, Sa, 10–22 Uhr, 
So, 10–18 Uhr. www.oxx.ch

Adrian Riklin

Film

Geburt

«Jede Frau hat das Recht zu entscheiden, wie und wo sie ihr Kind zur Welt bringen will.» So lautet ein Urteil, das der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2010 gefällt hat. Doch dies umzusetzen, ist gar nicht so einfach, denn der Druck auf die ÄrztInnen, dass bei einer Geburt nichts passieren darf, ist sehr gross. Der Hebammenverband Sektion Bern und der Qualitätszirkel Hausgeburtshebammen Bern laden ein zum Film und zur Diskussion. Zu sehen ist «Freedom for Birth», ein sechzigminütiger Dokumentarfilm von Toni Harman und Alex Wakeford, der von Agnes Gereb erzählt, einer ungarischen Hebamme, die dieses Jahr verurteilt wurde, weil sie Frauen bei Hausgeburten begleitet hatte. Im Film zu Wort kommen auch GeburtsexpertInnen und MenschenrechtsanwältInnen. Anschliessend diskutieren verschiedene Fachpersonen zum Thema.
«Freedom for Birth» in Bern: Kino in der Reitschule, Do, 13. Dezember, 20.30 Uhr. 
www.kino.reitschule.ch

Silvia Süess

Konzert

Kilbi im Überall

«Das Land zieht in die Stadt und breitet sich Überall aus. Zürich hat schon lange darauf gebrannt, sich von den trendgelösten Shoobies aus dem Uechtland einnehmen zu lassen. ‹Ici c’est Kilbi› und alle Katzen gehen fremd, solange die Moods stimmt und Helsinki auch nur ein Volk ist, das den Bogen spannt und sich im Exil den Grössenwahn von den Schultern klopft». Das klingt alles etwas kryptisch, lässt sich aber leicht aufdröseln.
In der Musikbeilage der WOZ vom 18. Oktober 2012 war ein erster Hinweis zur Kilbi im Überall von Zürich zu lesen. Das Überall liegt zwischen dem Escher-Wyss-Platz und dem Bahnhof Hardbrücke. Die Musikclubs Moods, Helsinki, Bogen F und Exil sind ins Programm eingebunden. Das Land befindet sich in diesem Fall am Schiffenensee, im an der Sprachgrenze gelegenen Konzertlokal Bad Bonn im freiburgischen Düdingen. Dort wird seit 1995 jeweils im Mai die Kilbi neu und musikalisch gewagt interpretiert.
Seit vergangenem Jahr wird im Bad Bonn auch ein Musikprogramm für Zürich ausgeheckt, das voller Überraschungen ist. Das Zürcher Kilbiwochenende bietet ein Alternativprogramm zu den Weihnachtsmärkten und Raclettebuden im Chaletstil, die das Stadtgebiet grossflächig überziehen.
Dieses Jahr gibt es ein Wiedersehen mit Mission of Burma, Oy (Joy Frempong), The Jon Spencer Blues Band, Beak›, Disco Doom und Bit-Tuner. Zu entdecken sind The Pyramids, die bereits Anfang der siebziger Jahre an der Westküste der USA im Windschatten des Sun Ra Arkestra aktiv waren. Dazu gibts jede Menge Bands und SolistInnen mit anhin noch wenig klingenden Namen wie Efterklang, Jens Lekman, Camilla Sparksss und andere. Das in der Musikbeilage angekündigte Konzert von Cat Power ist auf später verschoben.
Kilbi im Überall in: Zürich Moods, Helsinki, 
Bogen F und Exil, Fr/Sa, 7./8. Dezember 2012, 
ab 18.30 Uhr. www.kilbi-im-ueberall.ch

Fredi Bosshard

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