Nr. 02/2013 vom 10.01.2013

Ein Verleger auf Schatzsuche

Der 59-jährige Basler Piet Meyer, der zwischen Wien und Zürich pendelt, etablierte innerhalb weniger Jahre einen viel beachteten Kunstbuchverlag.

Von André Behr (Text) und Ursula Häne (Foto)

Der Verleger ähnelt auch ein wenig einem Wahrsager: Piet Meyer in seiner Zürcher Wohnung.

Piet-Meyer-Bücher schmückt ein hübsch gezeichneter Koffer, der an die Zeiten Joseph Conrads und dessen Schiffsreisen erinnert. Er ist geöffnet, aber hineinschauen kann man nicht. Prosaisch wird ein solches Signet «Verlagslogo» genannt, diese Zeichnung allerdings versetzt einen ins Träumen und weckt Fragen. Verbirgt der Koffer etwas? Oder soll er erst noch gepackt werden? Und wenn ja, wohin geht wohl die Reise?

Die kleine Zeichnung hatte Piet Meyer bei der Gründung seines Verlags 2007 ausgewählt, weil er in ihr eine Schatzkiste sieht, die es zu heben gilt. «Die Kiste steht am Strand der Buchwelt», sagt der 59-Jährige, «und verbirgt viele wunderbare Buchideen.» Neunzehn davon hat er inzwischen in Bücher verwandelt und diese, je nach Umfang, den eigenwillig benannten drei Reihen die «KleineBibliothek», die «NichtSoKleineBibliothek» und die «KapitaleBibliothek» zugeordnet. In Letzterer erschienen jüngst viel beachtete Gespräche des englischen Kunsthistorikers Martin Gayford mit David Hockney sowie ein Band über den Diebstahl zweier William-Turner-Bilder 1994, geschrieben von Sandy Nairne, dem Direktor der Londoner National Portrait Gallery.

Suchen und finden

In Wahrheit hat Piet Meyer natürlich keine prallvolle Schatzkiste gefunden, sondern über Jahre Kunstzeitschriften, Bibliotheken und Archive durchforstet, ehe er als Büchermacher loslegte. Denn auch Ideen muss man sich erarbeiten. Als leidenschaftlicher Leser waren ihm immer schon Texte aufgefallen, deren AutorInnen offensichtlich hochinteressante Quellen verwendeten, die man veröffentlichen sollte. Doch erst in der Pariser Buchhandlung Librairie La Hune fügte sich alles zusammen. Dort erwarb er liebevoll gemachte Bändchen des Pariser Kleinverlags L’Échoppe, las diese noch in derselben Nacht durch und begriff: «So etwas will ich auf Deutsch machen.»

«Wenn man auf dem richtigen Weg ist», erinnert sich Meyer an die lange Zeit der Recherche, «sucht man nicht, sondern findet, wie Pablo Picasso einmal sagte.» Über zweihundert Buchideen ruhen noch in einer Schublade. Gefunden hat er sie vor allem beim Durchblättern ganzer Jahrgänge legendärer Kunstzeitschriften. Publiziert sind nun beispielsweise Erinnerungen des deutschen Philosophen Georg Simmel an einen Besuch bei Auguste Rodin 1905, kontroverse Reaktionen der Schweizer Presse auf eine Visite von Pablo Picasso 1932 in Zürich, ein Brief Edmond Renoirs über seinen Bruder Auguste an die Pariser Presse oder von KünstlerkollegInnen aufgezeichnete Begegnungen mit Jackson Pollock.

Auch sehr ausführliche Gespräche hat Meyer herausgegeben, zum Beispiel von Donald Kuspit mit Louise Bourgeois und von Michael Peppiatt mit Francis Bacon, oder die vergnüglichen Memoiren von Marcel Duchamps wenig bekannter erster Ehefrau Lydie Sarazin-Levassor. Es sind solch persönlich gefärbte Texte, die es ihm angetan haben. Aus ihnen kann man sehr viel über die Beweggründe der Künstlerinnen und Künstler lernen.

Modisch abgehobene Diskurse hingegen mag Meyer gar nicht, denn er hat selbst viel zu viel erlebt: in seiner Jugend, die er als «nicht einfach» beschreibt, als studierter Ethnologe bei Feldforschungen in Afrika oder als Kurator und Spezialist für afrikanische Stammeskunst am Zürcher Museum Rietberg und im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde.

Toggenburg und Russland

Aufgewachsen ist Piet Meyer mit seinen zwei Jahre jüngeren Zwillingsschwestern in Bern und Basel, in einer «kunstaffinen Familie», wie er es distanziert formuliert. Tatsächlich war sein Vater Franz Meyer Kunsthistoriker, Vorgänger von Harald Szeemann an der Berner Kunsthalle und ab 1961 Direktor des Kunstmuseums Basel, ein Mann aus einem nach Zürich eingewanderten Toggenburger Geschlecht, der ganz in seiner Berufswelt aufging. Piet Meyers Mutter stammte aus einer russischen Dynastie, die Politiker wie Kunstschaffende hervorbrachte. Einer ihrer Onkel beispielsweise entwickelte nach der russischen Revolution in Petrograd den Fünfjahresplan.

Bei den Meyers zu Hause sprach man Französisch, denn die Mutter und ihre Eltern waren noch kurz vor Lenins Tod in den zwanziger Jahren nach Paris emigriert. Schweizerdeutsch lernte Piet Meyer erst mit neun Jahren, nach dem Umzug von Bern nach Basel. Er sei ein hybrider Mensch, der sich weder in der Schweiz noch in Frankreich oder in Wien ganz heimisch fühle, von wo aus er heute hauptsächlich seine Geschäfte führt.

Sein Ethnologiestudium sieht er als einen emanzipatorischen Akt. Obwohl ihm Kunst durchaus zusagte und er immer auch Ausstellungen besuchte, wollte er der in der Familie omnipräsenten Kunstwelt etwas entgegensetzen. Erst viel später nahm er diesen Faden wieder auf. Als Ethnologe zwangsläufig, weil er ohne die Spezialisierung auf afrikanische Kunst kaum eine Kuratorenstelle bekommen hätte. Später dann freiwillig, wie er sagt, «um mich kundig zu machen und mit dem Verlag mein eigenes Terrain zu bestellen».

Wahrsager und Heiler

Während des Studiums an der Universität Basel hatten Meyer vor allem die kognitiven Denkprozesse in der Wahrsagerei interessiert, speziell im frankofonen Westafrika. Insgesamt ein Jahr lang beobachtete er in den siebziger Jahren vor Ort die Wahrsagerituale der Lobi in Burkina Faso, die er als ein damals freundliches und lustiges Volk schildert, wie er es nirgends sonst gesehen habe. Divinatorische Systeme findet man überall in der Welt, doch während die Wahrsagerei in hierarchischen Staaten wie bei den Sumerern oder im alten China SpezialistInnen vorbehalten war, können in egalitären Gesellschaften diese Funktion alle – zumindest alle Männer – übernehmen. Heiler oder Priester leben bei den Lobi von der Bewirtschaftung ihrer Felder.

Versagt der gesunde Menschenverstand, wenden sich Lobi an einen Wahrsager, der während einer Sitzung, die sich über zwei Stunden hinziehen kann, einem Geist im Raum in rasendem Tempo und hochritualisiert Hunderte von Fragen stellt. Am Ende gehen sie im positiven Fall mit einer Aufgabe nach Hause, etwa ein kleines Opfer zu bringen, ein Gebet zu sprechen, etwas in den Sand zu zeichnen oder ein Fest zu organisieren. Im negativen Fall suchen sie sich einen anderen Ratgeber. «Dieser Fragepfad des Wahrsagers», erinnert sich Meyer, «und das Erlebnis, wie in einem 200-Seelen-Dorf im Busch alles mit allem zusammenhängt, haben mich unendlich fasziniert.»

Verleger und Dorfgeister

Im übertragenen Sinn ähnelt die Verlagsbranche durchaus einem Wahrsagebetrieb. Jedenfalls muss ein Verleger ein Gespür dafür haben, welche Titel ankommen. Die meisten Kunstbuchverlage setzen da auf aktuelle Museumsprogramme und auf eine substanzielle Vorfinanzierung durch Ausstellungsmacherinnen oder Mäzene. Entsprechend vorhersehbar sind dann die neuen Titel. Meyer orientiert sich zwar ebenfalls an Äusserlichkeiten wie Jubiläen, etwa dem 100. Geburtstag von Louise Bourgeois 2011, von Jackson Pollock 2012 oder von Wols 2013, baut aber vor allem auf Übersetzungen wie beim David-Hockney- oder dem William-Turner-Buch und natürlich auf seine Schatzkiste. Dieses Frühjahr wird er daraus neben Wols ein weiteres Louise Bourgeois gewidmetes Werk hervorziehen, das, wie oft in diesem Verlag, beachtliche literarische Qualität hat.

Trotz all seiner Erfahrung mit Dorfgeistern täuscht sich freilich auch Meyer manchmal. Als Quereinsteiger und Solist ohne festangestellte MitarbeiterInnen hat er eine harte Schule durchlaufen. Zu Fragen über Lizenzen, Rechte, Gestaltung, Druck und Binden bis Marketing und Vertrieb musste er sich viel Spezialwissen aneignen. Vorsichtig begann er deshalb mit einem kleinen Programm und kleinen Auflagen. Mit dem wachsenden Erfolg hat sich das geändert. Inzwischen kann Meyer auch mal eine Startauflage von 5000 Stück ansetzen und jetzt pro Jahr fünf neue Titel herausbringen.

Mittlerweile hat es sich in der Kunstwelt herumgesprochen, dass Piet-Meyer-Bücher ausgesprochene Preziosen sind, in denen von der Bildauswahl bis zu den erläuternden Begleittexten alles stimmt. Diese Verlässlichkeit überzeugte nicht nur den arg strapazierten Buchhandel. Sie war für den renommierten Londoner Verlag Thames & Hudson ausschlaggebend, die deutschen Rechte am Hockney-Buch einem Kleinverlag aus Wien zu übertragen.

In der Schönheit des Buchobjekts sieht Meyer zudem eine Chance, um gegen die anwachsende Flut von E-Books zu bestehen. Im Unterschied zu vielen anderen Verlagen bietet er elektronische Versionen schon gar nicht erst an. Wie gute Kunst ist auch das Büchermachen eine Frage der Haltung.

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